Odyssee und neue Perspektiven des Werks von Karl Marx

Von tausend Sozialisten hat vielleicht einer eine ökonomische Schrift von Marx gelesen, von tausend Antimarxisten nicht einmal einer.

 

I. EINLEITUNG
Wenige Menschen haben die Welt aufgerüttelt wie Karl Marx. Auf seinen Tod folgte unmittelbar, mit einer Geschwindigkeit, die in der Geschichte kaum ihresgleichen hat, das Echo des Ruhms. Sehr bald führten die Arbeiter von Chicago und Detroit, genau wie die frühen indischen Sozialisten in Kalkutta, den Namen Marx im Munde. Sein Bild hing im Hintergrund beim Kongress der Bolschewiki in Moskau nach der Revolution. Sein Denken inspirierte Programme und Satzungen aller politischen und gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterbewegung, von ganz Europa bis nach Shanghai. Seine Ideen haben die Philosophie, die Geschichte, die Ökonomie unwiderruflich verändert.
Doch, trotz der Durchsetzung seiner Theorien, die im 20. Jahrhundert für einen Großteil der Menschheit zur herrschenden Ideologie und Staatsdoktrin wurden, und ungeachtet der enormen Verbreitung seiner Schriften, fehlt es bis heute an einer integralen, wissenschaftlichen Edition seiner Werke. Unter den großen Autoren der Menschheit wurde dieses Schicksal allein ihm zuteil.
Ein Hauptgrund für diese Sonderstellung liegt in dem weitgehend unvollständigen Charakter seines Werks. Sieht man nämlich von den Zeitungsartikeln ab, die in den fünfzehn Jahren zwischen 1848-1862 erschienen, größtenteils in der «New-York Tribune», die zu jener Zeit zu den wichtigsten Tageszeitungen der Welt zählte, so wurden im Vergleich zu den zahlreichen nur teilweise verwirklichten Arbeiten und dem beeindruckenden Berg durchgeführter Untersuchungen nur relativ wenige Werke veröffentlicht. Bezeichnenderweise antwortete Marx, als Karl Kautsky ihn 1881, einem von Marx’ letzten Lebensjahren, über die Möglichkeit einer vollständigen Edition seiner Werke befragte: «sie müssten erst sämtlich geschrieben sein» .
Marx hinterließ also weitaus mehr Manuskripte als in Druck gegebene Werke. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung war sein Werk fragmentarisch, bisweilen widersprüchlich, und diese Aspekte unterstreichen eins seiner Hauptmerkmale, nämlich die Unvollendetheit. Marxens überaus strenge Methode und schonungslose Selbstkritik, die die Beendigung vieler in Angriff genommener Arbeiten unmöglich machten; die äußerst elenden Lebensbedingungen und der andauernd schlechte Gesundheitszustand, die ihn sein ganzes Leben lang plagten; der unerschöpfliche Erkenntnisdrang, der die Jahre hindurch unverändert blieb und ihn zu immer neuen Studien trieb; schließlich das in reifem Alter erlangte Bewusstsein von der Schwierigkeit, die Komplexität der Geschichte in einem theoretischen Projekt zu fassen – all dies machte aus der Unvollendetheit die treue Begleiterin und den Fluch von Marxens gesamter Produktion, aber auch seines Lebens. Der kolossale Plan seines Werks wurde nur zum geringsten Teil ausgeführt, so dass seine unablässigen intellektuellen Bemühungen literarisch gesehen scheiterten. Nichtsdestotrotz erwiesen sie sich als genial und außerordentlich folgenreich .
Dem fragmentarischen Charakter von Marx’ Nachlass und seinem Veto gegen die Schaffung einer weiteren Soziallehre zum Trotz, wurde das unvollendete Werk indes umgewälzt und ein neues System, der «Marxismus», entstand.

II. MARX UND DER MARXISMUS: UNVOLLENDETHEIT VERSUS SYSTEMATISIERUNG
Nach dem Tod von Marx, im Jahr 1883, widmete sich Friedrich Engels als erster dem Unterfangen, den Nachlass seines Freundes in Druck zu geben, das sich angesichts der Zerstreutheit des Materials, der verworrenen Sprache und der Unleserlichkeit der Schrift als äußerst schwierig erwies. Seine Arbeit konzentrierte sich auf die Rekonstruktion und Auswahl der Originale, die Publikation unveröffentlichter oder unvollständiger Texte und gleichzeitig auch auf die Neuherausgabe und Übersetzung der schon bekannten Schriften.
Mit wenigen Ausnahmen, wie den [Thesen über Feuerbach] , die 1888 im Anhang zu seinem Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie publiziert wurden, und der [Kritik des Gothaer Programms], die 1891 erschien, gab Engels der Redaktionsarbeit für die Vollendung des Kapitals, von dem nur das erste Buch fertiggestellt worden war, den unbedingten Vorrang. Diese Anstrengung, die über ein Jahrzehnt in Anspruch nahm, wurde in der erklärten Absicht unternommen, «ein zusammenhängendes und möglichst abgeschloßnes Werk» herzustellen. Auch wenn diese Entscheidung verständlichen Anforderungen entsprach, bewirkte sie den Übergang von einem partiellen, vorläufigen Text, der in weiten Teilen aus «in statu nascendi niedergeschriebenen Gedanken» und vorbereitenden Aufzeichnungen bestand, die Marx sich gewöhnlich für weitere Ausarbeitungen der behandelten Themen vorbehielt, zu einem anderen, einheitlichen Text, der den Anschein einer systematischen und vollendeten ökonomischen Theorie erweckte. Im Zuge seiner Redaktionsarbeit, während er jene Texte sichtete, die keine Endfassungen, sondern Varianten darstellten, ließ Engels sich von dem Anliegen der Vereinheitlichung leiten und rekonstruierte die von endgültigen Texten weit entfernten Bücher zwei und drei des Kapitals nicht in ihrer Entstehung und Entwicklung, sondern gab abgeschlossene Bände in Druck .
Im Übrigen, hatte er schon vorher mit seinen eigenen Schriften dazu beigetragen, einen Prozess theoretischer Systematisierung in Gang zu bringen. Der 1878 erschienene Anti-Dühring, den er als «mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung» bezeichnete, wurde zum zentralen Bezugspunkt bei der Herausbildung des «Marxismus» als System und bei dessen Differenzierung von dem zu jener Zeit vorherrschenden eklektischen Sozialismus. Noch größeren Einfluss hatte Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, einer umgearbeiteten Version von drei Kapiteln der vorzitierten Schrift zu Verbreitungszwecken, die erstmals 1880 erschien und ähnlich erfolgreich war wie das Manifest der kommunistischen Partei. Wenngleich ein klarer Unterschied bestand zwischen dieser Art von Popularisierung, die sich in offener Polemik gegen die simplizistischen Verkürzungen der enzyklopädischen Synthesen vollzog, und derjenigen, die dagegen von der Folgegeneration der deutschen Sozialdemokratie betrieben wurde, ebnete Engels’ Rekurs auf die Naturwissenschaften jedoch der evolutionistischen Konzeption den Weg, die sich wenig später auch in der Arbeiterbewegung durchsetzen sollte.

Marx’ unzweifelhaft kritisches, offenes, wenn auch von deterministischen Versuchungen nicht gänzlich unberührtes Denken fiel dem kulturellen Klima im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts zum Opfer, das wie nie zuvor von systematischen Konzeptionen, allen voran dem Darwinismus, durchdrungen war. Um derlei Konzeptionen sowie dem Bedürfnis nach Ideologie zu entsprechen, das auch in den Reihen der Arbeiterbewegung wuchs, nahm der neugeborene «Marxismus», der in der von Kautsky herausgegebenen Zeitschrift «Die Neue Zeit» frühzeitig Orthodoxie geworden war, sehr bald dieselbe Gestalt an. Eine entscheidende Rolle spielten in diesem Zusammenhang die in der deutschen Partei verbreitete Unkenntnis und Aversion gegen Hegel – ein wahres Buch mit sieben Siegeln – und gegen dessen Dialektik, die gar betrachtet wurde als das «Verräterische in der Marxschen Doktrin, der Fallstrick, der aller folgerichtigen Betrachtung der Dinge im Wege liegt» .
Weitere Faktoren, die zur Umwandlung von Marxens Werk in ein System beitrugen, lassen sich in den Modalitäten seiner Verbreitung ausmachen. Wie die geringe Auflage der damaligen Ausgaben seiner Texte beweist, wurden vorzugsweise zusammenfassende Bändchen und sehr verkürzte Abrisse rezepiert. An einigen seiner Werke machten sich zudem die Wirkungen politischer Instrumentalisierung bemerkbar. So tauchten die ersten von den Herausgebern umgearbeiteten Ausgaben auf. Begünstigt durch die Ungewissheit des marxschen Nachlasses, setzte sich diese Praxis, zusammen mit der Zensur einiger Schriften, immer mehr durch. Die Handbuchform, ein bedeutendes Vehikel für die Verbreitung von Marx’ Denken in der Welt, war sicher ein sehr wirksames Propagandawerkzeug, bedeutete aber auch eine Verfälschung der ursprünglichen Konzeption. In der Begegnung mit dem Positivismus und in der Anpassung an die praktischen Erfordernisse der proletarischen Partei übersetzte sich die Verbreitung seines komplexen, unvollendeten Werks schließlich in Verarmung und Vulgarisierung des ursprünglichen Erbes , bis es, von Kritik in Weltanschauung verwandelt, ganz und gar unkenntlich war.
Aus diesen Entwicklungsprozessen ergab sich eine Doktrin, die auf einer schematischen, elementar evolutionistischen und mit ökonomischem Determinismus getränkten Interpretation fußte: der «Marxismus» zur Zeit der Zweiten Internationale (1889-1914). Vom ebenso festen wie naiven Glauben an den automatischen Fortgang der Geschichte und somit an die unausbleibliche Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus geleitet, erwies sie sich als unfähig, den realen Gang der Gegenwart zu begreifen, und erzeugte eine Art fatalistischen Quietismus, der bald zu einem Stabilitätsfaktor der bestehenden Ordnung geriet, indem man die notwendige Verbindung zur revolutionären Praxis durchtrennte . So wurde der große Abstand zu Marx offenbar, der schon in seinem ersten Werk erklärt hatte: «Die Geschichte tut nichts […]; es ist nicht etwa die ‘Geschichte’, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen» .
Die Zusammenbruchstheorie, das heißt die These vom bevorstehenden Ende der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die in der zwanzigjährigen Wirtschaftskrise der Großen Depression ab 1873 einen günstigen Nährboden fand, wurde als inneres Wesen des wissenschaftlichen Sozialismus ausgegeben. Die Ausführungen von Marx, die darauf abzielten, die dynamischen Prinzipien des Kapitalismus zu skizzieren und dessen allgemeine Entwicklungstendenz zu beschreiben , wurden in allgemeingültige historische Gesetze verkehrt , von denen sich vermeintlich der Gang der Ereignisse bis in die Einzelheiten ableiten ließ.
Die Vorstellung vom in den letzten Zügen liegenden, von selbst zum Untergang bestimmten Kapitalismus war auch im theoretischen Ansatz der ersten gänzlich «marxistischen» Plattform einer politischen Partei, dem Erfurter Programm von 1891, und in dem diesbezüglichen Kommentar Kautskys zu finden. Dieser verkündete: «die unaufhaltsame ökonomische Entwicklung führt den Bankrott der kapitalistischen Produktionsweise mit Naturnotwendigkeit herbei. Die Bildung einer neuen Gesellschaftsform an Stelle der bestehenden ist nicht mehr bloß etwas Wünschenswertes, sie ist etwas Unvermeidliches geworden» . Der Kommentar war der bedeutendste und offensichtlichste Ausdruck der inneren Grenzen der Ausarbeitung jener Zeit und offenbarte die tiefe Kluft im Verhältnis zu dem, an dem sie sich inspirierte.
Selbst Eduard Bernstein, der mit seiner Auffassung des Sozialismus als Möglichkeit, statt als Unausweichlichkeit einen Bruch mit den herrschenden Interpretationen der Zeit vollzogen hatte, lieferte von Marx eine ebenso verzerrte Interpretation, die sich nicht im mindesten von den zeitgenössischen Lesarten unterschied. Durch die große Resonanz der Bernstein-Debatte trug er zur Verbreitung eines gleichermaßen verfälschten und instrumentalisierten Marx-Bildes bei.

Der russische «Marxismus», der im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine grundlegende Rolle bei der Verbreitung des marxschen Denkens spielte, verfolgte den Weg der Systematisierung und Vulgarisierung mit gar noch größerer Starrheit.
Nach Ansicht seines ersten wichtigen Pioniers, Georgij Plechanow, war der Marxismus nämlich «eine ganze Weltanschauung» , die er im Sinn eines simplizistischen Monismus interpretierte, wonach die Veränderungen im Überbau der Gesellschaft im Gleichschritt mit den ökonomischen Veränderungen vorangehen. In Materialismus und Empiriokritizismus von 1909 definiert Lenin den Materialismus als «Anerkennung der objektiven Gesetzmäßigkeit der Natur und der annähernd richtigen Widerspiegelung dieser Gesetzmäßigkeit im Kopf des Menschen» . Wille und Bewusstsein der Menschheit müssen sich «unvermeidlich und notwendig» der Naturnotwendigkeit anpassen. Wiederum trägt der positivistische Ansatz den Sieg davon.
Trotz des scharfen ideologischen Kontrasts jener Jahre gingen also viele der Theorieelemente, welche die Entstellung des marxschen Denkens durch die Zweite Internationale geprägt hatten, in die Theorie ein, die fortan den kulturellen Hintergrund der Dritten Internationale bilden wird. Besonders deutlich spricht diese Kontinuität aus der 1921 erschienenen Theorie des historischen Materialismus von Nikolaj Bucharin, der meint: «Alle merken, dass in der Natur sowohl wie in der Gesellschaft eine bestimmte Regelmäßigkeit, eine bestimmte Gesetzmäßigkeit vorhanden ist. Es ist die erste Aufgabe der Wissenschaft, diese Regelmäßigkeit zu entdecken» . Dieser ausschließlich auf die Entwicklung der Produktivkräfte gestützte gesellschaftliche Determinismus brachte eine Doktrin hervor, nach der «die Vielheit der in der Gesellschaft wirksamen Ursachen keineswegs der Existenz einer einzigen einheitlichen Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung widerspricht» .
Von besonderem Interesse ist die Kritik von Antonio Gramsci, der einer Auffassung entgegentrat, in der die «Fragestellung als eine Suche nach Gesetzen, nach konstanten, regelmäßigen, gleichförmigen Linien […] mit dem etwas kindlich und naiv gefassten Bedürfnis zusammen[hängt], das praktische Problem der Vorhersehbarkeit der geschichtlichen Ereignisse endgültig zu lösen» . Seine klare Weigerung, die marxsche Philosophie der Praxis auf eine grobschlächtige Soziologie, «eine Weltauffassung auf ein mechanisches Formelwerk zu reduzieren, das den Eindruck macht, die ganze Geschichte in der Tasche zu haben» , war gerade deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil er damit über Bucharins Schrift hinausging und die weit über diesen hinaus verbreitete Orientierung zu bekämpfen suchte, die in der Sowjetunion schließlich eine unangefochtene Vorherrschaft führen wird.
Mit der Durchsetzung des «Marxismus-Leninismus» fand die Entstellung des marxschen Denkens ihren endgültigen Ausdruck. Die Theorie wurde ihrer Funktion einer Leitschnur für das Handeln entkleidet, um dieses stattdessen nachträglich zu rechtfertigen. Unumkehrbar wurde der Prozess mit dem «Diamat» (Dialekticeskij materializm), der «Weltanschauung der marxistisch-leninistischen Partei» . Die wesentlichen Züge dieser Weltanschauung legte Stalins Bändchen Über dialektischen und historischen Materialismus aus dem Jahr 1938 fest, das eine außerordentliche Verbreitung erfuhr. Die Phänomene des kollektiven Lebens, so Stalin, stellen «Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Gesellschaft» dar, die «erkennbar» sind; «die Geschichte der Gesellschaft wird zur gesetzmäßigen Entwicklung der Gesellschaft, und die Erforschung der Geschichte der Gesellschaft verwandelt sich in eine Wissenschaft»: «Also kann die Wissenschaft von der Geschichte der Gesellschaft trotz aller Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu einer genau so exakten Wissenschaft werden wie, sagen wir, die Biologie, zu einer Wissenschaft, die imstande ist, die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft in der Praxis auszunutzen» . Für die Partei des Proletariats stelle sich folglich die Aufgabe, ihre eigene Aktivität auf diese Gesetze zu gründen. Offenkundig hat das Missverständnis der Begriffe ‚wissenschaftlich’ und ‚Wissenschaft’ hiermit seinen Höhepunkt erreicht. An die Stelle der Wissenschaftlichkeit der auf sorgfältigen und kohärenten theoretischen Kriterien fußenden marxschen Methode trat die Vorgehensweise der Naturwissenschaften, die keinerlei Widerspruch zuließ.
Im Verein mit dem ideologischen Katechismus fand der denkbar starrste, intransigenteste Dogmatismus einen fruchtbaren Boden. Völlig losgelöst von der gesellschaftlichen Komplexität, speiste er sich, wie immer, wenn er auftritt, aus einer ebenso arroganten wie unbegründeten Wirklichkeitserkenntnis. Was die nicht vorhandene Beziehung zu Marx angeht, reicht es, sein Lieblingsmotto in Erinnerung zu rufen: De omnibus dubitandum .
Die «marxistisch-leninistische» Orthodoxie setzte einen strengen Monismus durch, der unfehlbar auch die Schriften von Marx in ein verfälschendes Licht rückte. Zwar erlebte der «Marxismus» mit der sowjetischen Revolution unbestreitbar eine bedeutende Ausdehnung und Verbreitung in geografischen Gebieten und Gesellschaftsklassen, aus denen er bis dahin ausgeschlossen war. Doch wiederum betraf die Zirkulation der Texte nicht unmittelbar Marxens Schriften, sondern Parteihandbücher, Vademekums und «marxistische» Anthologien zu den verschiedensten Themen. Außerdem griff die Zensur bestimmter Werke, die Zergliederung und Manipulation anderer sowie die Praxis der Herauslösung von Zitaten aus dem Zusammenhang und ihrer geschickten Montage immer mehr um sich. Solchen Zitaten, auf die man zu festgesetzten Zwecken zurückgriff, wurde die gleiche Behandlung zuteil, die der Räuber Prokustes seinen Opfern angedeihen ließ: waren sie zu lang, wurden sie gekürzt, waren sie zu kurz, wurden sie gestreckt.

Sicher ist es ein schwieriges Unterfangen, ein gelungenes Verhältnis herzustellen zwischen Verbreitung und Nicht-Schematisierung eines Denkens, zwischen seiner Popularisierung und dem Anspruch, es nicht zu verarmen – namentlich wenn es sich um ein so kritisches und gewollt nichtsystematisches Denken handelt wie das von Marx. Ihm konnte aber jedenfalls nichts Schlimmeres widerfahren.
Von verschiedener Seite nach Maßgabe politischer Notwendigkeiten und Kontingenzen zurechtgebogen, wurde er mit diesen gleichgesetzt und in ihrem Namen verunglimpft. Seine kritische Theorie wurde nach Art der Auslegung von Bibelversen behandelt, und es entstanden die undenkbarsten Paradoxe. Stets war er dagegen gewesen, «Rezepte […] für die Garküche der Zukunft zu verschreiben» , und wurde zum Urheber eines neuen Gesellschaftssystems gemacht. Er war ein Kritiker der strengsten Sorte, der sich nie mit Endpunkten zufrieden gab, und wurde zur Quelle des halsstarrigsten Doktrinarismus. Unermüdlich hatte er die materialistische Geschichtsauffassung verfochten, und wurde seinem historischen Kontext mehr als jeder andere Autor entrissen. Er war überzeugt, «dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß» , und wurde für eine Ideologie vereinnahmt, in der die politischen Avantgarden und Parteispitzen in der Rolle von Förderern des Klassenbewusstseins und Revolutionsführern die Vorherrschaft davontrugen. Er war ein überzeugter Verfechter der Abschaffung des Staates und wurde zu dessen Bollwerk stilisiert. Wie wenige andere Denker war er an der freien Entwicklung der Individualität der Menschen interessiert gewesen, hatte – gegen das bürgerliche Recht, das die sozialen Ungleichheiten hinter einer rein legalen Gleichheit versteckt – gefordert, dass «das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein» müsste , und wurde mit einer Konzeption gleichgesetzt, die den Reichtum der kollektiven Dimension in der Ununterschiedenheit der Homologisierung zunichte gemacht hat.
Die ursprüngliche Unvollendetheit der großen kritischen Arbeit von Marx ging unter dem Druck der Systematisierungsbestrebungen der Epigonen verloren, die unausweichlich die Entstellung seines Denkens herbeiführten, bis es schließlich ausgelöscht wurde und dastand als seine eigene Negation.

III. EIN VERKANNTER AUTOR
«Wurden je die Schriften von Marx und Engels […] von irgend jemandem außerhalb des engsten Freundes- und Schülerkreises, d. h. der unmittelbaren Gefolgsleute und Interpreten dieser Autoren lückenlos gelesen?» So formulierte Antonio Labriola 1897 die Frage, was von den Marx-Engels’schen Werken bis dahin bekannt war. Er kam zu einem unmissverständlichen Schluss: «Die Lektüre aller Schriften der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus ist bis heute sozusagen ein Privileg der Eingeweihten»; der «historische Materialismus […] hat […] unendlich viele Missverständnisse, Zweideutigkeiten, groteske Verdrehungen, seltsame Verwandlungen über sich ergehen lassen müssen» . Ein imaginärer «Marxismus». In der Tat entsprang die Überzeugung, dass Marx und Engels tatsächlich gelesen worden seien, einer hagiografischen Legende, wie die spätere historiografische Forschung bewiesen hat. Viele ihrer Schriften waren nämlich auch in der Originalsprache rar oder unauffindbar. Der Appell des italienischen Wissenschaftlers, «eine vollständige und kritische Ausgabe aller Schriften von Marx und Engels zu besorgen» , entsprach somit einer unumgänglichen allgemeinen Notwendigkeit. Nach Labriola durfte es nicht darum gehen, Anthologien zusammenzustellen oder ein testamentum juxta canonem receptum zu verfassen, sondern «das ganze umfangreiche wissenschaftliche und politische Wirken der beiden Begründer des kritischen Sozialismus, ihre gesamte schriftstellerische Produktion, auch wenn sie gelegenheitsbedingt ist, muss der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden […], damit sie alle Lesewilligen unmittelbar ansprechen» . Über ein Jahrhundert später ist dieses Projekt noch immer nicht realisiert.
Neben solchen vorwiegend philologischen Betrachtungen stellte Labriola auch theoretische Überlegungen an, die für seine Zeit von erstaunlicher Weitsicht künden. Alle unabgeschlossenen Schriften und Arbeiten von Marx und Engels betrachtete er als «Fragmente einer ständig im Werden befindlichen Wissenschaft und Politik». Um zu verhindern, dass in ihnen gesucht werde, «was in ihnen nicht steht und nicht zu stehen hat», nämlich «eine Art Vulgata oder Gebotstafel für die Interpretation der Geschichte aller Zeiten und Orte», und um sie recht verstehen zu können, müssten sie in ihre Entstehungszeit und ihren Entstehungszusammenhang eingebettet werden. Dagegen würden diejenigen, die «das Denken und Wissen wie etwas materiell Existierendes auf[fassen], statt wie Aktivitäten in fieri», das heißt «die Doktrinäre und Vermessenen aller Spielarten, die geistige Leitbilder brauchen, die Hersteller von klassischen Systemen, gut für alle Ewigkeit, die Schreiberlinge von Textbüchern und Nachschlagewerken[,] im Marxismus zu Unrecht und völlig verkehrt das suchen, was er niemandem zu bieten beabsichtigte» : eine summarische, fideistische Antwort auf die Fragen der Geschichte.
Natürlicherweise hätte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands der Verwirklichung der Opera omnia annehmen müssen, denn sie verwaltete den Nachlass und besaß die größten sprachlichen und theoretischen Kompetenzen. Doch die politischen Konflikte im Schoß der Sozialdemokratie verhinderten nicht nur die Publikation der gewaltigen und bedeutsamen Masse der marxschen Inedita, sondern führten auch zur Zerstreuung der Manuskripte. Die Hypothese einer systematischen Herausgabe wurde dadurch nachhaltig in Frage gestellt . Unfassbarerweise besorgte die deutsche Partei überhaupt keine Ausgabe und behandelte das literarische Erbe von Marx und Engels mit äußerster Nachlässigkeit . Keiner der Parteitheoretiker bemühte sich darum, eine Aufstellung des aus zahlreichen unvollständigen Manuskripten und unvollendeten Projekten bestehenden intellektuellen Erbes der beiden Gründer anzufertigen. Erst recht widmete sich niemand der Sammlung der umfänglichen, aber extrem verstreuten Korrespondenz, obwohl sie als Quelle für Klärungen, wenn nicht gar Fortsetzungen ihrer Schriften von größtem Nutzen ist. Die Bibliothek der von ihnen besessenen Bücher, die mit aufschlussreichen Randbemerkungen und Hervorhebungen versehen sind, wurde nicht beachtet, zum Teil zerstreut und erst später mühsam wieder zusammengetragen und katalogisiert .
Die erste Veröffentlichung des Gesamtwerks, die Marx Engels Gesamtausgabe (MEGA), wurde erst in den zwanziger Jahren auf Initiative von David Borisovič Rjazanov, wichtigster Marx-Kenner des 20. Jahrhunderts und Leiter des Marx-Engels-Instituts Moskau, in Angriff genommen. Auch dieses Unterfangen war indes zum Scheitern verurteilt aufgrund der turbulenten Wechselfälle der internationalen Arbeiterbewegung, die der Herausgabe ihrer Schriften allzu oft eher hinderlich als förderlich waren. Die stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion, die auch über den Forschern hereinbrachen, die das Projekt leiteten, und der Aufstieg des Nazismus in Deutschland bedingten den frühzeitigen Abbruch der Edition und machten auch diesen Versuch zunichte. So bildete sich ein grundsätzlicher Widerspruch heraus: es entstand eine starre Ideologie, die sich an einem zum Teil noch gar nicht erforschten Autor inspirierte. Die Durchsetzung des «Marxismus» und seine Kristallisierung in einem dogmatischen Korpus gingen der Kenntnis der Texte voraus, deren Lektüre für das Verständnis von Herausbildung und Entwicklung des marxschen Denkens unerlässlich war . Tatsächlich wurden die wichtigsten Jugendschriften erst mit der MEGA in Druck gegeben: die [Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie] 1927, die [Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844] und [Die deutsche Ideologie] 1932. Einige wichtige vorbereitende Arbeiten zum Kapital wurden noch später und in so kleiner Auflage gedruckt, dass nur eine sehr geringe Verbreitung gewährleistet war: 1933 [Das Kapital. Erstes Buch. Sechstes Kapitel. Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses] und zwischen 1939 und 1941 die Hefte der [Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie]. Außerdem wurden diese Inedita von einer auf politische Erfordernisse zugeschnittenen Interpretation begleitet, die bestenfalls banale Korrekturen an der bereits feststehenden Lesart vornahm, sich aber nie in eine ernsthafte umfassende Neudiskussion des Werks übersetzte. Das gleiche gilt für alle anderen Inedita, die folgten – wenn sie nicht gleich verborgen wurden, aus Furcht, sie könnten den herrschenden ideologischen Kanon in Frage stellen.
Zwischen 1928 und 1947 wurde, ebenfalls in der Sowjetunion, die erste russische Werkausgabe, die Sočinenija (Sämtliche Werke), abgeschlossen. Dem Namen zum Trotz gab sie nur eine gewisse Anzahl der Schriften wieder, bildete jedoch mit ihren 28 Bänden (in 33 Büchern) die in jener Zeit umfänglichste Sammlung der beiden Autoren. Die zweite Sočinenija erschien hingegen zwischen 1955 und 1966 in 39 Bänden (42 Büchern). In der Deutschen Demokratischen Republik wurden zwischen 1956 und 1968 die 41 Bände (43 Bücher) der Marx Engels Werke (MEW) herausgegeben. Diese alles andere als vollständige Ausgabe wurde allerdings durch die Einleitungen und den Anmerkungsapparat aufgebläht, die nach dem Vorbild der sowjetischen Ausgabe konzipiert waren und die Lektüre entsprechend den Auffassungen des «Marxismus-Leninismus» lenkten.
Der Plan zu einer «zweiten» Mega, die sich die treue Wiedergabe sämtlicher Schriften der beiden Denker, einschließlich kritischem Apparat, zum Ziel setzte, wurde in den sechziger Jahren neu gefasst. Doch wurden die Publikationen, die 1975 begonnen hatten, abermals eingestellt, diesmal in Folge der Ereignisse von 1989. Mit dem Ziel, diese Ausgabe fortzusetzen, wurde 1990 vom «Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis» in Amsterdam und dem «Karl-Marx-Haus» in Trier die «Internationale Marx-Engels-Stiftung» (IMES) ins Leben gerufen. Nach einer anstrengenden Reorganisationsphase, in deren Verlauf neue Redaktionsprinzipien festgelegt wurden und der Akademie Verlag den Dietz Verlag ablöste, erscheinen seit 1998 die Bände der Marx-Engels Gesamtausgabe, der so genannten MEGA², weiter.
Die gewundenen Wege der Verbreitung von Marx’ Schriften und das Fehlen einer integralen Edition sind zusammen mit der ursprünglichen Unvollendetheit, der ruchlosen Arbeit der Epigonen, den tendenziösen Lektüren und den noch zahlreicheren Nicht-Lektüren die Hauptgründe für ein großes Paradox: Karl Marx ist ein verkannter Autor, Opfer eines tiefen, anhaltenden Missverständnisses . Er war es in der Zeit der politischen und kulturellen Hegemonie des «Marxismus», er ist es noch heute.

IV. EIN WERK FÜR DIE HEUTIGE ZEIT
Jetzt, da Marxens Werk von der schrecklichen Funktion eines instrumentum regni, die ihm in der Vergangenheit zugedacht worden war, befreit ist und die Fesseln des «Marxismus-Leninismus» endgültig abgeschüttelt hat, ist es endlich den freien Feldern des Wissens zurückgegeben. Sein wertvolles theoretisches Erbe, vermeintlichen Eigentümern und instrumentalisierter Verwendung entrissen, kann sich nun voll entfalten.
Mit Hilfe der Philologie wird dem unumgänglichen Bedürfnis nach Erschließung der Quellen, die so lange Zeit von der apologetischen Propaganda verhüllt und mystifiziert wurden, und dem Bedarf an einem gesicherten, definitiven Verzeichnis aller Manuskripte von Marx entsprochen. Die Philologie ist das unabdingbare Werkzeug, um Licht auf seine Texte zu werfen, ihren ursprünglichen, vielgestaltigen Problemhorizont nachzuzeichnen und die enorme Kluft zu vielen der Interpretationen und politischen Erfahrungen zu verdeutlichen, die sich zwar auf Marx beriefen, aber ein höchst reduktives Bild von ihm überliefert haben. Marx lesen, mit dem Ziel, die Genese der Schriften und ihren historischen Entstehungszusammenhang zu rekonstruieren, ihrem durchgängig multidisziplinären Charakter Rechnung zu tragen und zu verdeutlichen, wie tief wir geistig in seiner Schuld stehen – das ist die mühevolle Aufgabe, die sich der neuen Marx-Forschung stellt. Um sie zu verwirklichen, bedarf es einer permanent kritischen Haltung, fern der irreführenden Beeinflussung durch die Ideologie.
Doch fehlt es dem marxschen Werk nicht nur an einer angemessenen kritischen Interpretation, die seinem Genie gerecht werden würde. Es ist vielmehr auch ein Werk auf ständiger Suche nach einem Autor. Zu glauben, das theoretische und politische Erbe von Marx könne auf eine Vergangenheit verwiesen werden, die den heutigen Konflikten nichts mehr zu sagen hat, es könne auf die Funktion eines mummifizierten Klassikers ohne Belang für die heutige Zeit begrenzt oder in ein rein spekulatives Fachwissen eingesperrt werden, wäre ein ebenso irriges Unterfangen wie seine Verwandlung in die Sphinx des grauen ‘Realsozialismus’ des 20. Jahrhunderts.
In ihren Grenzen und Ansprüchen gehen seine Reflexionen weit über den Bereich der akademischen Disziplinen hinaus. Ohne das Denken von Marx würden uns die Begriffe für Verständnis und Beschreibung der zeitgenössischen Welt fehlen, ebenso wie die kritischen Instrumente, um dem herrschenden Credo entgegenzutreten, das besagt, die Gegenwart lasse sich im antihistorischen Gewand der naturhaften Unwandelbarkeit darstellen.
Ohne Marx wären wir zu einer wahren Sprachlosigkeit der Kritik verurteilt. Man sollte sich nicht durch seine scheinbare Inaktualität, durch das einstimmige Dogma täuschen lassen, welches mit Sicherheit festsetzt, dass er bald in Vergessenheit geraten wird. Die Sache der menschlichen Emanzipation wird ihn immer noch brauchen.
Als unübertroffener Kritiker des kapitalistischen Produktionssystems wird Karl Marx bis zu seiner Überwindung grundlegend bleiben. Sein «Gespenst» wird weiterhin umgehen in der Welt und die Menschheit noch lange bewegen.

 

Uebersetzung aus italienisch Leonie Schroeder

Published in:

marcellomusto.org

Pub Info:

1 August, 2005

Available in:

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