Created: Tuesday, 01 October 2019 11:51 | Rate this article
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| Category: Reviews

Paula Rauhala, Review of Another Marx: Early Manuscripts to the International, Das Argument, 01 October 2019.

 

Diese intellektuelle Biografie beschäftigt sich mit einigen marxschen Frühschriften (wobei die Feuerbach-Thesen vernachlässigt werden), der Entstehung des Kapital und den politischen Aktivitäten in der Internationalen Arbeiter-Assoziation.


Musto, der an der York University in Kanada lehrt, hat bereits zuvor zu diesem Themenkomplex publiziert (Karl Marx, L’alienazione, 2010; Workers Unite! The International 150 Years Later, 2014; Der späte Marx. Eine intellektuelle Biografie der Jahre 1881 bis 1883, 2018).
Im ersten Teil des jetzigen Buchs geht es um die gesellschaftlichen Verhältnisse, die einen »Studenten aus einer jüdischen Familie in der deutschen Provinz« darauf vorbereiteten, »ein junger Revolutionär mit Kontakten zu den radikalsten Gruppierungen der französischen Hauptstadt« zu werden (32). In Paris machte sich Marx mit der Politischen Ökonomie vertraut.
Dies führt zum Thema des zweiten Teils, der Entstehung des marxschen Hauptwerks von den frühen Londoner Notizbüchern zu Beginn der 1850er Jahre bis zum letzten Manuskript von Band 2 des Kapitals (1881). Musto verknüpft Marx’ theoretisches Ringen mit dem Kampf gegen seine Gesundheitsprobleme. Die Geschichte, die so entsteht, ist interessant, und die theoretischen Probleme werden ausgewogen diskutiert.
Im Unterschied zu anderen Marx-Biografien unterstreicht Musto im dritten Teil die Bedeutung, die Marx’ politischen Aktivitäten und seinem Organisationstalent zukommen. Er zeigt, wie Marx dafür sorgte, dass verschiedenste Strömungen sich »in derselben Organisation auf ein Programm« einigten, »das von den Ansätzen, die sie zu Beginn vertreten hatten, stark abwich« (173). Die frühe Internationale war »bunt gemischt« (174). Britische Gewerkschaftsbewegung, französischer Mutualismus oder Anarchismus, Utopismus sowie Strömungen, die mit der sozialistischen Tradition nichts zu tun hatten, trafen dort auf den Kommunismus von Marx und seinen Verbündeten. Marx und Engels, die an der »Sektenbewegung« die »Elemente des Fortschritts« betonen für jene Frühphase, »in der das Proletariat sich noch nicht hinreichend entwickelt hat, um als Klasse zu handeln« hatte, wie sie rückblickend schreiben (1872, MEW 18, 32ff), gelang es, »das scheinbar Unvereinbare miteinander in Einklang zu bringen« (174).
Doch war bei diesem Sieg der kommunistischen Linie gegen den Mutualismus Marx’ energisches Vorgehen ebenso wichtig wie die Wirklichkeit der proletarischen Kämpfe, insbesondere der Streik. »Es waren wirkliche Männer und Frauen, die die kapitalistische Produktion zum Stocken brachten, um ihre Rechte und soziale Gerechtigkeit einzufordern, und die damit das Kräfteverhältnis in der Internationalen und – wichtiger noch – in der ganzen Gesellschaft veränderten« (190). Mehr noch als die theoretischen Debatten waren es diese Ereignisse, die die französischen Anführer der Internationalen von der Notwendigkeit überzeugten, »das Land und die Industrie zu vergesellschaften« (ebd.). Musto zeigt, dass es Marx in der Internationalen stets darum ging, eine gemeinsame Linie gegen die feindliche Klasse zu finden (194). »Die Sekte [dagegen] sucht ihre raison d’être und ihren point d’honneur nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemein hat, sondern in dem besondren Schibboleth, das sie von ihr unterscheidet.« (MEW 32, 569) – Eine Lehre, die angesichts der geschwächten internationalen linken Bewegung heute ernst genommen werden sollte.
Hinlänglich bekannt ist, was Musto am Briefwechsel mit Vera Sassulitsch aufzeigt, dass es nämlich zu Marx’ Lebzeiten noch möglich war, den in Diskussionen praktizierten Rückgriff auf Marx als autoritative Instanz zu hinterfragen. Sassulitsch schreibt, in der Debatte um die russische Dorfgemeinde werde oft gesagt, sie sei eine »archaische Form […], die die Geschichte […] zum Untergang verurteilt hat«; ferner behaupteten jene, die das prophezeien, sie seien »Ihre Schüler« (MEW 19, 572, Fn. 155). Marx antwortete hingegen, die »historische Unvermeidlichkeit« des Übergangs zur kapitalistischen Produktionsweise sei »ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt« (MEW 19, 242). Eine sozialistische Entwicklung ausgehend von der obschtchina sei nicht auszuschließen. Musto unterstreicht damit, dass nach Marx die sozioökonomische Entwicklung keineswegs »eine feste Abfolge bereits definierter Stadien« durchlaufen musste. Stattdessen betont Marx »die Spezifizität historischer Verhältnisse und die Zentralität des menschlichen Eingreifens bei der Gestaltung der Realität und der Verwirklichung des Sozialismus« (248).
Warum noch eine Marx-Biografie? Warum nicht, wenn man es so wie dieses Buch schafft, Marx’ intellektuelle Entwicklung in ihren sozialen und politischen Kontexten unterhaltsam darzustellen und gleichzeitig Themen und Debatten hervorzuheben, die ihre Relevanz für die Gegenwart haben. In dieser Hinsicht ähnelt Mustos Biographie der von Sven-Eric Liedman. Beide zeigen im Unterschied etwa zu den Biografien von Jonathan Sperber und Gareth Stedman Jones (vgl. Klaus Webers Besprechung in Arg. 329, 646–660), wie grundwichtig Marx auch für heutige Kapitalismuskritik ist.