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Die Pariser Kommune als mögliche Alternative

Die Bourgeoisie Frankreichs ist immer mit allem davongekom¬men. Seit der Revolution von 1789 war sie die einzige, die in Zei¬ten der Prosperität reich wurden, während die Arbeiterklasse regelmäßig die Hauptlast der anfälligen Krisen zu tragen hatte. Doch die Ausrufung der Dritten Republik eröffnete neue Hori¬zonte und bot eine Chance für einen Richtungswechsel. Napoleon III. wurde nach der Niederlage der französischen Truppen in der Schlacht bei Sedan am 4. September 1870 von den preußischen Truppen gefangen genommen. Im darauffolgenden Januar, nach einer viermonatigen Belagerung von Paris, erreichte Otto von Bismarck die Kapitulation der Franzosen und konnte im Zuge der Verhandlungen über einen Waffenstillstand harte Bedingungen durchsetzen. In Frankreich fanden Wahlen statt und Adolphe Thiers wurde, unterstützt von einer großen Mehr¬heit der Legitimisten und Orleanisten im Parlament, zum »Chef der Exekutive« ernannt. In der Hauptstadt Paris jedoch, wo die Unzufriedenheit der Bevölkerung größer war als anderswo, ge¬wannen radikale republikanische und sozialistische Kräfte die Oberhand. Die Aussicht auf eine rechte Regierung, die die so¬zialen Ungerechtigkeiten beibehalten, die Last des Krieges auf die ärmeren Klassen abwälzen und die Stadt Paris entwaffnen wollte, löste am 18. März eine Revolution aus. Thiers und seine Armee hatten keine andere Wahl, als sich nach Versailles zu¬rückzuziehen.
Der Kampf und die Regierung
Um sich eine demokratische Legitimation zu sichern, beschlos¬sen die Aufständischen, sofort freie Wahlen abzuhalten. Am 26. März billigte eine überwältigende Mehrheit (190.000 Stimmen gegen 40.000) den Aufstand, und 70 der 85 gewählten Abge¬ordneten erklärten ihre Unterstützung für die Revolution. Die 15 gemäßigten Vertreter der parti des maires, einer Gruppe, die sich aus den ehemaligen Chefs bestimmter Stadtteile zusammensetzte, traten sofort zurück und nahmen nicht am Rat der Kommune teil; ihnen schlossen sich kurz darauf vier Radikale an. Die verbleibenden 66 Mitglieder – wegen der doppelten po-litischen Zugehörigkeit nicht immer leicht zu unterscheiden – repräsentierten ein breites Spektrum von Positionen. Unter ih¬nen waren etwa 20 neojakobinische Republikaner (darunter die bekannten Charles Delescluze und Félix Pyat), ein Dutzend An¬hänger von Auguste Blanqui, 17 Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation (sowohl mutualistische Parteigänger von Pierre-Joseph Proudhon als auch Kollektivisten, die mit Karl Marx verbunden waren, und oft miteinander im Streit lagen) und ein paar Unabhängige. Die meisten Führer der Kommune waren Arbeiter oder anerkannte Vertreter der Arbeiterklasse, 14 stammten aus der Nationalgarde. Tatsächlich war es das Zent¬ralkomitee der Nationalgarde, das die Macht in die Hände der Kommune legte. Dies war, wie sich herausstellte, das Vorspiel zu einer langen Reihe von Unstimmigkeiten und Konflikten zwi¬schen den beiden Gremien.
Am 28. März versammelte sich eine große Anzahl von Bür¬gerinnen und Bürgern in der Nähe des Hôtel de Ville, um die neue Versammlung, die nun offiziell den Namen Pariser Kom¬mune trug, zu feiern. Obwohl sie nicht länger als 72 Tage Be¬stand haben sollte, war die Pariser Kommune das wichtigste po¬litische Ereignis in der Geschichte der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Sie gab der von monatelangen Entbehrungen er-schöpften Bevölkerung neue Hoffnung. In den Vierteln von Pa¬ris bildeten sich Komitees und Gruppen, die die Kommune un¬terstützten, und an jeder Ecke der Metropole gab es Initiativen, um Solidarität mit der Kommune zu bekunden und den Auf¬bau einer neuen Welt zu planen. Montmartre wurde »Zitadelle der Freiheit« getauft. Weit verbreitet war der Wunsch, mit an¬deren zu teilen. Militante wie Louise Michel verkörperten den Geist der Selbstverleugnung. Victor Hugo schrieb über sie: Sie »tat, was große wilde Seelen tun. (…) Sie verherrlichte die Ge¬schlagenen und Geknechteten.« Aber es war nicht der Impuls eines Führers oder einer Handvoll charismatischer Personen, der die Kommune ins Leben rief. Sie war ein kollektives Ereig-nis. Frauen und Männer schlossen sich freiwillig zusammen, um ein gemeinsames Projekt der Befreiung zu verfolgen. Die Selbst¬verwaltung wurde nicht als Utopie gesehen und die Befreiung aus eigener Kraft stand im Zentrum.
Die Transformation der politischen Macht
Zwei der ersten Notverordnungen, die die grassierende Armut eindämmen sollten, waren das Einfrieren der Mietzahlungen und das Verbot des Verkaufs von Gegenständen im Wert von unter 20 Franken in Pfandhäusern. Zur Begründung hieße es, dass »das Eigentum seinen gerechten Anteil an Opfern bringen solle«. Neun Kommissionen auf kollegialer Basis ersetzten die Ministerien für Krieg, Finanzen, allgemeine Sicherheit, Bildung, Subsistenz, Arbeit und Handel, Außenbeziehungen und öffent¬lichen Dienst. Wenig später wurde für jedes dieser Ressorts ein Delegierter der Kommune als Leiter ernannt.
Am 19. April, drei Tage nach Wahlen zur Besetzung von 31 Sitzen der Kommune, die frei geworden waren, verabschiedete die Kommune eine Erklärung an das französische Volk. Diese
Erklärung enthielt die »absolute Garantie der individuellen Frei¬heit, der Gewissensfreiheit und der Freiheit der Arbeit«. Den Bürgerinnen und Bürgern wurde das Recht auf »die ständige Einmischung in die kommunalen Angelegenheiten« gesichert. Der Konflikt zwischen Paris und Versailles, so wurde in der Er-klärung bekräftigt, »kann nicht durch illusorische Kompromisse beendet werden«. Das Volk habe das Recht und die »Pflicht zu kämpfen und zu siegen!« Noch bedeutsamer als dieser Text – eine etwas ambivalente Synthese, um Spannungen zwischen den verschiedenen politischen Strömungen zu vermeiden – waren die konkreten Aktionen, mit denen die Kommunarden für eine grundlegende Umgestaltung der politischen Ordnung kämpf¬ten. Eine Reihe von Reformen betraf nicht nur einzelne Ver¬fahrensweisen, sondern das eigentliche Wesen der politischen Verwaltung. Die Kommune sah die Abberufung gewählter Ab¬geordneter und die Kontrolle ihrer Handlungen durch impera¬tive Mandate vor, auch wenn dies keineswegs ausreichte, um die komplexe Frage der politischen Repräsentation zu regeln. Magistrate und andere öffentliche Ämter, die alle einer stän¬digen Kontrolle und der möglichen Abberufung der gewählten Vertreter unterlagen, sollten nicht wie bisher willkürlich ver¬geben, sondern auf der Basis eines offenen Wettbewerbs oder durch Wahlen entschieden werden. Damit sollte verhindert wer¬den, dass der öffentliche Raum zur Domäne von Berufspoli-tikern wird. Politische Entscheidungen dürften nicht kleinen Gruppen von Funktionären und Technikern überlassen, son¬dern müssten vom Volk getroffen werden. Armee und Polizei¬kräfte sollten keine von der Gesellschaft abgetrennten Institu¬tionen mehr sein. Es wurde die strikte Trennung von Staat und Kirche verfügt.
Die Vision des politischen Wandels beschränkte sich jedoch nicht auf die genannten Maßnahmen, sondern ging weit tiefer und war radikaler. Die Übertragung der Macht in die Hände des Volkes war notwendig, um die Bürokratie drastisch zu reduzie¬ren. Die soziale Sphäre sollte Vorrang vor der politischen haben – wie schon Henri de Saint-Simon gefordert hatte. Politik sollte aufhören, eine spezialisierte Aufgabe zu sein, sondern schritt¬weise in die Aktivität der Zivilgesellschaft selbst inte griert wer¬den. Die Gesellschaft würde damit Funktionen zurückerobern, die an den Staat übertragen worden waren. Ziel war es, nicht nur das bestehende System von Klassenherrschaft zu stürzen, sondern auch das Ende der Klassenherrschaft als solcher her¬beizuführen. All dies hätte die Vision der Kommune von der Re¬publik als Zusammenschluss freier, wahrhaft demokratischer Assoziationen erfüllt, die die Emanzipation aller ihrer Teile för¬dert. Es ging darum, die Selbstverwaltung der Produzenten her¬beizuführen.
Die Priorität der Sozialreformen
Die Kommune war der Meinung, dass soziale Reformen noch entscheidender waren als politische Veränderungen. Sie sah in diesen Reformen ihre eigentliche Daseinsberechtigung, den Maßstab der Treue zu ihren Gründungsprinzipien und das, was sie grundsätzlich von den vorangegangenen Revolutionen von 1789 und 1848 unterschied.
Die Kommune verabschiedete eine ganze Reihe von Ma߬nahmen, die einen klaren Klassencharakter trugen. Die Fris¬ten für die Rückzahlung von Schulden wurden um drei Jahre verlängert, ohne dass dabei zusätzliche Zinsen hätten gezahlt werden müssen. Zwangsräumungen wegen ausstehender Miet¬zahlungen wurden ausgesetzt, und ein Dekret erlaubte die Be¬schlagnahmung von leerstehenden Wohnungen für Obdach¬lose. Es gab Pläne, den Arbeitstag von zehn auf acht Stunden zu verkürzen. Die weitverbreitete Praxis, den Arbeitern fiktive Bußgelder aufzuerlegen, nur um den Lohn zu drücken, wurde unter Androhung von Strafen verboten, und die Mindestlöhne wurden auf ein Niveau erhöht, das ein würdiges Leben ermög¬lichen sollte. Es wurde so viel wie möglich getan, um die Ver¬sorgung der Bevölkerung von Paris mit Lebensmitteln zu stei¬gern und die Preise zu senken. Die Nachtarbeit in Bäckereien wurde verboten und eine Reihe von städtischen Fleischläden eröffnet. Soziale Hilfen verschiedener Art wurden auf sozial schwächere Bevölkerungsgruppen ausgedehnt. So gab es zum Beispiel Lebensmitteltafeln für alleinstehende Frauen und Kin¬der. Zudem wurde diskutiert, wie die Diskriminierung von un-
ehelichen gegenüber in der Ehe geborenen Kindern beendet werden könne.
Die Pariser Kommunarden gingen davon aus, dass Bildung ein wesentlicher Faktor für die individuelle Emanzipation und Bedingung für jede ernsthafte soziale und politische Verände¬rung sei. Der Schulbesuch sollte sowohl für Mädchen als auch für Jungen kostenlos und verpflichtend werden, wobei der Religi-onsunterricht einem weltlichen Unterricht nach rationalen, wis¬senschaftlichen Grundsätzen weichen sollte. Speziell eingesetzte Kommissionen und die Presse lieferten viele überzeugende Ar¬gumente für Investitionen in die Bildung von Frauen. Damit das Bildungssystem zu einem wahrhaft »öffentlichen Dienst« wer¬den könne, müsse die Bildung »Kindern beiderlei Geschlechts« gleiche Chancen bieten.
Außerdem sollten »Unterscheidungen aufgrund von Rasse, Nationalität, Religion oder sozialer Stellung« verboten werden. Erste praktische Initiativen begleiteten solche Proklamationen, und in mehr als einem Stadtteil betraten Tausende von Arbei¬terkindern zum ersten Mal ein Schulgebäude und erhielten kos¬tenloses Unterrichtsmaterial.
Die Kommune ergriff Maßnahmen mit sozialistischem Cha¬rakter. Sie verfügte, dass Werkstätten, die von aus der Stadt ge¬flohenen Arbeitgebern aufgegeben worden waren, an Genos¬senschaften der Arbeiter übergeben werden. Im Falle, dass die früheren Eigentümer zurückkehrten, sollten sie entschädigt werden. Die Theater und Museen wurden für alle unentgeltlich zugänglich und dem Verband der Pariser Künstler unterstellt, dem der Maler und unermüdliche Kämpfer Gustave Courbet vorstand. Sie sollten durch diesen Verband kollektiv verwaltet werden. Diesem Gremium gehörten etwa 300 Bildhauer, Archi¬tekten, Lithographen und Maler (darunter Édouard Manet) an. Das Beispiel wurde durch die Gründung einer »Künstlerverei¬nigung« aufgegriffen, zu dem sich Schauspieler und Personen aus der Opernwelt zusammenschlossen.
All diese Maßnahmen und Bestimmungen wurden in der er¬staunlichen Zeitspanne von nur 54 Tagen eingeführt, und dies in einer Stadt, die noch unter den Auswirkungen des Deutsch-Französischen Krieges litt. Die Kommune konnte ihre Arbeit nur zwischen dem 29. März und dem 21. Mai verrichten, während sie zugleich einen heldenhaften Widerstand gegen die Angriffe der Truppen aus Versailles leistete, ein Widerstand, der enorme menschliche Energie und große finanzielle Mittel erforderte. Da der Kommune keine Zwangsmittel zur Verfügung standen, wur¬den viele ihrer Dekrete im weiten Stadtgebiet nicht einheitlich durchgesetzt. Sie waren durch den Drang zur Neugestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt und wiesen den Weg zu weiteren möglichen Veränderungen.
Kollektiver und feministischer Kampf
Die Kommune umfasste viel mehr als die von ihrer gesetzgeben¬den Versammlung beschlossenen Aktionen. Sie strebte danach, den städtischen Raum neu zu gestalten, wie der Beschluss zum Abriss der Säule von Vendôme zeigte, die als Monument der Bar¬barei und verwerfliches Symbol des Krieges galt. Es wurde die Säkularisierung einer Reihe von Kirchen verfügt, indem sie der Nutzung durch die Gemeinden überlassen wurden. Wenn es der Kommune gelang, unter den sehr angespannten Bedingungen durchzuhalten, dann dank einer außergewöhnlichen Massen¬beteiligung und einem ausgeprägten Geist gegenseitiger Hilfe. Eine besondere Rolle spielten die revolutionären Klubs, die in fast jedem Bezirk von Paris entstanden. Es gab mindestens 28 von ihnen. Sie stellten eines der bemerkenswertesten Beispiele für die spontane Mobilisierung von unten dar. Jeden Abend ge¬öffnet, boten sie den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich nach der Arbeit zu treffen, um frei über die soziale und poli¬tische Situation zu diskutieren, zu überprüfen, was ihre Vertre¬ter erreicht hatten, und alternative Wege zur Lösung der alltäg¬lichen Probleme vorzuschlagen. Es waren Basisvereinigungen, die die Bildung und den Ausdruck von Volkssouveränität sowie die Schaffung echter Räume der Schwesternschaft und Brüder¬lichkeit begünstigten. Hier konnten jede und jeder die begeis-ternde Erfahrung gewinnen, was es heißt, Kontrolle über das ei¬gene Schicksal zu gewinnen.
Der emanzipatorische Weg der Kommune hatte keinen Platz für nationale Diskriminierung. Die Bürgerschaft der Kommune erstreckte sich auf alle, die sich für ihre Entwicklung einsetzten. Ausländer genossen die gleichen sozialen Rechte wie Franzosen. Das Prinzip der Gleichheit zeigte sich in der prominenten Rolle, die die 3.000 in der Kommune aktiven Ausländer spielten. Leo Frankel, ein ungarisches Mitglied der International Working Men’s Association, wurde nicht nur in den Rat der Kommune gewählt, sondern diente ihr als »Arbeitsminister« – eine ihrer Schlüsselpositionen. Die Polen Jaroslaw Dombrowski und Wa-lery Wroblewski standen als angesehene Generäle an der Spitze der Nationalgarde.
Frauen spielten, obwohl sie noch kein Wahlrecht erhalten hatten und auch nicht im Rat der Kommune sitzen durften, eine wesentliche Rolle. Sie formulierten wichtige Positionen der Kritik an der Gesellschaftsordnung. In vielen Fällen über¬schritten sie die Normen der bürgerlichen Gesellschaft und behaupteten eine neue Identität in Opposition zu den Werten der patriarchalen Familie, indem sie sich über die häusliche Privatsphäre hinaus in die öffentliche Sphäre einbrachten. Die Frauenunion zur Verteidigung von Paris und zur Versorgung der Verwundeten, deren Entstehung maßgeblich der unermüd¬lichen Aktivität des Mitglieds der Ersten Internationale, Eli¬sabeth Dmitrieff, zu verdanken war, spielte eine wesentliche Rolle dabei, die wichtigsten sozialen Kämpfe zu identifizieren. Frauen erreichten die Schließung von Bordellen, erkämpften die Gleichstellung von Lehrerinnen und Lehrern, prägten die Parole »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«, forderten Gleich¬berechtigung in der Ehe und die Anerkennung freier Gewerk¬schaften. Sie setzten sich für ausschließlich weibliche Kam¬mern in den Gewerkschaften ein.
Als sich Mitte Mai die militärische Lage zuspitzte und die Truppen von Versailles vor den Toren von Paris standen, grif¬fen die Frauen zu den Waffen und bildeten ein eigenes Batail¬lon. Viele kamen bei den Kämpfen auf den Barrikaden um. Die bürgerliche Propaganda setzte sie den bösartigsten Angriffen aus, nannte sie les pétroleuses und beschuldigte sie, während der Straßenkämpfe die Stadt in Brand gesteckt zu haben.
Zentralisieren oder dezentralisieren?
Die Kommunarden strebten danach, eine wahre Demokratie zu errichten. Dies war ein ehrgeiziges und schwieriges Projekt. Die Volkssouveränität erforderte die Beteiligung der größtmög¬lichen Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern. Ab Ende März schossen in Paris verschiedenste demokratische Strukturen wie Pilze aus dem Boden: zentrale Kommissionen, lokale Unter¬ausschüsse, revolutionäre Clubs und Soldatenbataillone. Sie flankierten das ohnehin schon komplexe Duopol von Rat der Kommune und Zentralkomitee der Nationalgarde. Das Zent¬ralkomitee der Nationalgarde von Paris hatte die militärische Kontrolle behalten und agierte oft als veritable Gegenmacht zum Rat. Obwohl die direkte Beteiligung der Bevölkerung eine wichtige Garantie für die Demokratie war, erschwerte die Viel¬zahl der beteiligten Instanzen die Entscheidungsprozesse und machte die Umsetzung der Dekrete der Kommune zu einer lang¬wierigen Angelegenheit.
Das Problem des Verhältnisses zwischen der Zentralgewalt und den lokalen Gremien führte zu einer Reihe von chaoti¬schen, zeitweise auch lähmenden Situationen. Das empfind¬liche Gleichgewicht geriet völlig aus den Fugen, als Jules Miot angesichts des Kriegsnotstands, der Disziplinlosigkeit inner¬halb der Nationalgarde und der zunehmenden Ineffizienz der Regierung die Schaffung eines fünfköpfigen Komitees für öf¬fentliche Sicherheit vorschlug. Als Vorbild galt ihm das dikta¬torische Modell des Wohlfahrtsausschusses unter Vorsitz von Maximilien Robespierre im Jahr 1793. Der Vorschlag wurde am 1. Mai mit einer Mehrheit von 45 zu 23 Stimmen angenommen. Dies erwies sich als dramatischer Fehler, der den Anfang vom Ende des neuartigen politischen Experiments markierte und die Kommune in zwei gegnerische Blöcke spaltete. Der erste Block, der sich aus Neojakobinern und Blanquisten zusammensetzte, neigte zur Machtkonzentration und letztlich zum Primat des Po¬litischen über das Soziale. Der zweite Block, zu dem die Mehr¬heit der Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Assoziation ge¬hörte, bestand auf dem Vorrang der sozialen Sphäre gegenüber der politischen. Seine Vertreter hielten eine Gewaltenteilung für notwendig und bestanden darauf, dass die Republik niemals die politischen Freiheiten infrage stellen dürfe. Koordiniert von dem unermüdlichen Eugène Varlin, lehnten sie den autoritären Kurs scharf ab und beteiligte sich nicht an den Wahlen zum Komi¬tee für öffentliche Sicherheit. Nach ihrer Auffassung würde die Zentralisierung der Macht in den Händen einiger weniger Per¬sonen den Gründungspostulaten der Kommune eklatant wider¬sprechen. Die ihnen angehörigen Vertreter würden nicht über die Rechte des Souveräns verfügen. Diese Souveränität gehöre dem Volk, und dieses hätte kein Recht, sie an ein bestimmtes Organ abzutreten. Als die Minderheit am 21. Mai wieder an ei¬ner Sitzung des Rates der Kommune teilnahm, wurde ein neuer Versuch unternommen, Einigkeit in ihren Reihen herzustellen. Aber es war bereits zu spät.
Die Kommune als Synonym für Revolution
Die Pariser Kommune wurde von den Armeen der Versailler Regierung brutal niedergeschlagen. Während der semaine sanglante, der Blutwoche zwischen dem 21. und 28. Mai, wur¬den insgesamt 17.000 bis 25.000 Bürgerinnen und Bürger abgeschlachtet. Die letzten Kampfhandlungen fanden entlang der Mauern des Friedhofs Père Lachaise statt. Der junge Ar¬thur Rimbaud beschrieb die französische Hauptstadt als »eine trauernde, fast tote Stadt«. Es war das blutigste Massaker in der Geschichte Frankreichs. Nur 6.000 gelang die Flucht ins Exil nach England, Belgien und in die Schweiz. Die Zahl der Gefangenen betrug über 43.000. Hundert von ihnen wurden nach Schnellverfahren vor Kriegsgerichten hingerichtet, wei¬tere 13.500 wurden zu Gefängnis oder Zwangsarbeit verurteilt oder in entlegene Gebiete wie Neukaledonien deportiert. Ei¬nige solidarisierten sich mit den algerischen Anführern des an¬tikolonialen Mokrani-Aufstands, der zur gleichen Zeit wie die Kommune ausgebrochen war und von französischen Truppen gleichfalls blutig niedergeschlagen wurde. Sie teilten das Schick¬sal der Aufständischen in der Kolonie.
Das Gespenst der Kommune verschärfte die antisozialisti¬sche Repression in ganz Europa. Die konservative und liberale Presse überging die beispiellose Gewalt des Thiers-Staates, be¬schuldigte die Kommunarden der schlimmsten Verbrechen und drückte große Erleichterung über die Wiederherstellung der »natürlichen Ordnung« und der bürgerlichen Legalität sowie Zufriedenheit über den Triumph der »Zivilisation« über die An¬archie aus. Diejenigen, die es gewagt hatten, die herrschende Au¬torität zu verletzen und die Privilegien der herrschenden Klasse anzugreifen, wurden auf exemplarische Weise bestraft. Frauen wurden wieder als minderwertig behandelt, und Arbeiter mit schwieligen Händen, die sich dreist angemaßt hatten, zu regie¬ren, sollten nun wieder das tun, was die Herrschenden als de¬ren wahre Pflichten ansahen.
Und doch gab der Aufstand in Paris den Kämpfen der Arbei¬ter Kraft und drängte sie in radikalere Richtungen. Am Morgen nach der Niederlage schrieb Eugène Pottier das, was zur be¬rühmtesten Hymne der Arbeiterbewegung werden sollte: »Völ¬ker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internatio¬nale erkämpft das Menschenrecht.« Paris hatte gezeigt, dass es darauf ankommt, eine vom Kapitalismus radikal verschiedene Gesellschaft aufzubauen. Auch wenn auf den kurzen Frühling der Kommune für ihre Kämpferinnen und Kämpfer keine »Zeit der Kirschen« (so der Titel eines berühmten Verses des Kom-munarden Jean-Baptiste Clément) folgte, verkörperte die Kom¬mune fortan die Idee der sozialpolitischen Umgestaltung und ihrer praktischen Umsetzung. Sie wurde zum Synonym für den Begriff der Revolution selbst, für eine ontologische Erfahrung der Arbeiterklasse. In »Der Bürgerkrieg in Frankreich« stellte Karl Marx fest, dass die Pariser Arbeiter zur »Vorhut des gan¬zen modernen Proletariats« geworden seien. Die Pariser Kom¬mune veränderte das Bewusstsein der Arbeiterinnen und Ar¬beiter und ihre kollektive Wahrnehmung. Mit einem Abstand von 150 Jahren weht die rote Fahne der Pariser Kommune auch heute noch und erinnert uns daran, dass eine Alternative immer möglich ist. Vive la Commune!

 

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Paula Rauhala, Das Argument

Diese intellektuelle Biografie beschäftigt sich mit einigen marxschen Frühschriften (wobei die Feuerbach-Thesen vernachlässigt werden), der Entstehung des Kapital und den politischen Aktivitäten in der Internationalen Arbeiter-Assoziation.

Musto, der an der York University in Kanada lehrt, hat bereits zuvor zu diesem Themenkomplex publiziert (Karl Marx, L’alienazione, 2010; Workers Unite! The International 150 Years Later, 2014; Der späte Marx. Eine intellektuelle Biografie der Jahre 1881 bis 1883, 2018).
Im ersten Teil des jetzigen Buchs geht es um die gesellschaftlichen Verhältnisse, die einen »Studenten aus einer jüdischen Familie in der deutschen Provinz« darauf vorbereiteten, »ein junger Revolutionär mit Kontakten zu den radikalsten Gruppierungen der französischen Hauptstadt« zu werden (32). In Paris machte sich Marx mit der Politischen Ökonomie vertraut.
Dies führt zum Thema des zweiten Teils, der Entstehung des marxschen Hauptwerks von den frühen Londoner Notizbüchern zu Beginn der 1850er Jahre bis zum letzten Manuskript von Band 2 des Kapitals (1881). Musto verknüpft Marx’ theoretisches Ringen mit dem Kampf gegen seine Gesundheitsprobleme. Die Geschichte, die so entsteht, ist interessant, und die theoretischen Probleme werden ausgewogen diskutiert.
Im Unterschied zu anderen Marx-Biografien unterstreicht Musto im dritten Teil die Bedeutung, die Marx’ politischen Aktivitäten und seinem Organisationstalent zukommen. Er zeigt, wie Marx dafür sorgte, dass verschiedenste Strömungen sich »in derselben Organisation auf ein Programm« einigten, »das von den Ansätzen, die sie zu Beginn vertreten hatten, stark abwich« (173). Die frühe Internationale war »bunt gemischt« (174). Britische Gewerkschaftsbewegung, französischer Mutualismus oder Anarchismus, Utopismus sowie Strömungen, die mit der sozialistischen Tradition nichts zu tun hatten, trafen dort auf den Kommunismus von Marx und seinen Verbündeten. Marx und Engels, die an der »Sektenbewegung« die »Elemente des Fortschritts« betonen für jene Frühphase, »in der das Proletariat sich noch nicht hinreichend entwickelt hat, um als Klasse zu handeln« hatte, wie sie rückblickend schreiben (1872, MEW 18, 32ff), gelang es, »das scheinbar Unvereinbare miteinander in Einklang zu bringen« (174).
Doch war bei diesem Sieg der kommunistischen Linie gegen den Mutualismus Marx’ energisches Vorgehen ebenso wichtig wie die Wirklichkeit der proletarischen Kämpfe, insbesondere der Streik. »Es waren wirkliche Männer und Frauen, die die kapitalistische Produktion zum Stocken brachten, um ihre Rechte und soziale Gerechtigkeit einzufordern, und die damit das Kräfteverhältnis in der Internationalen und – wichtiger noch – in der ganzen Gesellschaft veränderten« (190). Mehr noch als die theoretischen Debatten waren es diese Ereignisse, die die französischen Anführer der Internationalen von der Notwendigkeit überzeugten, »das Land und die Industrie zu vergesellschaften« (ebd.). Musto zeigt, dass es Marx in der Internationalen stets darum ging, eine gemeinsame Linie gegen die feindliche Klasse zu finden (194). »Die Sekte [dagegen] sucht ihre raison d’être und ihren point d’honneur nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemein hat, sondern in dem besondren Schibboleth, das sie von ihr unterscheidet.« (MEW 32, 569) – Eine Lehre, die angesichts der geschwächten internationalen linken Bewegung heute ernst genommen werden sollte.
Hinlänglich bekannt ist, was Musto am Briefwechsel mit Vera Sassulitsch aufzeigt, dass es nämlich zu Marx’ Lebzeiten noch möglich war, den in Diskussionen praktizierten Rückgriff auf Marx als autoritative Instanz zu hinterfragen. Sassulitsch schreibt, in der Debatte um die russische Dorfgemeinde werde oft gesagt, sie sei eine »archaische Form […], die die Geschichte […] zum Untergang verurteilt hat«; ferner behaupteten jene, die das prophezeien, sie seien »Ihre Schüler« (MEW 19, 572, Fn. 155). Marx antwortete hingegen, die »historische Unvermeidlichkeit« des Übergangs zur kapitalistischen Produktionsweise sei »ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt« (MEW 19, 242). Eine sozialistische Entwicklung ausgehend von der obschtchina sei nicht auszuschließen. Musto unterstreicht damit, dass nach Marx die sozioökonomische Entwicklung keineswegs »eine feste Abfolge bereits definierter Stadien« durchlaufen musste. Stattdessen betont Marx »die Spezifizität historischer Verhältnisse und die Zentralität des menschlichen Eingreifens bei der Gestaltung der Realität und der Verwirklichung des Sozialismus« (248).
Warum noch eine Marx-Biografie? Warum nicht, wenn man es so wie dieses Buch schafft, Marx’ intellektuelle Entwicklung in ihren sozialen und politischen Kontexten unterhaltsam darzustellen und gleichzeitig Themen und Debatten hervorzuheben, die ihre Relevanz für die Gegenwart haben. In dieser Hinsicht ähnelt Mustos Biographie der von Sven-Eric Liedman. Beide zeigen im Unterschied etwa zu den Biografien von Jonathan Sperber und Gareth Stedman Jones (vgl. Klaus Webers Besprechung in Arg. 329, 646–660), wie grundwichtig Marx auch für heutige Kapitalismuskritik ist.

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Tom Strohschneider, OXI

Subversive Sorte: Der späte Marx und ein Lob des Zweifelns

Eine Lektüre gegen den Missbrauch: Marcello Mustos intellektuelle Biografie des späten Karl Marx beschreibt einen »Autor, der sich sehr von jener Person unterscheidet, die uns viele Marx-Kritiker oder selbsternannte Anhänger über so lange Zeit präsentiert haben«.

Also noch ein Buch über den Alten aus Trier. Man könnte diesen Satz nach dem monatelang anhaltenden Publikationsregen zum Doppeljubiläum 150 Jahre »Das Kapital« und 200 Jahre Karl Marx im Tonfall der Ermüdung aufsagen, doch das würde bloß von der Zahl der Neuerscheinungen ausgehen, die über deren Qualität noch nicht viel sagt. Was kann ein Nachzügler dafür, dass ihm überspannten Marxerei vorausging, welche zwischen Banalitäten wie »Ist er noch aktuell?« und »Das waren doch alles Irrtümer mit bösen Folgen!« oszillierte.

Marcello Musto beginnt sein nun erschienenes Buch mit dem Hinweis auf diese »Mode«, die seit dem Ausbruch der großen Krise 2008 viel Lesenswertes und noch viel mehr Überflüssiges produziert hat. »Das Studium seiner Werke hat nach mehr als 20 Jahren der Ignoranz wieder Fahrt aufgenommen und teilweise wichtige, bahnbrechende Resultate hervorgebracht«, schreibt der in Kanada lehrende italienische Sozialwissenschaftler da. Zwischen diesen Resultaten und dem, was zum allgemeinen Marx-Neudiskurs gerechnet werden kann, wird aber nur selten eine Brücke geschlagen.

Michael R. Krätke hat unlängst »drei entscheidende Fortschritte« der jüngsten Zeit umrissen: Erstens, mit der Edition der Originalmanuskripte zur »Deutschen Ideologie« in der MEGA ist nun nicht mehr abweisbar, dass wir es hier mit einem Buch zu tun haben, »das Marx und Engels nie geschrieben haben. Der Gebrauch oder besser Missbrauch dieser Texte, um dem Konstrukt des ›historischen Materialismus‹ eine Grundlage zu verschaffen, wird damit unmöglich«.

Zweitens: Mit der Herausgabe der »Krisenhefte« von Marx aus den Jahren 1857/1858 ist nicht nur »die geradezu fanatische Arbeit des notorischen Faktenhubers Marx am empirischen Material« nachverfolgbar, sie machen auch wichtige Schritte der Entwicklung der Theorie bei ihm sichtbar.

Und drittens: Mit dem Abschluss der gesamten zweiten Abteilung der MEGA, die dem Hauptwerk »Das Kapital« gewidmet ist, liegen nun erstmals alle bekannten Versionen und Vorarbeiten dazu vor. »Mithin ist es zum ersten Mal möglich«, so Krätke, »anhand der Quellen zu erklären, wo und warum dieses Marxsche Projekt unvollendet blieb.«

Genau hier setzt Musto an, seine »intellektuelle Biografie« wendet sich dem »späten Marx« der Jahre 1881 bis 1883 zu. Gerade die in den vergangenen Jahren gemachten wissenschaftlichen Fortschritte zeigten einen »Autor, der sich sehr von jener Person unterscheidet, die uns viele Marx-Kritiker oder selbsternannte Anhänger über so lange Zeit präsentiert haben«. Man könne sagen, so Musto, »dass Marx unter den Klassikern des politischen und philosophischen Denkens jener ist, dessen Profil sich in den letzten Jahren am meisten verändert hat«. Was ihn in zu der Vermutung führt, »dass sich die Erneuerung der Interpretation des Marxschen Denkens fortsetzen wird«.

Die letzte Phase des Lebens beschreibt Musto als eine, in der sich neue Suchprozesse entdecken lassen, in der Marx neue Fragen aufwirft, sich neuen Themen zuwendet. Dabei mag manchen nicht nur das Interesse an der damals gerade blühenden Anthropologie oder an der Mathematik aufhorchen lassen, weil das einem sehr verengten Bild von Marx als »kommunistischer Theoretiker« nicht unbedingt entsprechen will.

Aus der Perspektive der an Marx orientierten Diskussion, die nicht nur eine des toten Papiers sein will, sondern auch der praktischen Schlussfolgerungen, wird eher zu berücksichtigen sein, dass Marx sich anders mit der »Spezifik verschiedener Länder« befasst, verschiedene politischen-ökonomische Entwicklungsmöglichkeiten erschließt und dabei auch »die Möglichkeit eines Sozialismuskonzepts ins Auge« fasst, wie es Musto formuliert, »das von seiner bisherigen Position abwich«. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob Kapitalismus als notwendige Voraussetzung einer kommunistischen Gesellschaft dieser vorausgehen muss.

Musto schildert nicht nur die schwierigen, von Konflikten geprägten Anfänge der Verbreitung von »Das Kapital« in Europa. Nachdem sich Verkaufszahlen und intellektuelles Echo zunächst in Grenzen gehalten hatten, wuchs erst in den 1880er Jahren das, was die Gegner als »die Partei Marx« bezeichneten wirklich an.

Selbst 1881 war Marx »noch nicht der überragende theoretische Bezugspunkt für die internationale Arbeiterbewegung, zu dem er im 20. Jahrhundert werden sollte«, so Musto. Zug um Zug jedoch erreichte sein Werk nun auch Leser jenseits des kleinen Kreises von Anhängern und politisch Aktiven. Vor allem: Man interessierte sich nun nicht mehr zuvörderst für die politischen Schriften wie das »Manifest«, sondern auch für den Kritiker der politischen Ökonomie.

1880 bereiste der Journalist John Swinton Europa, nicht zuletzt mit dem Ziel, Marx für die von ihm herausgegebene »The Sun« zu interviewen, eine der damals in den USA am meisten gelesenen Zeitungen. Als Marx in den 1860er Jahren für die »New York Tribune« schrieb, war Swinton Chefredakteur der »New York Times« gewesen. Nun traf er Marx in Ramsgate, zu dem Musto anmerkt, »der Gesundheitszustand seiner Frau war noch schlechter als der seinige«. Swinton sah sich nach dem Treffen mit Marx, an Sokrates »mit seinen sardonischen Anklängen, seinem Humor und seiner sportlichen Heiterkeit« erinnert. Er habe in der englischen Hafenstadt im östlichen Kent einen Mann »ohne Wunsch nach äußerem Ansehen oder Ruhm« getroffen, »der sich nicht um die Wichtigtuerei des Lebens oder den Anschein von Macht« kümmere.

Von Swinton überliefert ist auch die Formulierung, Marx sei jemand, der »tief in seine Zeit« eingetaucht war, und der US-Journalist zeigte sich beeindruckt durch Marxens Fähigkeit, »die europäische Welt zu überblicken« – und nicht nur diese. In allem aber, und das macht Mustos Buch auch heute politisch wichtig, war er alles andere als ein Wahrheitshuber, ein Verteidiger irgendeines heiligen Kanons.

»Ihn hatten Zweifel befallen, aber er stellte sich ihnen offen; er entschloss sich, seine Forschung fortzusetzen und der unkritischen Lobhudelei der ersten ›Marxisten‹ zu begegnen, anstatt in Selbstsicherheit Zuflucht zu suchen«, schreibt Musto. »Dieser Marx gehört zu einer sehr seltenen, radikal subversiven Sorte von Menschen.« Und er ist nur so zu zu haben – als der erste, wenn man das mal so sagen darf, »Revisionist«, als einer, der beim »wieder hinsehen« neue Fragen entdeckte, welche die bisherigen Antworten als nicht mehr ausreichend dastehen ließen.

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Kolja Lindner, Neues Detschland

Ein sensibler und zweifelnder Mann

Marcello Musto stellt den weniger bekannten späten Karl Marx vor.

Rund um den diesjährigen, runden Geburtstag von Karl Marx (1818 – 1883) standen vor allem dessen frühe Lebensjahre im Zentrum der Aufmerksamkeit. So brachte der Regisseur Raoul Peck mit »Der junge Karl Marx« einen Mitzwanziger auf die Kinoleinwände, der just – nachdem er sich im Rausch übergeben hatte – die berühmten Feuerbach-Thesen in die Welt posaunte. Der Marx-Biograf Michael Heinrich ging im ersten Band von »Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft« (»nd« vom 28.4.18) dagegen mit deutlich mehr Ernsthaftigkeit vor – um den Preis, dass allein die ersten 23 Lebensjahre ganze 450 Seiten füllten. Der späte Marx aber schien unterhalb des Jahrestagsradars zu fliegen.

Einige Monate nach dem Jubiläum hat nun der in Kanada lehrende italienische Soziologe Marcello Musto »eine intellektuelle Biografie der Jahre 1881 bis 1883« nachgereicht. Deren größter Verdienst: deutlich zu machen, warum es lohnt, sich mit einem kaum mehr publizierenden, wild exzerpierenden alten Mann zu beschäftigen. Der späte Marx, so Musto, sei »der, der uns am vertrautesten erscheint: Er verbarg seine Gebrechlichkeit nicht, aber er kämpfte weiter; ihn hatten Zweifel befallen, aber er stellte sich ihnen offen; er entschloss sich, seine Forschungen fortzusetzen und der unkritischen Lobhudelei der ersten ›Marxisten‹ zu begegnen, anstatt in Selbstsicherheit Zuflucht zu suchen.«

Tatsächlich gerät in Marx’ letzten Lebensjahren einiges von dem ins Wanken, was viele Marxisten und insbesondere die sowjetischen Parteidiktaturen als unveränderliche Wahrheit ansahen. Etwa dass die industrialisierte westliche Welt das Zentrum eines revolutionären Umwälzungsprozesses darstelle, der naturnotwendig aus dem Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften hervorgehe. Oder dass das Proletariat eine Klasse von »universellem Charakter« sei, da es – wie Marx noch 1843 schrieb – die Leiden der Menschheit in sich vereinige.
Kurzum, Marx bricht am Ende seines Lebens mit nicht weniger als den zentralen Annahmen dessen, was später als »Historischer Materialismus« kanonisiert wurde. Durch das Studium von Anthropologen wie Lewis H. Morgan und Maxim Kowalewski kommt der Autor des »Kapitals« nun vielmehr zu einer »multilinearen Konzeption« von Geschichte. Hierbei werden die historischen Umstände gegen theoretische Blaupausen stark- und Elemente nicht herrschaftlicher Formen des Zusammenlebens in weit zurückliegenden Gesellschaftsformen ausgemacht. »Kommunismus in der Lebensführung« diagnostiziert Marx mehrfach in seinem langen Morgan-Exzerpt. Und er stellt verschiedentlich die demokratischen Errungenschaften vor der europäischen Kolonisierung Nordamerikas heraus: »Die Irokesen empfahlen den Vorvätern der Amerikaner 1775 eine Union der Kolonien ähnlich ihrer eigenen.« Solche und ähnliche Beobachtungen haben in der US-Geschichtswissenschaft ab Ende der 1970er Jahre zur Debatte über die »Forgotten Founders« (Bruce E. Johansen) geführt.

Die in den letzten Lebensjahren deutlich zunehmende Sensibilität gegenüber globalen Ungleichzeitigkeiten und Emanzipationsressourcen kontrastiert eigentümlich mit der von Marx zunächst kultivierten modernisierungstheoretischen Sicht auf den Kolonialismus. Gegenüber der berüchtigten Serie von Artikeln, die 1853 in der »New York Daily Tribune« erschienen, gibt sich Musto erstaunlich großzügig. Für ihn spiegelt sich in der Auffassung des frühen Marx »nicht mehr als eine partielle, unbefangene Sichtweise auf den Kolonialismus eines Mannes wider, der ein journalistisches Stück im Alter von kaum 35 Jahren schreibt«.

Angesichts der zahlenreichen Studien, die den frühmarxschen Orientalismus, seine zunächst problematische Kolonialismusauffassung und die erst langsam schwindende Fixierung auf den Westen herausgearbeitet haben, wirkt eine derartige Aussage naiv. Sie kann dem Autor von »Der späte Marx« jedoch nachgesehen werden, arbeitet er doch die entscheidenden Marx’schen Erkenntnisfortschritte in dieser Beziehung heraus. Diese gehen nicht zuletzt auf den direkten Kontakt mit revolutionären Bewegungen in der Peripherie der Metropolen zurück, etwa in Irland und Russland. Marx sei »nun flexibler, wenn es darum ging, den Ausbruch revolutionärer Ereignisse und die sie prägenden subjektiven Kräfte sowie die Abfolge der Produktionsweisen im Laufe der Geschichte zu berücksichtigen«, schreibt Musto. Seine späten Arbeiten hätten Marx »einem echten Internationalismus auf globaler, nicht nur europäischer, Ebene näher« gebracht.
Dieser Marx scheint nicht nur vertrauter, sondern auch brauchbarer zu sein. Er steht im Widerspruch zu den vielen steifen Schemata, die aus seinem Werk abgeleitet wurden und bisweilen vollkommen zu Recht von feministischer oder postkolonialer Seite kritisiert wurden. Das vorliegende Buch gibt dazu einen gelungenen Einblick – und ist damit ein schönes nachträgliches Geschenk zu Marxens 200. Geburtstag.

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Er ist ein hilfreicher Lotse

Professor Wallerstein, 30 Jahre nach dem Ende des sogenannten
realen Sozialismus gibt es zahlreiche Publikationen, Diskussionen und Konferenzen weltweit über die gegenwärtige Bedeutung von Karl Marx. Ist das für Sie überraschend?

Es gibt eine alte Geschichte über Marx: Man wirft ihn zur Vordertür hinaus und er schleicht sich durch ein Fenster wieder hinein. Das passiert momentan wieder. Marx ist bedeutsam, weil wir mit Problemen konfrontiert sind, über die er eine Menge zu sagen hat und weil das, was er sagt, sich total unterscheidet von den meisten anderen Autoren, die sich über den Kapitalismus äußern. Nicht nur ich, viele Kolumnisten und Professoren finden Marx heute extrem nützlich, ungeachtet dessen, was 1989 geschah.

Der Fall der Berliner Mauer hat Marx von den Fesseln einer Ideologie befreit, die wenig mit seinem Gesellschaftskonzept zu tun hatte. Was erregt vor allem an Marxens Interpretation der Welt weiterhin Aufmerksamkeit?

Ich glaube, die meisten Menschen denken bei Marx an seine nterpretation des »Klassenkampfes«. Dieser meint unter den heutigen Bedingungen meiner Ansicht nach den notwendigen Kampf der globalen Linken, die 80 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert, wider die globale Rechte, die vielleicht ein Prozent verkörpert. Der Kampf geht um die restlichen 19 Prozent. Es kommt darauf an, sie auf unsere Seite zu ziehen. Wir leben in der Ära einer strukturellen Krise des Weltsystems. Das existierende kapitalistische System
kann nicht überleben, aber niemand kann sich sicher sein, was es ersetzen wird. Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen der »Geist von Davos«: Das Ziel des Weltwirtschaftsforums ist es, ein System zu etablieren, das die schlimmen Züge des Kapitalismus verteidigt und konserviert: soziale Hierarchie, Ausbeutung und soziale Polarisierung. Die Alternative wäre ein demokratischeres und egalitäreres System. Der Klassenkampf entscheidet, welches System sich durchsetzt.

Können Sie drei Ideen von Marx nennen, die heutzutage besondere Beachtung verdienen?

Zunächst: Marx konnte besser als alle anderen erklären, dass der Kapitalismus eine widernatürliche gesellschaftliche Organisation ist. Im »Elend der Philosophie«, im Alter von 29 Jahren verfasst, verspottete er
bürgerliche Politökonomen, die meinten, dass kapitalistische Verhältnisse naturrechtlich, zeitlos und ewig seien. Zweitens ist seine Terminologie der »ursprünglichen Akkumulation« bedeutsam, welche die Enteignung und Trennung der Bauern von Grund und Boden und die Rekrutierung eines Heeres von Lohnarbeitern beschrieb. Marx verstand dies als konstituierenden Prozess der Herrschaft der Bourgeoisie. Und drittens würde ich stärkere Aufmerksamkeit
hinsichtlich seiner Ausführungen über das Privateigentum und den
Kommunismus empfehlen. In der Gesellschaftsordnung, wie sie in der
Sowjetunion, vor allem unter Stalin, installiert worden ist, waren die Produktionsmittel im Besitz des Staates. Das hieß aber nicht, dass die Menschen nicht ausgebeutet oder unter drückt wurden. Das Gerede vom Aufbau des Sozialismus in einem Land, wie es Stalin pflegte, wäre Marx niemals in den Sinn gekommen. Es ging ihm um öffentliches, Gemeineigentum an den Produktionsmitteln, das auch genossenschaftlich ausgeübt werden kann. Es ist wichtig zu wissen, wer den materiellen Reichtum produziert und wer den Mehrwert
kassiert, um die Gesellschaft umzugestalten – hin zum Besseren.
Was beeindruckt Sie am Leben von Marx besonders?
Marx hatte ein sehr schweres Leben, kämpfte mit persönlicher Armut. Er hatte Glück, einen Freund wie Friedrich Engels zu haben, der ihm half zu überleben. Auch emotional war Marx stets unter Druck. Sein Beharren darauf, zu tun, was er seiner Ansicht nach tun müsse, nämlich die Funktionsweise des Kapitalismus verständlich zu machen, war bewundernswert. Marx wollte weder die Antike erklären noch den künftigen Sozialismus definieren. Das war nicht seine Aufgabe. Er wollte die kapitalistische Welt verstehen, in der er lebte.
Marx war kein Akademiker, der sich lediglich hinter die Bücher der British Library in London vergrub, er war auch in revolutionären Kämpfe, so 1848/49, involviert. 1864 war
er Mitbegründer der Internationa len Arbeiterassoziation, der ersten transnationalen Organisation der Arbeiterklasse. Und 1871 verteidigte er die Pariser Kommune, das erste sozialistische Experiment der Weltgeschichte.

Ja, das ist wahr. Wie Sie selbst in Ihrem jüngsten Buch »Workers Unite!« betonen, spielte Marx eine außergewöhnliche Rolle in der Internationale, die eine sehr heterogene Organisation war und wo die Kommunikation nicht leicht war. Marx politische Aktivitäten erstreckten sich auch auf dem Gebiet der Journalistik. Er arbeitete als Journalist, um Geld zu verdienen, aber auch, um politisch wirken zu können. Über Zeitungen und Journale konnte ein größeres Publikum erreichen.

Zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution im vergangenen
Jahr wurde vielfach auf den Unterschied zwischen Marx und seinen selbst ernannten Epigonen verwiesen, die im 20. Jahrhundert an die Macht gelangt sind. Worin
sehen Sie den Unterschied?

Marx’ Schriften sind brillant, subtil und klug, befassen sich mit den vielfältigsten Themen, nicht zu vergleichen mit dem simplen Interpretationen seiner Ideen durch angebliche Eleven. Ich erinnere an seine spitze Bemerkung einst: »Wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist!« Marx interessierte die Wirklichkeit, aus der er seine Ideen entwickelte, während andere die Wirklichkeit ihren dogmatischen Ideen anzupassen gedachten. Marx änderte seine Ansichten oft. Er war ständig auf der Suche nach Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme, die er sah. Deshalb ist er immer noch ein
nützlicher, hilfreicher Lotse.
Was würden Sie Jugendlichen raten, die noch keine Bekanntschaft mit Marx gemacht haben?
Ich würde ihnen empfehlen, Marx zu lesen. Und zwar nicht über ihn, sondern ihn selbst zu lesen. Es gibt Menschen, die lesen tatsächlich noch Marx, die Mehrheit jedoch redet nur über ihn. Das trifft auch auf Adam Smith zu. Viele Menschen glauben, wenn sie Zusammenfassungen der Gedankenwelt der Klassiker lesen, würden  ie Zeit zu sparen, im Gegenteil, sie verschwenden ihre Zeit. Man muss interessante Persönlichkeiten im Original oder in Übersetzungen lesen, und Marx ist zweifellos der interessanteste Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Niemand kommt ihm gleich oder auch nur nahe hinsichtlich des breiten Spektrums seiner Arbeiten. Meine Botschaft an die junge Generation lautet also: Marx ist es wert, entdeckt zu werden, aber ihr müsst ihn selbst lesen. Marx lesen und nochmals lesen!

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Seine letzten, arbeitsamen Jahre

Im Winter war er oft müde und geschwächt. Das Alter begann, seine gewohnte Energie zu beschränken, und seine Frau hatte Grund, über seinen Gesundheitszustand zunehmend besorgt zu sein. Aber er war immer noch Karl Marx. Mit der gleichen Leidenschaft wie im¬mer plagte er sich ab für die Sache der Emanzipation der Arbeiterklasse. Und er tat es mit derselben Methode, die er sich in seinen jungen Jahren an der Universität angewöhnt hat¬te: akribisch rigoros und kompromisslos kritisch.
Auf einem hölzernen Sessel mit Armlehnen sitzend, hatte er jahrelang den ganzen Tag und bis tief in die Nacht geschuftet, an einem bescheidenen Schreibtisch, der nicht größer als drei Fuß lang, zwei Fuß breit war. Auf dem Tisch war kaum Platz für eine Lampe mit grü¬nem Schirm, Schreibbögen und einige Bücher, an denen er gerade arbeitete. Mehr brauchte er nicht.
Sein Arbeitszimmer befand sich im ersten Stock, mit einem Fenster zum Garten. Der Ta-bakgeruch war verschwunden, nachdem die Ärzte ihm das Rauchen verboten hatten. Aber die Tonpfeifen, aus denen er so viele Jahre lang den Rauch eingesogen hatte, waren noch da, um ihn an die schlaflosen Nächte zu erinnern, die er damit verbracht hatte, die Klassi¬ker der politischen Ökonomie auseinanderzunehmen.
Eine undurchdringliche Regalreihe verbarg die Wände und beherbergte mehr Bücher und Zeitungen, als man für möglich gehalten hätte. Seine Bibliothek war nicht so imposant wie die der bürgerlichen Intellektuellen von gleicher Statur – und ganz sicher größerem Wohl¬stand. In den Jahren seiner größten Armut hatte er vor allem die Ressourcen des Lesesaals
des British Museum genutzt. Später aber hatte er es vermocht, fast zweitausend Bände zu sammeln. Der größte Teil bestand aus ökonomischen Büchern, aber es gab viele Klassiker der politischen Theorie, historische Studien (vor allem auf Französisch) und philosophi¬sche Werke, hauptsächlich aus der deutschen Tradition. Auch naturwissenschaftliche Bü¬cher waren gut repräsentiert.
Die Vielfalt der Sprachen passte zu dieser Vielfalt der Disziplinen. Etwa ein Drittel aller Bü¬cher waren auf Deutsch, etwa ein Viertel auf Englisch, etwas weniger auf Französisch. Es gab auch Werke in anderen romanischen Sprachen wie Italienisch. Ab 1869 – als er be¬gann, Russisch zu lernen, um die Veränderungen im Zarenreich zu studieren – nahmen Bücher mit kyrillischem Alphabet zunehmend einen eigenen beträchtlichen Teil seiner Bi¬bliothek ein.
Aber die Regale waren nicht nur mit akademischen Texten bestückt. Ein anonymer Korre-spondent der »Chicago Tribüne«, der Marx 1878 in seinem Arbeitszimmer besuchte, be¬schrieb ihren Inhalt so: »Man kann jemanden meistens nach den Büchern beurteilen, die er liest. Der Leser möge seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen, wenn ich ihm sage, was mir ein flüchtiger Blick zeigte: Shakespeare, Dickens, Thackeray, Moliere, Racine, Montai¬gne, Bacon, Goethe, Voltaire, Paine; englische, amerikanische und französische Blaubü¬cher (statistische Berichte der Regierungen); politische und philosophische Werke in rus¬sischer, deutscher, spanischer, italienischer Sprache usw. usw.« (…)
Mitten in Marx’ vollgestopftem Arbeitszimmer befand sich ein Ledersofa, auf dem er sich ab und zu zur Ruhe legte. Eines seiner regelmäßigen Entspannungsrituale war es, den Raum zu durchschreiten. Wie sein Schwiegersohn Paul Lafargue schrieb: »Man kann be¬haupten, dass er in seinem Kabinett gehend arbeitete; er setzte sich nur in kurzen Zwi¬schenräumen nieder, um das, was er während des Gehens ausgedacht, niederzuschreiben. Er liebte es auch sehr, im Gehen zu plaudern, indem er von Zeit zu Zeit stehenblieb, wenn die Erörterung lebhaft oder das Gespräch wichtig wurde.« Ein anderer regelmäßiger Besu¬cher jener Zeit berichtet, dass Marx, »wenn die Diskussion ihn stark interessierte, die Ge¬wohnheit (hatte), lebhaft im Zimmer auf und ab zu gehen, als schreite er über das Deck ei¬nes Dampfers, um sich Bewegung zu machen«.
Ein weiterer Tisch stand vor seinem Schreibtisch. Ein gelegentlicher Besucher hätte sich durch das Chaos der Papiere verwirrt gefühlt, aber jeder, der Marx gut kannte, wusste, dass die Unordnung nur scheinbar war: »… alles war eigentlich auf seinem gewünschten Platze und ohne zu su- chen, nahm er immer das Buch oder Heft, dessen er eben bedurfte; selbst während des Plauderns hielt er oft inne, um ein eben erwähntes Zitat oder eine Ziffer im Buche selbst nachzuweisen. Er war eins mit seinem Arbeitszimmer, dessen Bücher und Pa¬piere ihm ebenso gehorchten wie seine eigenen Glieder«, schrieb Lafargue.
Zu seinem Arbeitszimmer gehörte auch eine große Kommode. Hier platzierte er Fotos von Menschen, die er schätzte, z. B. seinen Genossen Wilhelm Wolff, dem er das Kapital wid¬mete. Lange Zeit waren in seinem Arbeitszimmer auch eine Büste von Jove und zwei Mau¬erstücke aus dem Hause Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zu sehen. Beide erhielt Marx von seinem Arzt und langjährigen Freund Ludwig Kugelmann, der sie ihm zu Weih¬nachten 1867 bzw. zu seinem 52. Geburtstag 1870 schenkte – als in Hannover das Haus des größten deutschen Philosophen des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts abgeris¬sen wurde.
Marx und seine Familie lebten in einem Reihenhaus in der 41 Maitland Park Road im Nor¬den Londons. Er und seine Familie waren 1875 dorthin gezogen, nachdem sie in den vor-hergehenden zehn Jahren größere und teurere Wohnungen in der Nr. 1 gemietet hatten. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Kernfamilie aus Marx und seiner Frau Jenny, seiner jüngsten Tochter Eleanor und Helene Demuth (1823-1890), der hingebungsvollen Haushilfe, die fast 40 Jahre mit ihnen gelebt hatte. (…)
Selten unterbrach er die Zeit, die er seinen mehrsprachigen Studien widmete. Sogar Engels »klagte über Marx, der sich meist nur schwer hatte dazu entschließen können, die Studier¬stube zu verlassen«. Abgesehen von diesen Ausnahmen verließ Marx seine Arbeit nur für die üblichen Pausen und Verabredungen.
Am späten Nachmittag zog er sich einen Mantel an und machte sich auf den Weg zum nahe gelegenen Maitland Park, wo er gerne mit seinem ältesten Enkel Johnny spazieren ging, oder zur etwas weiter entfernten Hampstead Heath, wo er viele glückliche Sonntage mit seiner Familie verbracht hatte. Eine Freundin seiner jüngsten Tochter, die Schauspielerin Marian Comyn, beschrieb kurz und bündig die Szene, die sie häufig ge- sehen hatte: »Oft, wenn ich zusammen mit Eleanor Marx im Wohnzimmer auf dem Teppich saß, vor dem of¬fenen Kaminfeuer, hörten wir, während wir uns in der Dämmerung unterhielten, wie die Haustür leise einschnappte, und gleich darauf sahen wir die Silhouette des Doktors (Marx), der einen schwarzen Mantel und einen weichen Schlapphut trug – seine Tochter pflegte zu sagen, er sehe wie ein Verschwörer aus einem Theaterstück aus -, am Fenster vorbeipas¬sieren; dann kehrte er gewöhnlich erst nach Hause zurück, wenn es ganz dunkel geworden war.« (…)
Zu allem Unglück wurden die Probleme immer schlimmer. Anfang Juni 1881 teilte Marx dem US-ame- rikanischen Journalisten John Swinton mit, dass die Krankheit seiner Frau »mehr und mehr einen verhängnisvollen Charakter« annehme. Er selbst litt unter immer neuen Beschwerden und musste sich wegen eines rheumatischen Beines türkischen Bä¬dern unterziehen. Er hatte eine schlimme Erkältung gehabt, obwohl, wie Engels an Jenny Longuet schrieb: »Was seine Erkältung betrifft, so wird sie bei dem gegenwärtig warmen Wetter fast ganz zurückgehen, und durch eine Luftveränderung an der See völlig ver¬schwinden.« (…) Die erste Hälfte des Jahres 1881 verlief voller derartiger Probleme. Die zweite Hälfte des gleichen Jahres würde noch schlimmer werden.

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Hoch die … Warum Marx grenzenlos war

Marx’ Beitrag zur Internationalen

Die Internationale Arbeitsassoziation (IAA) wurde am 28. September 1864 in London gegründet. Zu ihr gehörten reformistische Gewerkschafter aus England, französische Mutualisten, die durch die Theorien von Pierre-Joseph Proudhon inspiriert waren,[1] Antikapitalisten und Gruppen, die den Ideen der „utopischen“ Sozialisten anhingen.

Acht intensive Jahre wirkten sie im ersten transnationalen Experiment der Arbeiterbewegung gemeinsam. Es war die große Leistung von Karl Marx, das Zusammenwirken dieser verschiedenen Strömungen in einer gemeinsamen Organisation ermöglicht zu haben. Sein politisches Talent befähigte ihn, das scheinbar nicht zu Vereinbarende zu vereinbaren. Nur dadurch kam es, dass die IAA nicht den vielen früheren Arbeitervereinigungen folgte, die schnell in Vergessenheit geraten waren. Marx war es, der der Internationalen ein klares Ziel gab. Ihm gelang es, ein politisches Programm durchzusetzen, das eindeutig klassenbasiert war und doch nicht ausgrenzend – ein Programm, das jenseits jedes Sektierertums die Massen gewann. Marx war stets die politische Seele des Zentralrats der IAA: Er hat alle wesentlichen Resolutionen entworfen und die Berichte an die Kongresse der IAA vorbereitet.

Marx war auch Autor der Inauguraladresse und der provisorischen Statuten der IAA von 1864. Mit diesen grundlegenden Texten und in vielen anderen, die folgten, hat er einen Zusammenhang zwischen dem ökonomischen und politischen Kampf hergestellt und den Ansatz internationalen Denkens und Agierens in der Arbeiterbewegung verankert. Nicht zuletzt dank Marx‘ Fähigkeiten gelang es der IAA, verschiedene nationalen Bewegungen unter Leitung des Zentralrats im Projekt eines gemeinsamen Kampfes zu vereinen. Der Erhalt der Einheit war zeitweise mühselig, nicht zuletzt deswegen, weil Marx‘ Antikapitalismus innerhalb der IAA umstritten war. Aber im Laufe der Zeit, teils durch Marx‘ Beharrlichkeit, teils durch Abspaltungen, wurde sein Denken hegemonial. Die Diskussionen in der IAA stimulierten Marx, seine Ideen weiterzuentwickeln oder auch zu revidieren, alte Gewissheiten infrage zu stellen und sich neuen Problemen zuzuwenden. Er schärfte vor allem auch seine Kapitalismuskritik, indem er Grundlinien einer kommunistischen Gesellschaft skizzierte. Die überkommene orthodoxe Vorstellung, dass Marx in der Internationale mechanisch jene Theorie der historischen Abfolge von Gesellschaftsformationen anwandte, die er vorher in seiner Studierstube entwickelt hatte, entbehrt jeder Realität.

In einem der Schlüsseldokumente fasste Marx die Funktion der IAA so zusammen: „Es ist Aufgabe der Internationalen Arbeiterassoziation, die spontanen Bewegungen der Arbeiterklasse zu vereinigen und zu verallgemeinern, doch nicht, ihnen irgendein doktrinäres System zu diktieren oder aufzudrängen.“ (Marx 1867: 195) Ungeachtet der beträchtlichen Autonomie, die den Föderationen und lokalen Sektionen zugestanden wurde, legte die IAA auf politische Führung immer großen Wert. Der Zentralrat war es, der die vereinigende Synthese zu vielen strittigen Fragen ausarbeitete. Dazu gehörten das Problem der Arbeitsbedingungen, die Auswirkungen neuer Maschinen, die Unterstützung für Streiks, die Rolle und Bedeutung der Gewerkschaften, die irische Frage, andere Aspekte internationaler Politik und natürlich auch, wie eine andere Gesellschaft aufzubauen war.

Produktionsmittel in Gemeineigentum

Im September 1866 fand in Genf der erste Kongress der IAA statt. Ihre Teilnehmer waren weitgehend in zwei Blöcke gespalten. Der erste Block wurde durch Delegierte aus Großbritannien, einige wenige Deutsche und die Mehrheit der schweizerischen Delegierten gebildet. Sie folgen den Direktiven des Zentralrats, die von Marx, der in Genf selbst nicht dabei war, stammten. Der zweite Block bestand aus französischen Delegierten und einigen Franko-Schweizern. Sie waren Mutualisten. Zu dieser Zeit herrschten in der IAA moderate Positionen vor und die Mutualisten strebten eine Gesellschaft an, in der der Arbeiter zugleich Produzent, Kapitalist und Konsument wäre. Als entscheidende Maßnahme der Transformation der Gesellschaft sahen sie die Gewährung freien Kredits an Arbeiterassoziationen an. Die Lohnarbeit von Frauen lehnten sie aus ethischen wie sozialen Gründen ab. Auch sprachen sie sich gegen jede Einmischung des Staates in die Arbeitsbeziehungen aus, auch solche, die den Arbeitstag auf acht Stunden verkürzen würde. Sie nahmen an, dass dies die privaten Vertragsbeziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern schwächen und das herrschende autoritäre System stärken würde.

Mithilfe der von Marx vorbereiteten Resolutionen gelang es den führenden Vertretern des Zentralrats, die zahlenmäßig starke Gruppe der Mutualisten auf dem Kongress zu marginalisieren und Mehrheiten für die staatliche Regulation der Arbeitsverhältnisse zu erhalten. In seinen “Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats” hatte Marx eindeutig formuliert: „Das kann nur erreicht werden durch die Verwandlung gesellschaftlicher Einsicht in gesellschaftliche Gewalt, und unter den gegebenen Umständen kann das nur durch allgemeine Gesetze geschehen, durchgesetzt durch die Staatsgewalt. Bei der Durchsetzung solcher Gesetze stärkt die Arbeiterklasse keineswegs die Macht der Regierung. Im Gegenteil, sie verwandelt jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, in ihren eigenen Diener.“ (Marx 1867: 194) Die Instruktionen, die Marx für den Genfer Kongress verfasst hatte, unterstrichen zudem die Bedeutung der Hauptfunktion der Gewerkschaften, gegen die sich nicht nur die Mutualisten, sondern auch einige der Anhänger von Robert Owen in Großbritannien oder von Ferdinand Lassalle in Deutschland wandten. Während Owen die Arbeiter dazu aufrief, sich auf genossenschaftliche Siedlungsprojekte zu konzentrieren, sah Lassalle das „eherne Lohngesetz“ am Wirken. Es würde die Erfolge gewerkschaftlicher Kämpfe immer wieder zunichte machen. Marx schrieb: „Diese Tätigkeit der Gewerksgenossenschaften ist nicht nur rechtmäßig, sie ist notwendig. Man kann ihrer nicht entraten, solange die heutige Produktionsweise besteht. Im Gegenteil, sie muss verallgemeinert werden durch die Gründung und Zusammenfassung von Gewerksgenossenschaften in allen Ländern.“ (Ebd.: 197) Im gleichen Zusammenhang kritisierte Marx aber auch die Gewerkschaften: Sie „haben sich bisher zu ausschließlich mit dem lokalen und unmittelbaren Kampf gegen das Kapital beschäftigt und haben noch nicht völlig begriffen, welche Kraft sie im Kampf gegen das System der Lohnsklaverei selbst darstellen. Sie haben sich deshalb zu fern von allgemeinen sozialen und politischen Bewegungen gehalten.“ (Ebd.)

Ungeachtet all der Schwierigkeiten, die mit der Unterschiedlichkeit der Nationalitäten, Sprachen und politischen Kulturen verbunden waren, war ein großer Verdienst der IAA, die absolute Notwendigkeit von Klassensolidarität und internationaler Zusammenarbeit demonstriert und dabei entschieden über den partikularen Charakter der ursprünglichen Ziele und Strategien hinausgegangen zu sein. Gestärkt durch den Erfolg bei der Verfolgung dieser Ziele sowie durch eine erweiterte Mitgliedschaft und effizientere Organisation konnte die Internationale in allen Teilen Kontinentaleuropas Fortschritte erzielen.

Vier Jahre lang stellten die Mutualisten einen bedeutenden Flügel der IAA. Zweifellos spielte Marx eine entscheidende Rolle in dem langen Kampf, Proudhons Einfluss in der Organisation zu schwächen. Er bewies eine bemerkenswerte Fähigkeit, seine Ideen zur Geltung zu bringen und in jedem wesentlichen Konflikt seine Positionen durchzusetzen. Hinsichtlich der Kooperation der Arbeiter (einem der wichtigsten Punkte für Proudhon) hieß es zum Beispiel in den schon genannten Instruktionen: „Wir empfehlen den Arbeitern, sich eher mit Produktivgenossenschaften als mit Konsumgenossenschaften zu befassen. Die letzteren berühren nur die Oberfläche des heutigen ökonomischen Systems, die erstern greifen es in seinen Grundfesten an.“ (Ebd.: 196)

Der Brüsseler Kongress vom September 1868 stutzte die Flügel der Mutualisten endgültig. Ein entscheidender Schritt war die Zustimmung zu der Forderung von César De Paepe, die Produktionsmittel zu vergesellschaften. Damit gelang es zum ersten Mal, die ökonomische Basis des Sozialismus im Programm einer großen transnationalen Organisation zu definieren. In dem Antrag hieß es, „dass die wirtschaftliche Entwicklung der modernen Gesellschaft die soziale Notwendigkeit schaffen wird, landwirtschaftlich nutzbares Land in das Gemeineigentum der Gesellschaft zu verwandeln und den Boden im Auftrag des Staates an landwirtschaftliche Unternehmen zu Bedingungen zu verpachten, die denen analog sind, wie sie für Bergwerke und Eisenbahnen gelten sollen.“ (International Working Men’s Association 1868: 91) Schließlich wurden auch interessante Beschlüsse mit Blick auf die natürliche Umwelt gefasst: „Angesichts der Tatsache, dass die Übereignung von Forstgebieten an private Individuen die Zerstörung der Wälder zur Folge hatte, Wälder, die für die Erhaltung der Quellen unverzichtbar sind und natürlich auch für die gute Qualität des Bodens, die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung, geht der Kongress davon aus, dass die Forstgebiete Eigentum der Gesellschaft bleiben sollten.“ (Ebd.: 92)

In Brüssel bekannte sich die Internationale also erstmals klar zur Sozialisierung der Produktionsmittel durch staatliche Organe. Die Resolutionen des Brüsseler Kongresses zum Eigentum an Grund und Boden wurden durch den Baseler Kongress vom September 1869 bestätigt. Selbst elf französische Abgeordnete stimmten dort einer Erklärung zu, wonach die Gesellschaft das Recht habe, jegliches Land in Gemeineigentum zu überführen. Nach Basel war die französische Internationale nicht mehr länger mutualistisch geprägt.

Eine Partei des Proletariats

Nach dem Sieg der deutschen über die französischen Truppen in der Schlacht von Sedan und der Gefangennahme von Kaiser Napoléon III. wandte sich das Volk von Paris gegen Adolphe Thiers. Er war im Februar 1871 von der neu gewählten Nationalversammlung zum Chef der Exekutive ernannt worden. Am 18. März 1871 kam es zur Gründung der Pariser Kommune – dabei handelte es sich um die erste Übernahme von politischer Macht in der Geschichte der Arbeiterbewegung. In der Blutwoche vom 21. zum 28. Mai wurden einige Zehntausend Kommunarden während der Kämpfe getötet oder massenhaft erschossen. Es war das blutigste Massaker in der französischen Geschichte. Von jetzt an befand sich die Internationale im Zentrum des Sturms. Sie wurde für jede Tat gegen die etablierte Ordnung verantwortlich gemacht.

Das aufständische Paris jedoch hatte die Arbeiterbewegung gestählt und drängte sie, radikalere Positionen einzunehmen und militanter zu werden. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass eine Revolution möglich war. Nun sollte es darum gehen, eine Gesellschaft aufzubauen, die sich völlig von der kapitalistischen Ordnung unterschied. Die Pariser Kommune hatte auch deutlich gemacht, dass die Arbeiter dauerhafte und gut organisierte Formen politischer Organisation benötigen. Diese Ideen wurden im September 1871 auf der Londoner Konferenz der IAA in ihre Statuten aufgenommen. In einer der Resolutionen hieß es, „dass die Arbeiterklasse gegen diese Gesamtgewalt der besitzenden Klassen nur als Klasse handeln kann, indem sie sich selbst als besondere politische Partei konstituiert, im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden Klassen; dass diese Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerlässlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endziels – Abschaffung der Klassen; dass die Vereinigung der Einzelkräfte, welche die Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Punkt bereits durch ihre ökonomischen Kämpfe hergestellt hat, auch als Hebel für ihren Kampf gegen die politische Gewalt ihrer Ausbeuter zu dienen hat“ (Marx/Engels 1871: 422).

Diese Hinwendung zum Aufbau einer politischen Partei wurde von vielen als abrupte Wende und als krasse Einmischung in die Angelegenheiten der einzelnen Ländersektionen der IAA angesehen. Nicht nur jene Gruppen, die mit Michael Bakunin verbunden waren, sondern die meisten Föderationen und Sektionen der Internationalen betrachteten das Prinzip der Autonomie und den Respekt für die sehr unterschiedlichen Realitäten, unter denen sie agierten, als einen Grundpfeiler der gemeinsamen Arbeit. Marx‘ Fehleinschätzungen in dieser Frage beschleunigten die Krise der Internationale, die zunehmend unter heftigen Angriffen von außen litt und deren Mitglieder in vielen Ländern politisch verfolgt wurden.

Zum Schlusskampf zwischen „Zentralisten“ und „Autonomisten“ kam es auf dem Haager Kongress vom September 1872. Seine herausragende Bedeutung hatte Marx dazu veranlasst, in Begleitung von Engels selbst daran teilzunehmen. Es war tatsächlich der einzige Kongress der Internationalen, an dem er persönlich anwesend war. Die Versammlung war durch einen unüberbrückbaren Antagonismus zwischen den beiden Lagern geprägt. Die Zustimmung zu den von Marx und Engels initiierten Resolutionen war nur deshalb möglich, weil die Zusammensetzung des Kongresses verzerrt war. Die Anhänger von Marx sprachen vielen Delegierten das Mandat ab und konnten so ihre Mehrheit sichern. Aber unabhängig von den einzelnen Beschlüssen in Den Haag und dem anschließenden Niedergang der Internationalen: Nach diesen Ereignissen galt die Gründung einer politischen Partei als wesentliche Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf des Proletariats. Diese habe unabhängig zu sein von allen anderen existierenden politischen Kräften und sollte programmatisch wie organisatorisch an die jeweiligen nationalen Bedingungen angepasst werden.

Marx der politikerfahrene Theoretiker

Mit den Ergebnissen des Londoner und Haager Kongresses ging eine Verschärfung der inneren Krise der Internationalen einher. Man hatte es versäumt, dass Unbehagen vieler Delegierter damit ernst zu nehmen und Maßnahmen zu ergreifen, mit denen eine Stärkung von Bakunin und seinen Anhängern hätte verhindert werden können. Die beiden Kongresse erwiesen sich am Ende als Pyrrhussieg für Marx. Der Versuch, die internen Konflikte zu lösen, hatte zu ihrer Akzentuierung geführt. Aber man muss beachten, dass die in London gefassten Beschlüsse nur einen Prozess beschleunigten, der längst im Gange und nicht mehr umzukehren war.

Marx war nach acht Jahren überaus anstrengender Tätigkeit für die Internationale völlig erschöpft. Er war sich darüber hinaus bewusst, dass die Arbeiterbewegung nach der Niederlage der Pariser Kommune – für ihn das damals wichtigste historische Ereignis – auf dem Rückzug war. So beschloss er, die ihm verbleibenden Jahre dem Versuch zu widmen, das „Kapital“ abzuschließen. 1864, als in der St. Martins Hall in London die IAA gegründet worden war, war er eine kaum bekannte Persönlichkeit gewesen. Jetzt, nach 1871, war er als Führer der Internationalen überall bekannt, nicht nur unter den Delegierten und politischen Aktivisten, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit. Während die Organisation Marx enorm viel zu verdanken hatte, hat sie zugleich vieles in seinem Leben zum Positiven verändert. Nach der Pariser Kommune und vor allem nach der Veröffentlichung seines Magnum Opus, dem ersten Band des „Kapitals“, verbreitete sich Marx’ Ruhm bei den Revolutionären in ganz Europa. In der Presse bezeichnete man ihn als den „Doktor des roten Terrors“. Die Verantwortung, die er im Rahmen seiner Arbeit für die IAA übernommen hatte, sowie die Erfahrungen, die er im Zuge vieler wirtschaftlicher und politische Kämpfe gesammelt hatte, waren ein wesentlicher Antrieb für sein Nachdenken über den Kommunismus und haben seine gesamte antikapitalistische Theorie entscheidend beeinflusst.

 

Aus dem Englischen von Michael Brie

 

[1] Für Mutualisten sollte die sozialistische Gesellschaft aus den freien Vereinbarungen der Werktätigen auf der Basis der Wechselseitigkeit (des Mutualismus) hervorgehen. Sie sahen in der weitgehenden Verstaatlichung der Wirtschaft eine Gefahr für die Freiheit der Arbeiter, Bauern und Kleinproduzenten (Anm. d. Übersetzers).

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‘Hoffe ich, daß die Bourgeoisie ihr ganzes Leben lang an meine Karbunkeln denken wird’. Zur Entstehungsgeschichte des Kapital im Spiegel der Marx’schen Korrespondenz

1. Der Schreibprozess und die drei Bände
Nach den „Theorien über den Mehrwert“ (1861-63) biss Marx die Zähne zusammen und trat in eine neue Arbeitsphase ein. Im Sommer des Jahres 1863 begann er die Grundlegung des Werks, das sein opus magnum [1] (Heinrich 2011) werden sollte.
Bis Dezember 1865 hatte er sich den umfangreichsten Versionen der verschiedenen Unterabteilungen gewidmet, die Skizzen für den ersten Band vorbereitet und den Hauptteil des dritten (seine einzige Darstellung des kompletten Prozesses der kapitalistischen Produktion) bereits besorgt. Die ersten Entwürfe für den zweiten Teil, seine erste grundlegende Darstellung der Kapitalzirkulation, standen ebenso. In Abänderung des in seinem Vorwort zu „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859 angekündigten Sechs-Bände-Plans fügte Marx in das Konzept für Band I jetzt einige Themen wie Bodenrente und Löhne ein, die ursprünglich in Band II und III hätten behandelt werden sollen. Mitte August 1863 informierte Marx Engels über seine Fortschritte: „Mit meiner Arbeit (dem Manuskript für den Druck) geht es in einer Hinsicht gut voran. Die Sachen nehmen bei der letzten Ausarbeitung, wie es mir scheint, eine erträglich populäre Form an, einige unvermeidliche G – W und W – G abgerechnet. Andrerseits, obgleich ich den ganzen Tag schreibe, geht’s nicht so rasch vom Fleck, wie meine eigne längst auf die Geduldprobe gestellte Ungeduld wünscht. Jedenfalls wird es 100 p. c. leichter verständlich als Nr. 1.“ [2] (MEW 30: 368; Marx an Engels 15.8.1863)

Marx hielt das Tempo den ganzen Herbst hin durch und widmete sich zur Gänze dem ersten Band. Doch seine Gesundheit verschlechterte sich zusehends und als Folge machte er im November Bekanntschaft mit dem, was seine Frau „die schreckliche Krankheit“ nennen sollte, mit der er den Rest seines Lebens würde kämpfen müssen. Es handelte sich um einen Fall von Karbunkeln, einer schwerwiegenden Infektion, die in Form von Abszessen und hartnäckigen Eiterbeulen auftrat, die über den ganzen Körper verteilt den Kranken lähmten und fürchterliche Schmerzen verursachten.
Als Folge eines tiefen Geschwürs musste sich Marx einer gefährlichen Operation unterziehen und bewegte sich für längere Zeit am Rande des Todes. Wie Jenny Marx später berichtete, dauerte sein kritischer Zustand „vier volle Wochen“ an und war mit heftigsten körperlichen Schmerzen verbunden. Zugleich quälten ihn „die nagendsten Sorgen, geistige[n] Foltern aller Art“ [3]. Nicht zuletzt weil die Krankheit die prekäre finanzielle Situation von Marx Familie noch verschärfte.
Anfang Dezember befand sich Marx bereits auf dem Weg der Besserung und er konnte Engels berichten, dass er „mit einem Fuß unter Erde“ gestanden habe und zwei Tage später, dass seine körperliche Verfassung ein „gutes Thema für eine Novelle“ sein würde (MEW 30: 375; Marx an Engels 2.12.1863). „Vorn den Mann, der his inner man mit Port, Bordeaux, Stout und massivsten Fleischmassen regaliert. (…) Aber hinten auf dem Buckel der outer man, verdammter Karbunkel.“ (Ebd.: 378; Marx an Engels 4.12.1863)
Nachdem Marx im Herbst 1864 eine Pause wegen seiner Verpflichtungen bei der Internationale eingelegt hatte, nahm er die Arbeit am dritten Abschnitt des Dritten Bandes wieder auf unter dem Titel: „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“. Januar bis Mai 1865 widmete sich Marx Band II. Das Manuskript war in drei Kapitel eingeteilt, die später in Engels Überarbeitung von 1885 zu Abschnitten wurden: „Erster Abschnitt: Die Metamorphosen des Kapitals“, „Zweiter Abschnitt: Der Umschlag des Kapitals“ und „Dritter Abschnitt: Die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals“. Auf diesen Seiten entwickelte Marx neue Konzepte und verband einige der theoretischen Überlegungen aus Band I und III.
Letztlich drängte ihn auch sein Vertrag mit dem Verleger dazu, die fehlenden Abschnitte so schnell wie möglich zu komplettieren. Hier war Wilhelm Strohn, ein alter Genosse aus den Tagen des Bundes der Kommunisten, der Vermittler. In dem Marx durch Strohn am 9. Februar 1865 übermittelten Vertragsentwurf über die Veröffentlichung des Werks „Das Kapital. Ein Beitrag zur Kritik der Politischen Ökonomie“ hieß es, das Werk solle ungefähr 50 Bögen[4] umfassen und in zwei Bänden erscheinen. Der Entwurf legte in §8 fest, dass das Manuskript „spätestens Ende Mai dieses Jahres“ abzuliefern sei. Marx gelang es aber in den in den weiteren Verhandlungen mit Meißner, diese Festlegung auszuhebeln, wie er Engels später mitteilte (ebd. 31: 269; Marx an Engels 17.12.1866), und einen größeren Umfang auszuhandeln (ebd. 31: 134; Marx an Engels 5.8.1865).[5]
Ende Juli 1865 teilte er Engels den Stand der Dinge mit: „Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben, um den theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das 4. Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist. Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen.“ (MEW 31: 132; Marx an Engels 31.7.1865)
Doch bald schon zwingen ihn unaufschiebbare Verzögerungen und eine Reihe unglücklicher Vorfälle, seine Arbeitsweise zu überdenken: Vielleicht, so fragte sich Marx, wäre es angebrachter, zuerst den Band I fertig zu stellen, um ihn direkt zu veröffentlichen, anstatt alle Bücher des Werkes parallel zu abzuschließen. In einem weiteren Brief an Engels schreibt er, dass es sich für ihn gerade darum drehe, ob er einen guten Teil des Manuskripts bereits zum Verleger schicken oder erst alles zu Ende schreiben solle.
Obgleich er sich in der Folge dazu entschied, zuerst Band I in Angriff zu nehmen, wollte Marx die Arbeit an Band III nicht liegen lassen. Aber nach etwa einem Jahr endete eine kurze Phase ohne finanzielle Sorgen, die Marx ein schnelles Vorankommen erlaubt hatte, und neben den pekuniären Schwierigkeiten verschlechterte sich auch sein Gesundheitszustand im Laufe des Sommers.

2. Die Fertigstellung von Band I
Zu Beginn des Jahres 1866 stürzte sich Marx in die neuen Entwürfe zum ersten Band des „Kapital“. Im Januar schrieb er Wilhelm Liebknecht über seine Fortschritte: „Unwohlsein, immer periodisch retournierend, Pech durch allerlei Zufälle, Inanspruchgenommenheit durch die ‚International Association’ usw. haben alle meine freien Momente für Reinschrift meines Manuskripts konfisziert.“ (Ebd.: 497; Marx an Wilhelm Liebknecht 15.1.1866) Dennoch wähnte sich Marx am Ende seiner Arbeit und nahm an, „Band I für den Druck dem Buchhändler selbst im März“ bringen zu können (ebd.). Weiterhin, fügte er hinzu, werde „das Ganze, die beiden Bände (…), gleichzeitig erscheinen“ (ebd.). In einem anderen Brief vom gleichen Tag an Kugelmann heißt es, „was meine Schrift angeht, so bin ich 12 Stunden per Tag mit ihrer Reinschrift beschäftigt.“ Er hoffe, sie persönlich innerhalb zweier Monate („im März“) an den Verleger nach Hamburg bringen zu können (ebd.: 496; Marx an Ludwig Kugelmann 15.1.1866)
Entgegen seinen Vorhersagen verging ein ganzes Jahr im Kampf mit den Karbunkeln. Ende Januar 1866 informierte seine Frau Jenny den alten Kampfgefährten Johann Phillip Becker, dass ihr Mann „wieder an der frühern gefährlichen und höchst schmerzhaften Krankheit“ leide (ebd.: 586; Jenny Marx an Johann Philipp Becker 29.1.1866). Diesmal sei es noch schlimmer für ihn, da es ihn von neuem bei der eben begonnenen Reinschrift seines Buches zurückgeworfen habe. Ihrer Ansicht nach resultierten die Karbunkel ausschließlich aus der Überarbeitung und den langen nächtlichen Stunden ohne Schlaf und Pause.
Nur wenige Tage später erlitt Marx den bis dato schlimmsten Anfall. Als er sich weit genug erholt hatte, um sich wieder ans Schreiben zu machen, gestand er Engels gegenüber: „Diesmal ging es um die Haut. Meine Familie wußte nicht, wie sérieux der cas war. Wenn sich das Zeug noch drei- bis viermal in derselben Form wiederholt, bin ich ein Mann des Todes. Ich bin wundervoll abgefallen und noch verdammt schwach, nicht im Kopf, sondern in Lende und Beine. Die Ärzte haben ganz recht, daß übertriebne Nachtarbeit die Hauptursache dieses Rückfalls. Aber ich kann den Herrn nicht die Ursachen mitteilen – was auch ganz zwecklos wäre, die mich zu dieser Extravaganz zwingen. In diesem Augenblick hab’ ich noch allerlei kleinen Nachwuchs am Leib, der schmerzlich, aber in keiner Art mehr gefährlich.“ (MEW 31: 174; Marx an Engels 10.2.1866)
Trotz alledem richteten sich Marx Gedanken in erster Linie auf die Aufgabe, die vor ihm lag: „Mir war das Ekelhafteste die Unterbrechung meiner Arbeit, die seit 1st January, wo mein Leberleiden verschwunden war, famos voranging. Von ‚Sitzen’ war natürlich keine Rede. (…) Aber liegend habe ich doch, wenn auch nur während kurzer Intervalle im Tag, fortgeschanzt. Mit dem eigentlich theoretischen Teil konnte ich nicht vorangehn. Dazu war das Hirn zu schwach. Ich habe daher den Abschnitt über den ‚Arbeitstag’ historisch ausgeweitet, was außer meinem ursprünglichen Plan lag.“ (Ebd.) Marx schloss den Brief mit einer Sentenz, die ganz gut als Motto über jener Periode seines Lebens stehen könnte: „meine Schreibzeit gehört ganz meinem Werk.“ (Ebd.: 175) Wie sehr sollte dies für 1866 gelten!
Engels war in höchstem Maße alarmiert. Er befürchtete das Schlimmste und bemühte sich energisch, den Freund zu überzeugen, dass er so nicht mehr weitermachen könne: „Du mußt wirklich endlich etwas Vernünftiges tun, um aus diesem Karbunkelkram herauszukommen, selbst wenn das Buch dadurch noch 3 Monate verzögert würde. Die Sache wird wahrhaftig zu ernsthaft, und wenn Dein Gehirn, wie Du selbst sagst, nicht für die theoretischen Sachen up to the mark ist, so laß es doch etwas ausruhen von der höheren Theorie. Laß das Nachtsarbeiten einige Zeit sein und führe eine etwas regelmäßigere Lebensweise.“ (Ebd.: 176; Engels an Marx 10.2.1866)
Engels erbat in Manchester umgehend Rat bei dem befreundeten Arzt Dr. Gumpert, der eine weitere Arsenik-Kur empfahl, drang jedoch gleichzeitig darauf, dass Marx von der unrealistischen Idee Abstand nehmen solle, das ganze „Kapital“ fertig zu schreiben, bevor auch nur ein Teil davon veröffentlicht sei. „Kannst Du es nicht so einrichten“, bat er Marx, „daß wenigstens der erste Band zuerst zum Druck geschickt wird und der zweite ein paar Monate später?“ Er schloss seine Überlegungen mit einer vorausschauenden Beobachtung: „Was kann es da helfen, daß vielleicht ein paar Kapitel am Ende Deines Buchs fertig sind und nicht einmal ein erster Band zum Druck kommen kann, wenn wir überrascht werden von den Ereignissen?“ (Ebd: 177)
Marx antwortete dem Freund auf alle Punkte, schwankte dabei aber zwischen ernstem und scherzhaftem Ton. In Bezug auf das Arsenik schrieb er: „Sage oder schreibe dem Gumpert, er solle mir das Rezept mit Gebrauchsanweisung schicken. Da ich das Vertrauen in ihn habe, schuldet er schon dem Besten der ‚Politischen Ökonomie’, professionelle Etikette zu übersehn und mich von Manchester aus zu behandeln.“ (Ebd. 178; Marx an Engels 13.2.1866). In Bezug auf seine Arbeit antwortete er: „Was dies ‚verdammte’ Buch betrifft, so steht es so: Es wurde fertig Ende Dezember. Die Abhandlung über die Grundrente allein, das vorletzte Kapitel, bildet beinahe, in der jetzigen Fassung, ein Buch[6] . Ich ging bei Tag aufs Museum und schrieb nachts. Die neue Agrikulturchemie in Deutschland, speziell Liebig und Schönbein, die wichtiger für diese Sache als alle Ökonomen zusammengenommen, andrerseits das enorme Material, das die Franzosen seit meiner letzten Beschäftigung mit diesem Punkt darüber geliefert hatten, mußte durchgeochst werden. Ich schloß meine theoretischen Untersuchungen über die Grundrente vor 2 Jahren. Und grade in der Zwischenzeit war vieles, übrigens ganz meine Theorie bestätigend, geleistet worden. Auch der Aufschluß von Japan (ich lese sonst im Durchschnitt, wenn nicht professionell genötigt, niemals Reisebeschreibungen) war hier wichtig. Daher das ‚shifting system’ [Schichtsystem], wie es die englischen Fabrikhunde von 1848-50 an denselben Personen anwandten, auf mich von mir selbst angewandt.“ (Ebd. 178; Marx an Engels 13.2.1866)
Um das Buch rechtzeitig fertig zu stellen legte sich Marx ein eiserneres Pensum auf: Tagsüber arbeitete er in der Bibliothek, um mit den neusten Entwicklungen und Entdeckungen Schritt zu halten, des Nachts vergrub er sich in sein Manuskript. Über die Hauptaufgabe berichtete er Engels: „Obgleich fertig, ist das Manuskript, riesig in seiner jetzigen Form, nicht herausgebbar für irgend jemand außer mir, selbst nicht für Dich.“ (Ebd.). Über die vorhergegangenen Wochen schrieb er ihm: „Ich begann die Abschreiberei und Stilisierung Punkt ersten Januar, und die Sache ging sehr flott voran, da es mir natürlich Spaß macht, das Kind glattzulecken nach so vielen Geburtswehn. Aber dann kam wieder der Karbunkel dazwischen, so daß ich bis jetzt nicht weitergehn, sondern nur tatsächlich ausfüllen konnte, was nach dem Plan schon fertig war.“ (Ebd.: 179)
Schließlich nahm er Engels Ratschlag an, den Veröffentlichungs-Plan zu modifizieren: „Im übrigen stimme ich mit Deiner Ansicht überein und bringe den ersten Band, sobald er fertig, zu Meißner. Doch muß ich zum Fertigmachen wenigstens sitzen können.“ (Ebd.)
Tatsächlich ging es Marx von Tag zu Tag schlechter. Gegen Ende Februar hatten sich zwei neue Karbunkel gebildet und er versuchte vergeblich, sie selbst zu behandeln. Engels erzählte er, dass er mit einem „scharfe[n] Rasiermesser“ den „obern“ aufgeschnitten hatte, und den „Karbunkel nun als begraben“ betrachtete, „obgleich it still wants some nursing“ (Ebd.: 182; Marx an Engels 20.2.1866). Der „untere“ wiederum entziehe sich seiner „Kontrolle“ und sollte „diese Schweinerei voran[gehen]“ müsse er natürlich seinen Arzt Allen kommen lassen da er unfähig sei „infolge des locus des Hundes“, ihn selbst zu behandeln (ebd.).
Diese grässlichen Details ließen Engels keine Ruhe; er fühlte sich genötigt, den Freund zu rügen – heftiger als er es jemals getan hatte: „… kein Mensch kann diese chronische Karbunkelgeschichte auf die Dauer aushalten, abgesehen davon, daß endlich einmal einer auftreten kann, der eine solche Gestalt annimmt, daß Du daran zum Teufel gehst. Und wo ist dann Dein Buch und Deine Familie?“ (Ebd.: 184; Engels an Marx 22.2.1866). Um Marx etwas Erleichterung zu verschaffen, versprach er für ihn jedes finanzielle Opfer zu bringen. Er bat ihn, vernünftig zu sein und die Arbeit fürs erste komplett ruhen zu lassen, bis sich sein Gesundheitszustand verbessert habe.
Schließlich überzeugte das Marx, eine Pause einzulegen. Am 15. März reiste er nach Margate, einem Kurort bei Kent und meldete am zehnten Tag an Engels: „Ich lese nichts, schreibe nichts. Schon des dreimaligen Arseniks im Tag wegen muß man Mahlzeiten und die Zeiten des Herumbummelns an der See und auf den nachbarlichen hills so einrichten, daß man ‚keine Zeit’ findet zu andern Dingen (…) Was den geselligen Verkehr hier angeht, so existiert er natürlich nicht. Ich kann singen mit dem milier of the Dee: ‚I care for nobody and nobody cares for me.’” (Ebd.: 193; Marx and Engels 24.3.1866)
Anfang April erzählte Marx seinem Freund Kugelmann, dass er sich „sehr erholt habe“. Zugleich beschwerte er sich, durch die Unterbrechung seien „wieder mehr als zwei Monate – Februar, März und Hälfte April vollständig für mich verlorengegangen, und die Fertigmachung meines Buchs wieder in die Länge geschoben!“ (Ebd.: 514; Marx an Ludwig Kugelmann 6.4.1866) Nach seiner Rückkehr nach London musste die Arbeit noch mal einige Woche ruhen, da er von Rheumatismus und anderen Beschwerden heimgesucht wurde. Auch wenn er Engels Anfang Juni berichten konnte, dass „nichts Karbunkelhaftes“ (ebd. 222; Marx an Engels 7.6.1866) mehr erschienen sei, beklagte er sich doch, dass seine Arbeit sich allein durch körperliche Gebrechen verzögert habe.
Im Juli machten sich dann wieder die drei altbekannten Feinde bemerkbar: Livius’ „periculum in mora“ („Gefahr im Verzuge“) in Form wachsender Mietrückstände, die Karbunkel, von denen sich bereits ein neuer ankündigte, und eine marodierende Leber. Im Folgemonat versicherte Marx Engels, dass er sich – trotz schwankender Gesundheit („täglich auf und ab“, ebd.: 247; Marx an Engels 7.8.1866) –, insgesamt besser fühle; das Gefühl, „wieder arbeitsfähig zu sein“, tue viel für einen Mann. Es bedrohten ihn „hier und da neue Karbunkelanfänge aber sie verschwinden immer wieder“, sie zwängen ihn allerdings, seine Arbeitsstunden „sehr within limits“ zu halten. (Ebd.: 253; Marx an Engels 23.8.1866). Am gleichen Tag noch schrieb er an Kugelmann: „[Ich] glaube […] nicht, daß ich vor Oktober das Manuskript des ersten Bands (es werden jetzt 3 Bände) nach Hamburg bringen kann. Ich kann nur sehr wenige Stunden per Tag produktiv arbeiten, ohne es gleich körperlich zu spüren…“ (Ebd.: 520; Marx an Ludwig Kugelmann 23.8.1866)
Auch diesmal war Marx viel zu optimistisch. Der andauernde Strom negativer Ereignisse, denen er täglich im Kampf ums Überleben ausgesetzt war, erwies sich abermals als Hindernis auf dem Weg zur Fertigstellung seines Textes. Darüber hinaus hatte er wertvolle Zeit verloren, weil er immer wieder zum Pfandhaus laufen musste, um dem Teufelskreis aus Schuldscheinen zu entkommen, in dem er sich verfangen hatte.
Mitte Oktober gestand Marx Kugelmann seine Angst, der langen Krankheit wegen und aufgrund all der Kosten, die diese mit sich gebracht hatte, die Schuldner nicht länger hinhalten zu können; es stehe ihm „daher Zusammenbruch des Hauses über dem Kopf bevor“ (ebd.: 533: Marx an Ludwig Kugelmann 13.10.1866). Nachdem er Kugelmann seine Lage geschildert hatte, eröffnete Marx ihm gegenüber einen Plan, den er gefasst hatte (ebd.: 534):
„Meine Umstände (körperliche und bürgerliche Unterbrechungen ohne Unterlaß) veranlassen, daß der Erste Band zuerst erscheinen muß, nicht beide auf einmal, wie ich zuerst beabsichtigte. Auch werden es jetzt wahrscheinlich 3 Bände.
Das ganze Werk zerfällt nämlich in folgende Teile:
Buch I. Produktionsprozeß des Kapitals.
Buch II. Zirkulationsprozeß des Kapitals.
Buch III. Gestaltung des Gesamtprozesses.
Buch IV. Zur Geschichte der Theorie.
Der erste Band enthält die 2 ersten Bücher.
Das 3te Buch, denke ich, wird den zweiten Band füllen, das 4te den 3.“
Indem er seine Arbeit seit „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859) noch einmal Revue passieren ließ, fuhr Marx fort: „Ich habe es für nötig erachtet, in dem ersten Buch wieder ab vorn zu beginnen, d.h. meine bei Duncker erschienene Schrift in einem Kapitel über Ware und Geld zu resümieren. Ich hielt das für nötig, nicht nur der Vollständigkeit wegen, sondern weil selbst gute Köpfe die Sache nicht ganz richtig begriffen, also etwas Mangelhaftes an der ersten Darstellung sein mußte, speziell der Analyse der Ware.“ (Ebd. )
Wie der vorangegangene Monaten war der November geprägt von extremer Armut. Gegenüber Engels schilderte Marx: „Ich bin durch alles das nicht nur sehr in der Arbeit unterbrochen worden, sondern habe mir auch, da ich die bei Tag verlorene Zeit bei Nacht wieder aufmachen wollte, einen schönen Karbunkel nicht weit vom penis wieder zugezogen.“ (Ebd.: 262; Marx an Engels 8.11.1866). Zugleich bestand er darauf, dass es „in diesem Sommer und Herbst nicht die Theorie, die die Verzögerung bewirkt, sondern die körperlichen und bürgerlichen Verhältnisse“ waren, die seine Arbeit aufhielten (ebd.). Wenn er bei guter Gesundheit gewesen wäre, hätte er seine Arbeit komplettieren können. Er erinnerte Engels daran, dass es gerade drei Jahre her war, „daß der erste Karbunkel operiert wurde“ (ebd.: 263; Marx an Engels 10.11.1866), Jahre in denen er nur in „kurzen Intervallen“ frei von ihnen gewesen sei. Im Dezember fügte er in Bezug auf seinen täglichen Kampf mit der Armut hinzu: „Ich bedaure nur, daß Privatpersonen nicht mit demselben Anstand can file their bills for the Bankruptcy Court wie Kaufleute.“ (Ebd.: 266; Marx an Engels 8.12.1866)
Den ganzen Winter hindurch änderte sich kaum etwas an der Situation, so dass im späten Februar 1867 Marx seinem Freund in Manchester (der ihm nie einen Gefallen abgeschlagen hatte) schrieb: „Ich habe Sonnabend (übermorgen) Exekution im Haus von einem Grocer [Krämer], wenn ich ihm nicht wenigstens 5 £ zahle. (…) Die Arbeit wird bald fertig sein und wäre es heute, wenn ich während der letzten Zeit nicht zu sehr herumgehetzt.“ (Ebd.: 277; Marx an Engels 21.2.1866)
Gegen Ende des Monats konnte Marx endlich die erhoffte Nachricht geben: Das lang ersehnte Buch war fertig. Nun musste er es nach Deutschland bringen. Das zwang ihn erneut, Engels um Geld anzugehen, um „Kleidungsstücke und Uhr, die im Pfandhaus wohnen, herausnehmen“ zu können (ebd.: 281; Marx an Engels 2.4.1867). Andernfalls wäre es ihm nicht möglich, abzureisen.
Nach Ankunft in Hamburg diskutierte Marx mit Engels den neuen Plan, den Meißner unterbreitet hatte: „Er will jetzt, daß das Buch in 3 Bänden erscheint. Er ist nämlich dagegen, daß ich das letzte Buch (den geschichtlich-literarischen Teil) konzentriere, wie ich es vorhatte. Er sagt, buchhändlerisch und für die ‚flache’ Lesermasse rechne er grade am meisten auf diesen Teil. Ich sagte ihm, in dieser Hinsicht ihm zur Verfügung zu stehn.“ (Ebd.: 288; Marx an Engels 13.4.1866).
Wenige Tage später schrieb er ähnliches an Becker: „Das ganze Werk erscheint in 3 Bänden. Der Titel ist: „Das Kapital. Kritik der Politischen Oekonomie“, Der erste Band umfaßt das Erste Buch: „ Der Produktionsprozeß des Kapitals„. Es ist sicher das furchtbarste Missile, das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist.“ (Ebd.: 541; Marx an Johann Phillip Becker 17.4.1866)
Nach einigen Tagen Aufenthalt in Hamburg fuhr Marx nach Hannover. Er blieb dort als Gast Kugelmanns, den er jetzt zum ersten Mal nach Jahren reiner Brieffreundschaft persönlich kennen lernte. Marx hielt sich für etwaige Hilfestellungen für Meißners Lektorat verfügbar. Er berichtete Engels, dass er sich außerordentlich erholt habe. „Keine Spur des alten Übels“ oder seiner „Leberanschläge“ seien zu entdecken. „Dazu“, so ergänzte er, „trotz schwerer Verhältnisse, guter Humor…“ (Ebd.: 291; Marx an Engels, 24.4.1867). Sein Freund antwortete aus Manchester: „Es ist mir immer so gewesen, als wenn dies verdammte Buch, an dem Du so lange getragen hast, der Grundkern von allem Deinem Pech war und Du nie heraus kommen würdest und könntest, solange dies nicht abgeschüttelt. Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich, geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen, daß Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz andrer Kerl vorkommst…“ (Ebd.: 292; Engels an Marx 27.4.1867)
Marx war erpicht darauf, die kommende Veröffentlichung unter seinen Freunden bekannt zu machen. An Sigfried Meyer (1840-1872), einen deutschen Sozialisten aus der Internationalen, der in New York die Arbeiterbewegung organisierte, schrieb er: „Der Band I umfaßt den ‚ Produktionsprozeß des Kapitals’. … Band II gibt Fortsetzung und Schluß der Theorie, Band III die Geschichte der Politischen Ökonomie seit Mitte des 17. Jahrhunderts .“ (Ebd.: 542f,; Marx an Sigfried Meyer 30.4.1867)
Mitte Juni wurde Engels für die Korrektur des Textes für die Drucklegung hinzugezogen. Er äußerte, dass – verglichen mit der 1859 erschienen Schrift „der Fortschritt in der Schärfe der dialektischen Entwicklung sehr bedeutend“ sei (ebd.: 303; Engels an Marx 16.7.1867). Der Autor fühlte sich durch diese Bestätigung geschmeichelt: „Deine bisherige Satisfaktion ist mir wichtiger als anything die übrige Welt may say of it.“ (Ebd.: 305; Marx an Engels 22.7.1867). Allerdings merkte Engels an, dass Marx Einführung der Wertform übermäßig abstrakt und nicht klar genug formuliert sei, um auch den in theoretischen Abhandlungen unerfahrenen Lesern verständlich zu sein; auch betrübte ihn, „daß grade der wichtige zweite Bogen unter dem Karbunkeldruck leidet.“ (Ebd.: 304; Engels an Marx 16.7.1867). In seiner Antwort verfluchte Marx noch einmal jene körperlichen Gebrechen, die ihn während des Schreibens geplagt hatten – „Jedenfalls hoffe ich, daß die Bourgeoisie ihr ganzes Leben lang an meine Karbunkeln denken wird.“ (Ebd.: 305; Marx an Engels 22.7.1867) Gleichzeitig sah er ein, dass er für ein größerer Publikum schreiben müsse und plante einen Anhang, der die Entwicklung der Wertform klarer darstellen sollte. Ende Juni war dieser Anhang fertig gestellt.
Marx vervollständigte seine Korrekturen um zwei Uhr morgens am 1. August 1867. Nur wenige Minuten später setzte er einen Brief an seinen Freund in Manchester auf: „Eben den letzten Bogen (49.) des Buchs fertig korrigiert. […]. Bloß D i r verdanke ich es, daß dies möglich war! […] I embrace you, full of thanks!“ (Ebd.: 323; Marx an Engels 24.8.1867). Ein paar Tage später präsentierte Marx in einem weiteren Brief das, was seiner Ansicht nach die zwei Hauptpfeiler des Buches ausmachten: „1. (darauf beruht alles Verständnis der facts) der gleich im Ersten Kapitel hervorgehobne Doppelcharakter der Arbeit, je nachdem sie sich in Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt; 2. Die Behandlung des Mehrwerts unabhängig von seinen besondren Formen als Profit, Zins, Grundrente etc.“ (Ebd.: 326; Marx an Engels 24.8.1867)
Der Verlag startete die Auslieferung am 11. September; damit lag „Das Kapital“ in den Schaufenstern der Buchhandlungen. [7] Das Inhaltsverzeichnis sah nun nach den letzten Änderungen folgendermaßen aus:

Vorwort

  1. Ware und Geld
  2. Die Verwandlung von Geld in Kapital
  3. Die Produktion des absoluten Mehrwert
  4. Die Produktion des relativen Mehrwerts
  5. Weitere Forschung zur Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts
  6. Der Akkumulationsprozess des Kapitals
  7. Anhang zu Teil 1, 1. Die Wertform [8]

Trotz der langen Bearbeitung bis zur Veröffentlichung der ersten Ausgabe und der nachträglichen Einfügungen sollte die Struktur in den kommenden Jahren grundlegende Änderungen und Erweiterungen erfahren. Band I sollte also auch über seine Fertigstellung hinaus einen nicht unwesentlichen Teil von Marxens Energie in Anspruch nehmen.

3. Auf der Suche nach der „definitiven“ Version
Bereits im Oktober 1867 wandte sich Marx wieder dem zweiten Band zu. Und mit dieser Wiederaufnahme kehrten auch seine gesundheitlichen Beschwerden zurück. Dazu kamen wie immer der „Andrang from without“ und der „Hauskatzenjammer“; Mit einiger Bitterkeit stellte Marx luzide gegenüber Engels fest: „Meine Krankheit kommt immer aus dem Kopf.“ (Ebd.: 368; Marx an Engels 19.10.1867). Wie gewohnt sandte Engels alles Geld, das er entbehren konnte, und verband damit in seiner Antwort die Hoffnung, dass es die Karbunkeln vertreibe (vgl. ebd.: 372; Engels an Marx 22.10.1867). Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Marx schrieb Ende November, dass sein Gesundheitszustand sich „sehr verschlechtert“ habe und von Arbeiten „kaum die Rede“ sein könne (ebd.: 390; Marx an Engels 27.11.1867).
Das neue Jahr 1868 begann, wie das alte geendet hatte. Während der ersten Wochen im Januar konnte Marx nicht einmal seine Korrespondenz besorgen. Gegenüber Becker gestand Jenny, dass ihr „armer Mann … seit Wochen wieder an seinem alten, schweren, schmerzlichen und durch die stete Wiederkehr gefährlichen Leiden gefesselt“ darniederlag. (MEW 32: 691; Jenny Marx an Johann Philipp Becker nach dem 10.1.1868) Marx nahm erst Ende Januar das Schreiben wieder auf. Engels teilte er mit: „Ich werde 2-3 Wochen noch absolut nicht arbeiten…“ (ebd.: 25; Marx an Engels 25.1.1868).
Ende März äußerte er gegenüber Engels: „Mein Zustand ist derart, daß ich eigentlich alles Arbeiten und Denken für some time aufgeben müßte; aber das würde mir schwer, selbst wenn ich die Mittel zum Strolchen hätte.“ (Ebd.: 51; Marx an Engels 25.3.1868). Diese neue Arbeitsunterbrechung setzte gerade zu dem Zeitpunkt ein, als er die Arbeit an Band II wieder aufnehmen wollte – immerhin hatte sie seit 1865 für drei Jahre ruhen müssen. Über das Frühjahr hatte er die ersten zwei Kapitel fertig gestellt, [9] zusätzlich zu einigen vorbereitenden Manuskripten zum Verhältnis von Mehrwert und Profitrate, zum Profitraten-Gesetz und zum Umschlag des Kapitals. All das sollte ihn bis Ende 1868 voll in Beschlag nehmen. [10] Ende April 1868 sandte Marx Engels einen neuen Arbeitsplan, mit Fokus auf „der Entwicklungsmethode der Profitrate“.. Dabei betonte er, dass in Band II „der Zirkulationsprozeß des Kapitals unter den im I. Buch entwickelten Voraussetzungen dargestellt“ werden solle. Er nahm sich weiterhin vor – so gut es ging – die „Formbestimmungen“ des fixen wie zirkulierenden Kapitals und des Kapitalumschlags vorzunehmen. Sein Ziel dabei war die Aufdeckung der „gesellschaftliche[n] Verschlingung der verschiednen Kapitale, Kapitalteile und der Revenue (= m) miteinander.“ Band III behandle dann die „Verwandlung des Mehrwerts in seine verschiednen Formen und gegeneinander getrennten Bestandteile“. (ebd.: 70; Marx an Engels 30.4.1868).
In der zweiten Augustwoche äußerte er in einem Brief an Kugelmann seine Hoffnung, die ganze Arbeit Ende September des folgenden Jahres (1869) abschließen zu können (ebd.: 556; Marx an Kugelmann 10.8.1868). Doch im Herbst waren die Karbunkel zurück und im Frühjahr 1869, als Marx noch immer mit dem dritten Teil von Band II [11] zu Gange war, machte sich auch seine Leber wieder bemerkbar. Marx mit schrecklicher Regelmäßigkeit auftretendes Unglück wollte auch in den folgenden Jahren kein Ende nehmen und sollte ihn daran hindern, den zweiten Band des „Kapital“ jemals fertig zu stellen.
Aber es gab auch Gründe theoretischer Natur, die es Marx erschwerten, voranzukommen. Vom Herbst 1868 bis zum Frühjahr 1869 versuchte er ständig über die neusten Entwicklungen des Kapitalismus auf dem Laufenden zu bleiben und exzerpierte dazu fleißig aus Artikeln über Finanzmärkte und Währungsgeschäfte, die in Zeitschriften wieThe Money Market Review, The Economist u.a. erschienen. [12] Als er z.B. im Herbst 1869 von einigen (allerdings belanglosen) Neuerscheinungen über Russland gehört hatte, entschied er sich, umgehend Russisch zu lernen, um alle neue Literatur aus erster Hand studieren zu können. Mit dem üblichen Eifer stürzte er sich in die neue Sprache und Anfang 1870 schrieb Jenny an Engels, dass Marx, statt „sich zu hegen und pflegen“, angefangen habe, „auf Mord und Brand Russisch zu studieren“. Er „ging wenig mehr aus, aß unregelmäßig und zeigte den Carbuncle unter dem Arm erst, nachdem er schon bedeutend angeschwollen und verhärtet war“. (Ebd.: 705; Jenny Marx an Engels 17.1.1870). Engels zögerte nicht, seinen Freund zum wiederholten Male zu drängen, seine Lebensweise zu ändern, „selbst im Interesse Deines 2ten Bandes“ (ebd: 426; Engels an Marx 19.1.1870). Er hielt ihm vor, dass er bei „der ewigen Wiederholung solcher Unterbrechungen“ nie mit seinem Buch fertig werden würde.
Diese Voraussage sollte sich bewahrheiten. Früh im folgenden Sommer schrieb Marx in Rückschau auf die letzten Monate an Kugelmann, dass seine Arbeit den „ganzen Winter [hindurch] durch Krankheit unterbrochen worden“ war. Zudem sei es nötig gewesen, „Russisch zu ochsen, da es bei der Behandlung der Landfrage unumgänglich geworden ist, die russischen Grundeigentumsverhältnisse in den Originalquellen zu studieren.“ (Ebd.: 686; Marx an Kugelmann 27.6.1870)
Nach all den Unterbrechungen und einer Periode intensiver politischer Aktivität für die Internationale in Folge der Ereignisse rund um die Pariser Commune wandte sich Marx erst einmal einer Neuherausgabe des Ersten Bandes zu. Von der Art und Weise unbefriedigt, wie er die Werttheorie dargelegt hatte, verbrachte er Dezember 1871 bis Januar 1872 damit, seinen 1867 geschriebenen Anhang zu überarbeiten, was schließlich zu einer Umarbeitung des ganzen ersten Kapitels führte. [13] Bei der Gelegenheit revidierte er – neben einigen kleinen Einfügungen – die ganze Struktur des Buches.[14]
Diese Änderungen und Überarbeitungen betrafen auch die Übersetzung ins Französische. Ab März 1872 war Marx mit der Korrektur der Entwürfe beschäftigt gewesen, die dann sukzessive zwischen 1872 und 1875 an die Druckerei geschickt wurden. [15] Im Laufe dieser Revisionen entschied sich Marx zu weiteren Änderungen am Text, zumeist in den Abschnitten über die Akkumulation des Kapitals. Im Nachwort zur französischen Ausgabe attestierte er dieser Ausgabe einen „wissenschaftlichen Wert unabhängig vom Original“ (MEW 23: 32).
Auch in den letzten Jahren seines Lebens arbeitete Marx weiter am „Kapital“, wenn auch nicht im gleichen Tempo wie zuvor. Zum einen forderte sein immer noch prekärer Gesundheitszustand seinen Tribut, zum anderen sah er in einigen Bereichen persönliche Wissenslücken klaffen, die er unbedingt noch schließen musste. 1875 verfasste er ein weiteres Manuskript für Band III (MEGA², Bd.. II/14, 19-150) und zwischen Oktober 1876 und Anfang 1881 saß Marx erneut über Entwürfen für Abschnitte von Band II (MEGA², Bd. II/11 S. 525-828). Wäre es ihm gelungen die Resultate seiner rastlosen Recherche einzubauen, hätte er sich auch noch an eine Überarbeitung von Band I gemacht.
Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise, die sich auf umfassende theoretische Konzepte beruft, kommt auch heute nicht an Marx „Kapital“ vorbei.
Übersetzung aus dem Englischen: Alan Ruben van Keeken

References
[1] Michael Heinrich, Entstehungs- und Auflösungsgeschichte des Marxschen Kapital, in: Werner Bonefeld/Michael Heinrich (Hrg.), Kapital & Kritik. Nach der ‚neuen’ Marx-Lektüre, Hamburg 2011, S. 176-179. Heinrich vertritt hier die Ansicht, dass das Manuskript dieser Schaffensperiode nicht als die dritte Version des mit den „Grundrissen“ begonnenen Werks angesehen werden sollte, sondern als erster Entwurf des „Kapital“.
[2] Mit Nr. 1 ist Marx’ „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859 gemeint.
[3] Jenny Marx, Kurze Umrisse eines bewegten Lebens [1865], zit. nach: Gespräche mit Marx und Engels. Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Erster Band, Frankfurt am Main 1973, S. 288.
[4] 50 Bögen entsprechen 800 Druckseiten.
[5] Der Vertragstext selbst ist nicht überliefert. Zum Gesamtvorgang: Ina Osobova, Wie ist der Vertrag zwischen Marx und Meißner über die Herausgabe des „Kapitals“ zu datieren? Eine Anmerkung zu MEGA 2, II/5. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, NF 1994, Hamburg 1994. S. 218-221.
[6] Marx fügte später den Abschnitt über die Grundrenten als Sechsten Abschnitt unter dem Titel „Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente“ in das Manuskript des Dritten Bandes ein.
[7] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band, Hamburg 1867, in: MEGA2, Bd. II/5, Berlin 1983, S. 674.
[8] Vgl. ebd., S. 9-10.
[9] Karl Marx, Manuskripte zum zweiten Buch des ‚Kapitals‘ 1868 bis 1881 , in: MEGA2, Bd. II/11, Berlin 2008.
[10] Diese Texte sind vor kurzem veröffentlicht worden: Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1863-1868, in: MEGA2, Bd. II/4.3, Berlin 2012, S. 78-234 und 285-363. Der letzte Teil macht den Hauptteil des Manuskripts IV von Band II aus und enthält neue Versionen des ersten Kapitels „Der Umlauf des Kapitals” und des zweiten Kapitels, „Der Umschlag des Kapitals”.
[11] Karl Marx, Manuskripte zum zweiten Buch des ‚Kapitals’ 1868 bis 1881, a.a.O., S. 340-522.
[12] Diese bisher unveröffentlichten Notizbücher finden sich im Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISH), Marx-Engels Papers, B 108, B 109, B 113 und B 114.
[13] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band, Hamburg 1867 , MEGA2, Bd. II/5, a.a.O.., S. 1-55.
[14] 1867 hatte Marx das Buch in Kapitel aufgeteilt. Daraus wurden 1872 Abschnitte, die ihrerseits detailliert in Unterabschnitte aufgeteilt wurden.
[15] Karl Marx, Le Capital, Paris 1872-1875, in : MEGA2, Bd. II/7, Berlin1989.

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Anmerkungen zur Geschichte der Internationale

Erste Schritte
Am 28. September 1864 war die St. Martin`s Hall im Londoner Stadtzentrum zum Bersten überfüllt Zweitausend Arbeitsleute waren gekommen [1].
Der Grund war eine Versammlung, zu der englische Gewerkschaftsführer und eine kleine Gruppe von Arbeitern vom europäischen Festland aufgerufen hatten.
Die Organisatoren konnten sich nicht vorstellen, geschweige denn vorhersehen, welche Folgen ihre Initiative schon kurz danach haben sollte. Ihre Idee war es eigentlich, ein internationales Forum aufzubauen, wo die wichtigsten die Arbeiterschaft betreffenden Probleme untersucht und diskutiert werden konnten. Die Gründung einer Organisation mit dem Ziel der Koordinierung der gewerkschaftlichen und politischen Aktivitäten der Arbeiterklasse beinhaltete diese ursprüngliche Idee nicht. Tatsächlich allerdings wurde die gewählte Form zum Prototypen für alle folgenden Organisationen der Arbeiterbewegung, die sowohl für die reformistischen wie auch die revolutionären Strömungen zum Referenzpunkt wurde: Die Internationale Arbeiterassoziation (IAA). [2]
Die Internationale sorgte dafür, dass bald nach ihrer Gründung in ganz Europa Leidenschaften geweckt wurden. Sie machte Klassensolidarität zu einem Ideal und inspirierte eine große Zahl von Männern und Frauen für das radikalste aller Ziele zu kämpfen: Die Veränderung der Welt. Dank der Internationale gelang es der Arbeiterbewegung nicht nur, ein klareres Verständnis der Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise zu gewinnen; sie wurde sich auch ihrer eigenen Stärke viel bewusster und konnte neue und modernere Kampfformen entwickeln.

Der richtige Mann am richtigen Platz
Die Arbeiterorganisationen, die die Internationale gründeten, waren ein kunterbunt zusammengewürfelter Haufen. Die treibende Kraft waren die britischen Gewerkschaften, deren Führer hauptsächlich an ökonomischen Fragen interessiert waren. Sie kämpften für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter, aber ohne den Kapitalismus in Frage zu stellen. Daher stellten sie sich die Internationale als ein Instrument vor, dass die Zufuhr von Arbeitskräften vom Festland im Falle von Streiks verhindern sollte.
Dann waren da die Mutualisten, die lange Zeit in Frankreich dominant waren, aber auch in Belgien und der französisch sprechenden Schweiz über großen Rückhalt verfügten. In Einklang mit den Theorien von Pierre-Joseph Proudhon waren sie nicht nur gegen jedes Engagement der Arbeiterklasse in der Politik, sondern sie lehnten auch den Streik als Mittel im Kampf ab. Gleichzeitig vertraten sie in den Diskussionen über die Emanzipation der Frau konservative Positionen. Sie traten für ein Kooperativsystem nach föderalem Muster ein und gingen von der Möglichkeit aus, den Kapitalismus durch den gleichen Zugang zu Krediten für jedermann schrittweise zu verändern. Man kann daher sagen, dass sie de facto den rechten Flügel der Internationale bildeten.
Neben diesen beiden Gruppen, die die Mehrheit ausmachten, gab es allerdings auch noch andere Akteure. So waren die Kommunisten die drittwichtigste Strömung. Sie gruppierten sich um Karl Marx, waren Antikapitalisten und in kleinen Gruppen mit begrenztem Einfluss aktiv. Sie traten gegen das herrschende Produktionssystem auf und verfochten die Notwendigkeit politischen Handels als Weg zum Sturz des Kapitalismus.
Zur Zeit ihrer Gründung umfassten die Reihen der Internationale auch allgemein demokratische Elemente, die nichts zu tun hatten mit der sozialistischen Tradition. Weiter verkompliziert wird das Bild durch den Umstand, dass manche Arbeiter, die Mitglied der Internationale wurden, die unterschiedlichsten verworrenen Theorien mitbrachten, von denen manche utopisch inspiriert waren. Gleichzeitig lehnte die Partei der Lassalleaner, die sich niemals der Internationale anschloss, aber immer um sie kreiste, die Gewerkschaftsbewegung ab und verstand politisches Handeln als strikt nationale Angelegenheit.
Das Zusammenwirken all dieser Strömungen in derselben Organisation zu gewährleisten, deren Programm weit weg von den Denkansätzen war, aus denen die einzelnen Gruppierungen einst entstanden waren, ist Marxens große Leistung. Sein politisches Talent ermöglichte es ihm, scheinbar Unvereinbares in Einklang zu bringen und somit sicherzustellen, dass die Internationale nicht sofort zur Bedeutungslosigkeit verdammt war, wie viele vorangegangene Arbeiterassoziationen [3] Es war Marx, der der Internationale ein klares Ziel gab und der erreichte, dass das politische Programm zwar nicht ausschließend, aber dennoch entschieden klassenbasiert war und der Internationale einen Massencharakter jenseits allen Sektierertums gab. Die politische Seele des Generalsrats war immer Marx: Er entwarf all seine wichtigen Resolutionen und bereitete die meisten Kongressberichte vor. Er war „der richtige Mann am richtigen Ort“ wie es der der deutsche Arbeiterführer Johann Georg Eccarius auf den Punkt brachte. [4]
Vor allem dank Marxens Fähigkeiten konnte die Internationale eine politische Synthese entwickeln, die die vielen nationalen Kontexte in einem Projekt gemeinsamen Kampfs vereinte. Die Aufrechterhaltung der Einheit war mitunter zermürbend, besonders da Marxens Antikapitalismus niemals in der Organisation dominierte. Mit der Zeit allerdings wurde das marxsche Denken zur hegemonialen Konzeption – teils aufgrund von Marxens eigener Beharrlichkeit, teils infolge gelegentlich vorkommender Abspaltungen anderer Richtungen.

Mitgliedschaft und Struktur
Während der gesamten Zeit ihrer Existenz galt die Internationale als eine gewaltige und mächtige Organisation. Die Zahl ihrer Mitglieder wurde aber immer überschätzt. So gab der Staatsanwalt, der im Juni 1870 einige ihrer französischen Führer unter Anklage stellte, ihre Mitgliedschaft in Europa mit 800.000 an[5]. Ein Jahr später, nach der Niederlage der Pariser Kommune, sprach die Londoner Times von zweieinhalb Millionen [6]. In Wirklichkeit waren die Mitgliederzahlen viel niedriger. Selbst den eigenen Führern und denjenigen, die sich intensiv mit den Zahlen beschäftigten, fiel es seinerzeit schwer, auch nur ungefähre Schätzungen abzugeben. Aber nach heutigem Stand der Forschung lässt sich die Hypothese aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der Organisation zwischen 1871-1872 die Mitgliederzahl 150.000 nicht überstieg.
Zu einer Zeit allerdings, wo es – mit Ausnahme der englischen Gewerkschaften und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins – kaum wirksame Organisationen der Arbeiterklasse gab, war diese Zahl dennoch beachtlich. Außerdem muss man sich darüber klar sein, dass die Internationale während des gesamten Zeitraums ihrer Existenz nur in Großbritannien, der Schweiz, Belgien und den USA legal war. In anderen Ländern existierte sie bestenfalls am Rande der Legalität und ihre Mitglieder waren der Verfolgung ausgesetzt. Allerdings hatte die Assoziation die bemerkenswerte Fähigkeit, ihre einzelnen Gliederungen zu einem in sich geschlossenem Ganzen zu vereinen. Innerhalb weniger Jahre nach ihrer Gründung hatte sie es geschafft, hunderte von Arbeitervereinen zu einem Bund zusammenzuschließen. Nach 1868 kamen Vereine in Spanien hinzu und im Nachgang der Pariser Kommune entwickelten sich auch Sektionen in Italien, den Niederlanden, Dänemark und Portugal.
Dennoch machten die Mitglieder der Internationale nur einen kleinen Teil der gesamten Arbeiterschaft aus. In Großbritannien war die Internationale, mit Ausnahme der Stahlarbeiter, im Industrieproletariat immer nur schwach vertreten. [7] Die große Mehrzahl der Mitglieder arbeitete im Schneiderhandwerk, in der Bekleidungsindustrie, in der Schuhmacherei und Tischlerei, also den Bereichen der Arbeiterklasse, die am besten organisiert waren und das größte Klassenbewusstsein hatten. Nirgendwo bildeten die Fabrikarbeiter jemals eine Mehrheit, am wenigsten, nach dem die Organisation sich nach und in Südeuropa ausgedehnt hatte. Das andere große Hindernis waren die Misserfolge beim Versuch, Mitglieder unter den ungelernten Arbeitern zu gewinnen [8] – trotz gewisser Erfolge, die im Vorfeld des ersten Kongresses erzielt wurden.

Die Entstehung der Internationale
Großbritannien war das erste Land, wo Beitrittsgesuche zur Internationalen gestellt wurden. In der Folge trat im Februar 1865 die Gewerkschaft der Maurer mit rd. 4.000 Mitgliedern bei, kurz darauf folgten die Assoziationen der Bauarbeiter und der Schumacher.
In Frankreich begann die Internationale im Januar 1865 Form anzunehmen, als ihre erste Sektion in Paris gegründet wurde. Allerdings blieb sie sehr schwach, hatte wenig ideologischen Einfluss und schaffte es auch nicht, eine nationale Organisationsstruktur aufzubauen. Trotzdem gelang es den französischen Unterstützern der Internationale – größtenteils Anhängern von Proudhons Mutualismus –, sich als zweitgrößte Gruppe auf der ersten Konferenz der Organisation zu etablieren.
Im folgenden Jahr setzte die Internationale ihre Ausdehnung in Europa fort und baute ihre ersten bedeutenden Organisationskerne in Belgien und in der französisch-sprechenden Schweiz auf. Das Koalitionsverbot in Preußen hatte aber zur Folge, dass die Internationale keine Sektionen im Deutschen Bund gründen konnte. Der 5.000 Mitglieder starke Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, die erste Arbeiterpartei der Geschichte, verfolgte eine ambivalente Linie des Dialogs mit Otto von Bismarck und zeigte in den ersten Jahren ihrer Existenz wenig bis kein Interesse an der Internationale. Dieses Desinteresse teilte auch Wilhelm Liebknecht, trotz seiner politischen Nähe zu Marx.
Die Aktivität des Generalrats in London war entscheidend für die weitere Stärkung der Internationale.
Im September 1866 beherbergte die Stadt Genf den ersten Kongress der Internationale mit 60 Delegierten aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Hier konnte die Assoziation eine ausgesprochen positive Bilanz der ersten beiden Jahre seit ihrer Gründung ziehen, hatten sich doch über hundert Gewerkschaften und politische Organisationen zur IAA bekannt. Die Teilnehmer des Kongresses teilten sich in zwei Blöcke. Der erste Block, der aus den Britischen Delegierten, den wenigen Deutschen und einer Mehrheit der Schweizer bestand, folgte den Direktiven des Generalrates, die von Marx (der in Genf nicht anwesend war) formuliert worden waren. Den zweiten Block – die französischen Delegierten und einige aus der französisch-sprachigen Schweiz – bildeten die Mutualisten. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Internationale de facto moderate Positionen vorherrschend.
Indem sie sich auf die von Marx vorbereiteten Resolutionen stützten, gelang es den Führern des Generalrats erfolgreich, die Mutualisten auf dem Kongress zu marginalisieren und Abstimmungen zugunsten von Staatsintervention für sich zu entscheiden. Zu letzterem Punkt hatte Marx sich klar geäußert: „Bei der Durchsetzung solcher Gesetze … stärkt die Arbeiterklasse keineswegs die Macht der Regierung. Im Gegenteil, sie verwandelt jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, in ihre eigenen Diener.“ [9]
Hinzu kommt, dass die Marxschen „Instruktionen“ für den Genfer Kongress die grundlegenden Aufgaben der Gewerkschaften betonten.

Wachsende Stärke
Ab Ende 1866 verstärkte sich die Streiktätigkeit in vielen europäischen Ländern. Sie wurde von einer großen Masse von Arbeitern getragen und half ein Bewusstsein für die eigene Situation zu schaffen. Diese Streiks waren das Herzstück einer neuen und wichtigen Welle von Kämpfen.
Obwohl einige Regierungen dieser Zeit die Internationale für die Unruhen verantwortlich machten, wussten die meisten der in die Kämpfe einbezogenen Arbeiter nicht einmal von ihrer Existenz. Der Grund ihrer Proteste waren die furchtbaren Lebens und Arbeitsbedingungen, die sie gezwungenermaßen erdulden mussten. Die Mobilisierung führte jedoch dazu, dass eine Phase des Kontakts und der Koordinierung der Streikbewegungen mit der Internationale begann. So wurden sie von der IAA mit Deklarationen und Solidaritätsaufrufen unterstützt und es wurden Gelder für die Streikenden gesammelt. Des weitern unterstützte die Internationale die Kämpfe gegen Versuche der „Bosse“, den Widerstand der Arbeiter zu schwächen.
Es war diese praktische Rolle der Internationale, die die Arbeiter erkennen ließ, dass diese Organisation ihre Interessen vertrat und die dazu führte, dass sie sich ihr in manchen Fällen auch anschlossen. [10] Arbeiter in anderen Ländern sammelten Geld zu Unterstützung der Streikenden und waren sich darin einig, keine Arbeit anzunehmen, die sie in „industrielle Söldner“ verwandelt hätte. Dies zwang die „Bosse“, auf viele Forderungen der Streikenden einzugehen und Kompromisse zu finden. In den Gemeinden, die im Zentrum des Geschehens standen, wurden hunderte neue Mitglieder geworben. Später stellte ein Bericht des Generalrats fest: „Die Internationale Arbeiterassoziation drängt die Menschen nicht dazu zu streiken, aber es sind die Streiks, die die Menschen in die Arme der Internationalen Arbeiterassoziation treiben“. [11]
Gestärkt durch ihren Erfolg, ihre steigenden Mitgliederzahlen und einer verbesserte Organisation machte die Internationale ab 1867 überall in Kontinentaleuropa Fortschritte.
Aber Großbritannien blieb das Land, wo die Internationale die größte Präsenz hatte. Im Laufe des Jahres 1867 stieg die Zahl der Mitglieder durch den Beitritt dutzender weiterer Organisationen auf ca. 50.000. [12] Nirgendwo anders erreichte die Mitgliedschaft der Internationale ein derartiges Niveau. Dennoch waren die folgenden Jahre in Großbritannien, im Gegensatz zum Zeitraum 1864-1867, durch eine gewisse Stagnation geprägt. Dafür gab es mehrere Gründe. Der wichtigste aber war, dass es der Internationale nicht gelang, Fabrikarbeiter und ungelernte Arbeiter zu organisieren.
Weiterhin trug die wachsende Institutionalisierung der Arbeiterbewegung zu einem Abflauen der Aktivität der Internationale bei. Die Legalisierung der Gewerkschaften, die die Gefahr der Verfolgung und der Repression für ihre Mitglieder beendete, ermöglichte es der „Vierten Gewalt“, eine wirkliche Präsenz in der Gesellschaft zu erlangen.
Die Situation auf dem Kontinent war allerdings eine andere. Im Deutschen Bund existierten Tarifverhandlungen faktisch nicht. In Belgien wurden Streiks mit einer Repressionswelle beantwortet, als seien sie Kriegsakte. In der Schweiz wurden sie als Normabweichung betrachtet, mit der sich das Establishment nur schwer anfreunden konnte. In Frankreich waren Streiks zwar seit 1864 legal, aber die Aktivitäten der ersten Gewerkschaften unterlagen nach wie vor harten Restriktionen.
Vor diesem Hintergrund versammelte sich die durch eine erweiterte Mitgliedschaft zu neuer Stärke gekommene Internationale zu ihrem Kongress 1867. Marx war mit der Arbeit an den Korrekturfahnen für das „Kapital“ vollständig ausgelastet und nahm weder an Sitzungen des Generalrates, in denen die vorbereitenden Dokumente erarbeitet wurden, noch am Kongress selber teil. [13] Die Auswirkungen waren natürlich spürbar, was sich darin zeigte, dass der Kongress seinen Fokus auf die bloße Berichterstattung über das Wachstum der Organisation in zahlreichen Ländern legte und ansonsten dank der stark vertretenen Mutualisten vor allem über proudhonianische Themen diskutierte.
Von den frühesten Tagen der Internationale an waren Proudhons’ Ideen im größten Teil des Französisch sprechenden Europas hegemonial. In der Internationale repräsentierten die Mutualisten vier Jahre lang den gemäßigtesten Flügel. Die britischen Gewerkschaften, die die Mehrheit bildeten, teilten zwar Marxens Antikapitalismus nicht, aber sie hatten auch nicht den Einfluss auf die Politik der Organisation, den die Anhänger Proudhons auszuüben vermochten.
Marx spielte zweifelsfrei eine Schlüsselrolle in dem langen Kampf zur Schwächung des Einflusses Proudhons in der Internationale. Seine Vorstellungen waren grundlegend für die theoretische Entwicklung ihrer Führer, und er besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, diese Ideen auch bei jedem größeren inhaltlichen Konflikt innerhalb der Organisation durchzusetzen. Die Arbeiter hatten allerdings bereits selbst Abstand von den Theorien Proudhons genommen. Vor allem die Wirksamkeit der Streiks überzeugte die Mutualisten von der Fehlerhaftigkeit ihrer Auffassungen. So hatte die Arbeiterbewegung selber bewiesen, dass es, im Gegensatz zur Position Proudhons, unmöglich war, sozialökonomische von politischen Fragen zu trennen. [14]
Der Brüsseler Kongress von 1868 beschnitt dem Mutualismus die Flügel. Die Versammlung erreichte ihren Höhepunkt mit der Annahme des Antrags von De Paepe, der die Sozialisierung aller Produktionsmittel forderte – ein großer Schritt vorwärts bei dem Versuch, eine ökonomische Basis des Sozialismus zu definieren. So stand dieser Punkt jetzt nicht mehr nur in den Schriften einzelner Intellektueller, sondern war Teil des Programms einer transnationalen Organisation. Was die Bereiche Landwirtschaft, Minen und Transport betraf, so beschloss der Kongress, dass die Notwendigkeit bestehe, das Land in „allgemeines gesellschaftliches Eigentum“ zu überführen. [15] Sogar die verheerenden Folgen privaten Waldbesitzes für die Umwelt wurden erkannt. Dies kann als großer Sieg des Generalrats gesehen werden, bedeutete es doch, dass zum ersten Mal sozialistische Grundsätze in einem politischen Programm einer großen Arbeiterorganisation verankert wurden.
Der Kongress von Basel 1869 war ebenso von Interesse, weil Michail Bakunin als Delegierter an den Beratungen teilnahm. Kurz nach dem er der Internationale 1869 beigetreten war, war der Einfluss des berühmten russischen Revolutionärs in einigen schweizerischen, spanischen und französischen Sektionen rasch gestiegen (wie auch in Italien nach der Pariser Kommune), und bereits auf dem Baseler Kongress gelang es ihm, Einfluss auf den Ausgang der Beratungen zu nehmen. Nachdem er die Mutualisten endgültig besiegt hatte und das Gespenst Proudhon seine letzte Ruhe finden ließ, hatte Marx sich nun mit einem härteren Kontrahenten auseinanderzusetzen. Bakunin baute eine neue Strömung auf, den Anarchismus, und versuchte, die Kontrolle über die Organisation zu gewinnen.

Ausdehnung quer durch Europa und Opposition zum Deutsch-Französischen Krieg
Die späten sechziger und die frühen siebziger Jahre waren eine Zeit reich an sozialen Auseinandersetzungen. Viele Arbeiter, die an den Protestaktionen teilnahmen, entschieden sich dafür, mit der Internationale in Kontakt zu treten.
Das Jahr 1869 sah eine signifikante Ausweitung der IAA über ganz Europa. In jedem europäischen Land, wo die Internationale halbwegs stark war, gründeten ihre Mitglieder neue Organisationen, die völlig unabhängig von jenen waren, die bereits existierten. In Großbritannien jedoch, wo die Gewerkschaften die Hauptbasis der Internationale bildeten, lösten diese ihre eigenen Organisationsstrukturen natürlich nicht auf. Der in London ansässige Generalrat hatte demzufolge zwei Aufgaben zugleich zu erfüllen: Einerseits war er internationales „Hauptquartier“, anderseits agierte er als Leitungsorgan für Großbritannien, wo die angeschlossenen Gewerkschaften 50.000 Mitglieder in ihrem Einflussbereich hatten.
In Frankreich sorgte die repressive Politik des Zweiten Kaiserreich dafür, dass das Jahr 1868 zu einem ernsten Krisenjahr für die Internationale wurde. Das folgende Jahr hingegen ging einher mit einer Wiederbelebung der Organisation, und neue Führer, die die mutualistischen Positionen hinter sich gelassen hatten, rückten in die erste Reihe. Der Höhepunkt der Entwicklung für die französische Sektion der Internationale kam im Jahr 1870. Trotz ihres bemerkenswerten Wachstums konnte die Organisation in 38 der 90 Départements allerdings niemals Fuß fassen. Die Gesamtzahl der Mitglieder in Frankreich lag irgendwo zwischen 30.000 und 40.000. [16] Wenn die Internationale in Frankreich auch keine wirkliche Massenorganisation darstellte, so war sie dennoch zu einer Organisation von beachtlicher Größe herangewachsen, die weitverbreitetes Interesse weckte.
In Belgien erreichte die Mitgliederzahl im Frühjahr 1870 ihren Höchststand mit mehreren zehntausend Mitgliedern. Damit überschritt man in Belgien vermutlich die Zahl der Mitglieder in Frankreich. Belgien war damit das Land, indem die IAA nicht nur die zahlenmäßig höchste Dichte an Mitgliedern, sondern auch den größte gesellschaftlichen Einfluss erreichte. Eine positive Entwicklung war zu dieser Zeit ebenso offensichtlich in der Schweiz.
Im Norddeutschen Bund war der Enthusiasmus für die Internationale trotz der Existenz zweier Arbeiterorganisationen – des lassalleanischen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und der marxistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – gering und die Neigung, ihr beizutreten, nur schwach. Während der ersten drei Jahre ihrer Existenz wurde sie von deutschen Aktivisten aus Angst vor Verfolgung durch die deutsche Obrigkeit faktisch ignoriert. Das Bild änderte sich nach 1868 mit wachsender Bekanntheit und zunehmenden Erfolgen der Internationale in Europa; beide rivalisierenden Parteien strebten nun danach, die IAA in Deutschland zu vertreten.
Unter diesen allgemeinen Umständen, die gekennzeichnet waren durch offene Widersprüche zwischen den Staaten und deren ungleiche Entwicklung, bereitete die Internationale ihren fünften Kongress vor. Der Ausbruch des Deutsch- Französischen Krieges 1870 ließ allerdings keine andere Wahl, als den Kongress abzusagen. Der Konflikt im Herzen von Europa verschob die Prioritäten: Jetzt kam alles darauf an, der Arbeiterbewegung dabei zu helfen, eine unabhängige Position zu formulieren, weit weg von der nationalistischen Rhetorik ihrer Zeit. In seiner „Ersten Adresse des Generalrates über den Deutsch- Französischen Krieg“ forderte Marx die französischen Arbeiter auf, Louis Bonaparte zu stürzen und das Kaiserreich, dass dieser 18 Jahre zuvor installiert hatte, verschwinden zu lassen. Die deutschen Arbeiter ihrerseits sollten verhindern, dass die Niederlage Bonapartes zu einem Angriff auf das französische Volk ausarten könnte: „Diese einzige große Tatsache, ohnegleichen in der Geschichte der Vergangenheit, eröffnet die Aussicht auf eine hellere Zukunft. Sie beweist, daß, im Gegensatz zur alten Gesellschaft mit ihrem ökonomischen Elend und ihrem politischen Wahnwitz, eine neue Gesellschaft entsteht, deren internationales Prinzip der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – die Arbeit! Die Bahnbrecherin dieser neuen Gesellschaft ist die Internationale Arbeiterassoziation.“ [17]

Die Internationale und die Pariser Kommune
Nach dem deutschen Sieg in Sedan und der Gefangennahme Bonapartes wurde am 4. September 1870 in Frankreich die Dritte Republik proklamiert. Mit einer neuen Regierung konfrontiert, die die Stadt entwaffnen wollte und jede Sozialreform verweigerte, wendeten sich die Pariser gegen Adolphe Thiers und initiierten am 18. März 1871 das erste große politische Ereignis im Leben der Arbeiterbewegung: Die Pariser Kommune.
Obwohl Bakunin die Arbeiter aufgefordert hatte, den patriotischen Krieg in einen revolutionären Krieg zu verwandeln, [18] entschied sich der Generalrat in London zunächst dafür, zu schweigen. Man übertrug Marx die Aufgabe, einen Text im Namen der Internationale zu schreiben, aber der verzögerte die Veröffentlichung – aus komplizierten, aus tiefster Überzeugung vertretenen Beweggründen. So war er sich sowohl der wirklichen Kräfteverhältnisse vor Ort als auch der Schwäche der Kommune bewusst. Ihm war klar, dass sie zur Niederlage verdammt war. Eine leidenschaftliche Deklaration, die die Kommune begeistert aufgenommen hätte, trug die Gefahr in sich, falsche Erwartungen bei den Arbeitern in ganz Europa zu wecken, die in der Folge womöglich eine Quelle für Demoralisierung und Misstrauen geworden wäre. Seine düsteren Vorahnungen erwiesen sich bald als stichhaltig. Am 28. Mai 1871 wurde die Kommune im Blut ertränkt. Zwei Tage später erschien Marx wieder im Generalrat mit einem Manuskript unter dem Titel „Der Bürgerkrieg in Frankreich“. Es wurde nach Verlesung einstimmig beschlossen und anschließend unter den Namen aller Ratsmitglieder veröffentlicht. Dieses Dokument hatte in den nächsten Wochen einen gewaltigen Einfluss, größer als der aller anderen Dokumente der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert.
Trotz des blutigen Ausgangs in Paris, der Welle von Verleumdungen und staatlicher Repression überall in Europa wurde die Internationale in der Folge der Kommune immer stärker und bekannter. Für die Kapitalisten und die Mittelklassen stellte sie eine Gefahr für die herrschende Ordnung dar, aber für die Arbeiter nährte sie die Hoffnung auf eine Welt ohne Ausbeutung und Unrecht. [19] Das aufständische Paris festigte die Arbeiterbewegung und trieb sie dazu, immer radikalere Positionen einzunehmen. Die Erfahrung zeigte, dass Revolution möglich war und dass es das Ziel sein musste, eine Gesellschaft zu errichten, die völlig verschieden von der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist. Die Erfahrung zeigte aber auch, dass die Arbeiter sich dafür dauerhafte und gut organisierte Formen der politischen Assoziation schaffen mussten. [20]
Diese gewaltige Vitalität war überall spürbar. Die Beteiligung an den Versammlungen des Generalrates verdoppelte sich. Zeitungen, die mit der Internationale verbunden waren, wuchsen nicht nur ihrer Zahl nach, sondern steigerten auch ihre Auflagen. Besonders bemerkenswert war das Wachstum in Belgien und Spanien, wo das Niveau der Beteiligung der Arbeiter schon vor der Pariser Kommune beträchtlich gewesen war. Außerdem schaffte die Organisation den Durchbruch in Italien. Obwohl Guiseppe Garibaldi nur eine vage Vorstellung von der Assoziation hatte [21], entschied der „Held der zwei Welten“ sich hinter sie zu stellen und unterschrieb einen Aufnahmeantrag, in dem die berühmten Worte standen: „Die Internationale ist die Sonne der Zukunft“. [22] Der Abdruck dieses Briefes in dutzenden Arbeiterzeitungen und auf Flugblättern trug dazu bei, dass viele Unentschlossene sich der Organisation anschlossen.
Die Internationale eröffnete im Oktober 1871 eine neue Sektion in Portugal. In Dänemark begann sie im selben Monat die meisten der neu gegründeten Gewerkschaften in Kopenhagen und Jütland miteinander zu verknüpfen. Eine andere bedeutende Entwicklung war die Gründung von irischen Arbeitersektionen in Großbritannien. Ihr Führer John MacDonnell wurde zum korrespondierenden Mitglied des Generalrates für Irland ernannt. Unerwartete Aufnahmegesuche kamen aus den verschiedensten Ecken der Welt: So wollten nicht nur einige englische Arbeiter aus Kalkutta der Internationale beitreten, sondern auch Arbeitergruppierungen aus Victoria in Australien und Christchurch, Neuseeland. Dasselbe galt für eine Reihe von Handwerkern aus Buenos Aires.

Die Londoner Konferenz von 1871
Zwei Jahre waren seit dem letzten Kongress der Internationale vergangen, aber unter den bestehenden Umständen konnte kein neuer Kongress stattfinden. Der Generalrat entschied deshalb, eine Konferenz in London einzuberufen. Trotz aller Versuche, dieses Ereignis so repräsentativ wie möglich zu machen, wurde es tatsächlich nicht mehr als eine erweiterte Generalratssitzung. Marx hatte im Vorhinein angekündigt, dass die Konferenz sich „ausschließlich mit Organisations- und Strategiefragen“ beschäftigen würde [23], während theoretische Debatten ausgespart werden sollten.
Marx setzte sich mit ganzer Kraft für folgende Prioritäten ein: Reorganisation der Internationale; ihre wirksame Verteidigung gegen feindliche Kräfte; Zurückdrängung des wachsenden Einflusses von Bakunin. Während der Konferenz war er der mit Abstand aktivste Delegierte; er ergriff 102 mal das Wort, blockierte Anträge, die nicht seinen Vorstellungen entsprachen, und konnte diejenigen auf seine Seite ziehen, die bis dahin noch nicht überzeugt gewesen waren.[24] Die Zusammenkunft in London bestätigte Marxens Gewicht in der Organisation nicht nur als theoretischer Kopf der Organisation, sondern auch als einer ihrer kämpferischsten und fähigsten Aktivisten.
Die wichtigste Entscheidung der Konferenz und der Grund, weshalb man sich später an sie erinnern sollte, war die Annahme von Edouard Vaillants Resolution IX. Der Führer der Blanquisten, deren übrig gebliebene Kräfte nach dem Ende der Kommune der Internationale beigetreten waren, schlug vor, die Organisation zu einer zentralisierten, disziplinierten Partei unter der Führung des Generalrates umzugestalten. Trotz einiger Differenzen, besonders über die Blanquistische Position, dass ein straff organisierter kleiner Kern von Aktivisten für eine Revolution ausreichend sei, zögerte Marx nicht, eine Allianz mit der Gruppe von Vaillant einzugehen. Das geschah nicht nur, um die Opposition gegen Bakunins Anarchismus innerhalb der Internationale zu stärken. Vielmehr ging es darum, einen breiteren Konsens über die in der neuen Phase des Klassenkampfs für notwendig erachteten Veränderungen herzustellen. Die in London verabschiedete Resolution stellte schließlich folgendes fest: „In seinem Kampf gegen die kollektive Macht der besitzenden Klassen kann das Proletariat nur dann als Klasse handeln, wenn es sich selbst als besondere politische Partei im Gegensatz zu allen alten, von den besitzenden Klassen gebildeten Parteien konstituiert. Diese Konstituierung des Proletariats als politische Partei ist unerläßlich, um den Triumph der sozialen Revolution und ihres höchsten Zieles, der Aufhebung der Klassen, zu sichern. Die durch den ökonomischen Kampf bereits erreichte Vereinigung der Kräfte der Arbeiterklasse, muss in den Händen dieser Klasse auch als Hebel in ihrem Kampf gegen die politische Macht ihrer Ausbeuter dienen.“
Die Schlussfolgerung war klar: „Die soziale Emanzipation der Arbeiter ist untrennbar von ihrer politischen Emanzipation.“ [25]
Während der Genfer Kongress von 1866 die Bedeutung der Gewerkschaften betonte, verschob sich der Schwerpunkt auf der Londoner Konferenz in Richtung des anderen zentralen (Kampf)-Mittels der modernen Arbeiterbewegung: der politischen Partei. Es sollte allerdings betont werden, dass das Verständnis davon, was „Partei“ bedeutete, damals viel breiter war, als das, was im 20. Jahrhundert darunter verstanden wurde. [26]
Nur vier Delegierte sprachen sich auf der Londoner Konferenz gegen die Resolution IX aus. Dennoch sollte sich Marxens Sieg bald als bedeutungslos herausstellen. Denn der Aufruf, in jedem Land Strukturen aufzubauen, die einer politischen Partei gleichkamen und dabei mehr Machtbefugnisse an den Generalrat abzugeben, hatten massive Auswirkungen auf das innere Leben der Internationale. Sie war noch nicht bereit dafür, so schnell von einem flexiblen auf ein einheitliches Organisationsmodel umzuschwenken. [27]
Marx war davon überzeugt, dass so gut wie alle wichtigen Verbände und lokalen Sektionen die Resolutionen der Konferenz unterstützen würden, doch er hatte die Situation falsch eingeschätzt. So berief eine Föderation der Internationale, die aus dem schweizerischen Kanton Jura, für den 12. November einen eigenen Kongress in der kleinen Gemeinde Sonvilier ein und gründete dort offiziell, trotz Bakunins Abwesenheit, eine Oppositionsströmung innerhalb der Internationale.
Obwohl die Reaktion dieser Föderation nicht unerwartet kam, war Marx wahrscheinlich doch überrascht, als sich auch anderswo Zeichen der Unruhe und sogar offener Rebellion gegen die politische Linie des Generalrates zeigten. In einer größeren Zahl von Ländern wurden die Entscheidungen aus London als unakzeptable Einmischung in die lokale politische Autonomie gewertet. Sogar die Belgische Föderation, die versucht hatte, auf der Konferenz zwischen den verschieden Lagern zu vermitteln, begann nun eine deutlich kritischere Haltung zu den Londonern einzunehmen, und auch die Niederländer gingen später auf Distanz zum Generalrat. In Südeuropa, wo die Gegentendenzen sogar noch stärker wirkten, gewann die Opposition bald beachtliche Unterstützung. Tatsächlich bezog die große Mehrheit der iberischen Mitglieder der Internationale gegen den Generalrat Stellung und bekannte sich zu Bakunins Ideen. Auch in Italien betrachtete man die Ergebnisse der Londoner Konferenz in einem negativen Licht. So nahm der Gründungskongress der italienischen Föderation sogar die radikalste Gegenposition zur Linie des Generalrates ein: Er beschloss, am kommenden Kongress der Internationale nicht teilzunehmen, sondern schlug einen „antiautoritären Generalkongress“ vor [28], der in Neuchâtel in der Schweiz stattfinden sollte. Dies sollte sich als der erste Akt der drohenden Spaltung erweisen.
Diese Auseinandersetzungen schadeten auch den Beziehungen der Mitglieder in London untereinander. So entwickelte sich das Verhältnis zwischen Marx und zweien seiner Mitstreiter, John Hales und Johann Georg Eccarius, zum Schlechten, und auch in Großbritannien begannen die ersten internen Konflikte aufzubrechen. Unterstützung für den Generalrat kam von der Mehrheit der Schweizer, den Franzosen (jetzt meist blanquistisch), den schwachen Deutschen, den kürzlich gegründeten dänischen Sektionen, aus Irland, Portugal und den osteuropäischen Gruppen in Ungarn und Böhmen. Zusammengenommen war das aber viel weniger an Zustimmung, als Marx nach der Londoner Konferenz erhofft hatte.
Die Opposition zum Generalrat variierte in ihrem Charakter und hatte oft hauptsächlich persönlich Motive. Dennoch, trotz der Faszination in einigen Ländern für Bakunins Theorien und trotz der Fähigkeit eines Guillaumes, die verschiedenen Oppositionellen zu vereinen, lag die Haupttriebkraft gegen die beschlossene Resolution über „Arbeiterklassenpolitik“ darin begründet, dass das Umfeld der Internationale nicht dazu bereit war, diesen von Marx vorgeschlagenen qualitativen Schritt nach vorne mitzugehen. So sah nicht nur die bakuninsche Strömung, sondern der Großteil der Föderationen und lokalen Sektionen das Prinzip der Autonomie und den Respekt vor den verschiedenen Besonderheiten als einen Grundpfeiler der Internationale an. Marx Fehleinschätzung in dieser Frage führte dazu, dass die Krise der Organisation beschleunigt wurde. [29]

Das Ende der Internationale
Die letzte Schlacht zeichnete sich für den Ausgang des Sommers 1872 ab. Der fünfte Kongress der Internationale fand im September in Den Haag statt. Anwesend waren 65 Delegierte aus vierzehn Ländern. Die entscheidende Bedeutung des Kongresses veranlasste Marx dazu, in Begleitung von Engels persönlich anwesend zu sein. [30] Es war der einzige Kongress der Organisation, an dem er teilnahm
Die Repräsentativität der Delegierten war allerdings auf den Kopf gestellt, denn sie gab die realen Kräfteverhältnisse innerhalb der Organisation nicht wieder. Die französischen Sektionen waren in den Untergrund getrieben worden und die Legitimität ihre Mandate war hoch umstritten. Dennoch stammte der größte Delegiertenblock aus Frankreich. Danach folgten schon die deutschen Vertreter, die gut ein Viertel der Delegierten stellten, die aber über keine Sektionen innerhalb der Internationale verfügten. Andere Vertreter waren gleich durch den Generalrat delegiert worden und vertraten somit nicht den Willen irgendeiner Sektion.
Die Annahme der Resolutionen des Kongresses von Den Haag war nur aufgrund dieser verzerrten Zusammensetzung möglich. Die wichtigste Entscheidung, die in Den Haag getroffen wurde, bestand darin, die Resolution IX der Londoner Konferenz von 1871 als Artikel 7a in die Statuten der Assoziation zu übernehmen. Der politische Kampf war nun das notwendige Mittel zur Umgestaltung der Gesellschaft, denn: „Die Herren des Grund und Bodens und die Herren es Kapitals werden ihre politischen Vorrechte stets ausbeuten zur Verteidigung und Verewigung ihrer politischen Monopole und für die Versklavung der Arbeit. Die Eroberung der politischen Macht ist daher zur großen Pflicht der Arbeiterklasse geworden.“ [31]
Die Internationale hatte sich nun im Vergleich zu ihrer Gründungsperiode deutlich verändert: So hatte die radikaldemokratische Fraktion die Organisation verlassen, nachdem sie in wachsendem Masse marginalisiert worden war. Dann waren die Mutualisten zurückgedrängt und viele ihre Aktivisten zu Marxisten geworden. Somit machten die Reformisten nicht länger den Großteil der Mitglieder der Assoziation aus (mit der Ausnahme Großbritanniens), und der Antikapitalismus war zur politischen Linie der ganzen Assoziation geworden. Dies galt auch für erst jüngst entstandene Richtungen wie die anarchistisch-kollektivistische Strömung. Obwohl es während der Jahre, in denen die Internationale existierte, ein gewisses Maß an ökonomischem Aufschwung gegeben hatte, der die Lebensbedingungen in manchen Fällen etwas erleichterte, verstanden die Arbeiter, dass wirkliche Veränderung nicht durch solche Verbesserungen sondern nur durch das Ende der Ausbeutung des Menschen erreicht werden konnte. Sie begründeten ihre Kämpfe mehr und mehr durch Forderungen, die ihren eigenen materiellen Bedürfnissen entsprachen und weniger im Namen der politischen Gruppen, denen sie angehörten.
Auch die Gesamtlage hatte sich radikal verändert. So hatte die Deutsche Einigung 1871 den Beginn eines neuen Zeitalters eingeläutet, in dem der Nationalstaat zum allgemeinen Bezugspunkt in Fragen der politischen, rechtlichen und territorialen Identität wurde. Diese Entwicklung warf Fragen für jedes supranationale Gremium auf, das sich nicht nur durch Mitgliedsbeiträge, die in jedem Land separat erhoben wurden, finanzierte, sondern das von seinen Mitgliedern auch verlangte, auf einen beträchtlichen Teil ihrer politischen Führungsfunktionen zu seinen Gunsten zu verzichten. Zur gleichen Zeit machten die wachsenden Differenzen zwischen nationalen Bewegungen und Organisationen es dem Generalrat äußerst schwer, eine politische Generallinie zu formulieren, die die Forderungen aller Beteiligten befriedigen konnte.
Sicherlich ist der Hinweis richtig, dass die Internationale von Beginn an eine Ansammlung verschiedenster Gewerkschaften und politischer Assoziationen war, die nicht leicht miteinander in Einklang zu bringen waren, und dass dies ein ungewöhnliches Ausmaß an Befindlichkeiten und unterschiedlichen Tendenzen mit sich brachte. Im Jahr 1872 jedoch waren die verschiedenen Organisationen der Assoziation und, allgemeiner gesprochen, der Klassenbewegungen der Arbeiter, nicht nur mit einem klareren politischen Programm ausgestattet, sie waren auch besser organisiert. Die Legalisierung der britischen Gewerkschaften hatte sie zu einem offiziellen Teil des nationalen politischen Lebens werden lassen. Die Belgische Föderation innerhalb der Internationale war eine weit verzweigte Organisation mit einer politischen Führung, die in der Lage war, bedeutende eigenständige theoretische Beiträge zu formulieren. Deutschland hatte zwei Arbeiterparteien, die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei und den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, die beide auch über eine parlamentarische Vertretung verfügten. Die französischen Arbeiter von Lyon bis Paris hatten bereits versucht „den Himmel zu stürmen“, und die spanische Föderation stand kurz davor, den Durchbruch zu einer Massenorganisation zu schaffen. Ähnliche Veränderungen hatten sich auch in anderen Ländern ergeben.
Die ursprüngliche Ausgestaltung der Internationale war somit überholt, genauso wie ihre ursprüngliche Mission zu einem Ende gekommen war. Die Aufgabe bestand nicht länger darin, europaweit Streiks vorzubereiten oder zu unterstützten. Genauso so wenig konnte es einfach weiter darum gehen, Kongresse einzuberufen, die über die Zweckmäßigkeit von Gewerkschaften oder die Notwendigkeit der Sozialisierung von Land und Produktionsmitteln debattieren sollten. Solche Themen gehörten nun zum kollektiven Erbe der ganzen Organisation. Nach der Pariser Kommune war die wirkliche Herausforderung für die Arbeiterbewegung eine revolutionäre: Was war organisatorisch zu tun, um die kapitalistische Produktionsweise zu einem Ende zu bringen und die Institutionen des bürgerlichen Staates zu stürzen? Die Frage war nicht länger, wie die bestehende Gesellschaft zu reformieren sei, sondern wie eine neue Gesellschaft geschaffen werden könnte. [32]
Obwohl die Arbeiterparteien unter den verschiedensten Formen in den unterschiedlichen Ländern entstanden waren, durften sie sich auf keinen Fall den nationalen Interessen unterwerfen. [33] Der Kampf für Sozialismus konnte nicht darauf beschränkt werden. Gerade unter den neuen historischen Rahmenbedingungen musste der Internationalismus weiter der Orientierungspunkt für das Proletariat bleiben wie auch das Mittel zu Immunisierung gegen die tödliche Umarmung des Staates und des kapitalistischen Systems.
Was sich in der morgendlichen Sitzung des 6. Septembers 1872, der dramatischsten Phase des Kongresses, ereignete, war der letzte Akt der Internationale, wie sie über die Jahre erdacht und aufgebaut worden war. So stand Engels zum Erstaunen der Anwesenden auf und ergriff das Wort. Er schlug vor, dass der Sitz des Generalrates für die Jahre 1872-1873 nach New York verlegt werden sollte und dass er aus Mitgliedern des dortigen Föderationsrates zusammengesetzt sein sollte. [34] Damit wären Marx und andere „Gründungsväter“ nicht mehr Teil des zentralen Gremiums der Assoziation. Stattdessen würde sich dieses jetzt aus Leuten zusammensetzten, deren Namen unbekannt waren.
Selbst viele Anhänger der „Mehrheit“ stimmten gegen den Umzug nach New York, der gleichbedeutend mit dem Ende der Internationale als arbeitsfähige Struktur gewesen wäre. Dass der Beschluss letztendlich mit einer knapper Mehrheit von drei Stimmen angenommen wurde (26 dafür und 23 dagegen), lag daran, dass sich neun Delegierte enthielten und war in der Tatsache begründet, dass einige Mitglieder der „Minderheit“ es gerne sahen, dass dieses Gremium an einen Ort weit weg von ihren Aktivitätszentren verlegt wurde. Ein Faktor für die Verlegung war sicherlich, dass Marx die Internationale lieber aufgeben wollte, als sie als sektiererische Organisation in den Händen seiner Gegner enden zu sehen. Der Niedergang der Internationale, der mit der Verlagerung des Generalrates nach New York sicherlich folgen würde, war auf jeden Fall einer langen und verheerenden Abfolge von „Bruderkriegen“ vorzuziehen.
Trotzdem ist das von vielen geteilte Argument [35] nicht überzeugend, dass der Konflikt zwischen den beiden Hauptströmungen oder womöglich zwischen deren Repräsentanten Marx und Bakunin der Hauptgrund für den Verfall der Internationale war – unbeschadet des großen Formats der beiden Männer. Vielmehr waren es die Veränderungen, die in der Welt rundherum stattfanden, die die Internationale als überlebt erscheinen ließen: Das Wachstum und die Transformation der Organisationen der Arbeiterbewegung, die Stärkung des Nationalstaats als Ergebnis der italienischen und der deutschen Einigung, die Expansion der Internationale in Ländern wie Spanien und Italien (wo die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse völlig andere waren als in Großbritannien und Frankreich), die Tendenz der britischen Gewerkschaften in Richtung einer noch weiteren Mäßigung und nicht zuletzt die Repression, die der Pariser Kommune folgte. Alle diese Faktoren zusammen ließen den ursprünglichen Aufbau der Internationale in der neuen Zeit als nicht mehr angemessen erscheinen.
In diesem stark von zentrifugalen Trends geprägten Szenario spielten Entwicklungen im Leben der Internationale und ihrer wichtigsten Protagonisten natürlich auch eine Rolle. Zum Beispiel war die Londoner Konferenz bei weitem nicht das rettende Ereignis, das Marx sich erhofft hatte. Im Gegenteil, das unnachgiebige Durchziehen der Tagung verschlimmerte die interne Krise, denn die vorherrschenden Stimmungen wurden nicht in Rechnung gestellt und es fehlte der Weitblick, der nötig gewesen wäre, um die Stärkung der Position Bakunins und seiner Richtung verhindern zu können. [36] Die Londoner Konferenz erwies sich als Phyrrussieg für Marx. Der Versuch, die internen Konflikte zu lösen, führte nur dazu, dass sie noch weiter akzentuiert wurden. Tatsächlich jedoch hatten die Londoner Entscheidungen nur einen Prozess beschleunigt, der längst im Gange war und der unmöglich aufgehalten werden konnte.

Schlussfolgerung
Diese bedeutende, 1864 entstandene Organisation, die über acht Jahre hinweg nicht nur erfolgreich Streiks und Kämpfe unterstützt hatte, sondern die auch ein antikapitalistisches Programm entwickelt hatte, implodierte letztlich auf dem Haager Kongress. Aber unbeschadet dessen beschloss die Arbeiterbewegung in späteren Jahrzehnten ein sozialistisches Programm, weitete sich auf ganz Europa und den Rest der Welt aus und bildete neue Strukturen supranationaler Koordination. Jenseits der Kontinuität der Namen (die zweite Internationale bestand von 1889 bis 1916, die Dritte Internationale von 1919 bis 1943) bezog sich jede dieser Gliederungen auf die Werte und Lehren der Ersten Internationalen. Somit zeigte sich ihre revolutionäre Botschaft als äußerst fruchtbar und bewirkte mit der Zeit Erfolge, die bedeutender waren, als die, die während ihrer Existenz erreicht wurden.
Die Internationale half den Arbeitern zu verstehen, dass die Befreiung der Arbeit nicht in einem Lande erreicht werden konnte, sondern eine globale Aufgabe sein musste. Sie verbreitete unter ihnen auch ein Bewusstsein darüber, dass sie dieses Ziel selber erreichen mussten, durch ihre eigene Fähigkeit sich zu organisieren, statt die Durchsetzung der eigenen Interessen an irgendwelche anderen Mächte zu delegieren. Und dass – hier war der Marxsche Beitrag entscheidend – es essentiell ist, die kapitalistischen Produktionsweise und die Lohnarbeit zu überwinden, denn Verbesserungen im Rahmen des bestehenden Systems, so notwendig der Kampf um sie auch sein mag, würden nicht die Abhängigkeit von der Herrschaft der Unternehmer verschwinden lassen.
Ein Graben trennt die Hoffnungen dieser Zeit von dem Zweifel, der so charakteristisch für uns selber ist, er trennt den „antisystemischen Mut“ und die Solidarität des Zeitalters der Internationale von der ideologischen Unterordnung und dem Individualismus einer heutigen Welt, die von neoliberalem Konkurrenzdenken und Privatisierung geformt wurde. Die Begeisterung für Politik unter den Arbeitern, die sich 1864 in London versammelten, steht in scharfem Kontrast zu Apathie und Resignation, die heute vorherrschend sind.
Zu einem Zeitpunkt, wo die Welt der Arbeit zu Ausbeutungsbedingungen zurückkehrt, die denen des 19. Jahrhunderts gleichen, hat das Projekt der Internationale einmal mehr an Aktualität gewonnen. Die heutige Barbarei der „Welt Ordnung“, die ökologischen Katastrophen, die von der gegenwärtigen Produktionsweise verursacht werden, die wachsende Kluft zwischen den wenigen reichen Ausbeutern und der übergroßen verarmten Mehrheit, die Unterdrückung der Frauen, der stürmische Wind von Krieg, Rassismus und Chauvinismus, fordern gebieterisch von der zeitgenössischen Arbeiterbewegung, sich auf Basis zweier Grundprinzipien der Internationale neu zu organisieren: Vielfältigkeit der Strukturen, Radikalität der Ziele. Die Ziele der vor 150 Jahren in London gegründeten Organisation sind heute lebendiger denn je. Um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden, kann die neue Internationale dieser doppelten Anforderung nicht entgehen: Sie muss pluralistisch und sie muss antikapitalistisch sein.

 

Translated by: Sebastian Chwala

 

References
[1] Dieser Artikel basiert auf der Einleitung von: Marcello Musto (Hrg.), Workers Unite! The International 150 Years Later, New York/London: Bloomsbury, 2014, ein Sammelband mit zentralen Dokumenten der Internationale.
Alle mit GC oder PI gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf die mehrbändige Veröffentlichung der offiziellen Protokolle, die unter den Titeln „General Council of the First International“, 5 Bde., Moskau 1963-1968 (= GC), und „Première Internationale“,4 Bde., Genf 1962 und 1971 (= PI)erschienen sind.
[2] Gegen Ende der IAA wurde von einigen Mitgliedern des Generalrates während der Debatte über die Neufassung der Statuten die Frage aufgeworfen, ob „men” im englischen Namen der Organisation nicht durch „persons” ersetzt werden sollte. Engels antwortete darauf, „daß man allgemein angenommen habe, daß ‚men’ als geschlechtsneutraler Begriff gemeint sei”. Die Arbeiterassoziation stand also sowohl Frauen als auch Männern offen.
[3] Vgl. Henry Collins/Chimen Abramsky, Karl Marx and the British Labour Movement, London 1965, S. 34.
[4] Johann George Eccarius to Karl Marx, 12 October 1864, in: Marx-Engels-Gesamtausgabe, Bd. III/13, Berlin 2002, S. 10.
[5] Siehe Oscar Testut, L’Association internationale des travailleurs, Lyon, 1870, S. 310.
[6] The Times, 5 June 1871.
[7] Collins/Abramsky, a.a.O., S. 70; Jacques D’Hondt, Rapport de synthèse, in: Colloque International sur la première Internationale, La Première Internationale: l’institution, l’implantation, le rayonnement, Paris 1968, S. 475.
[8] Collins/Abramsky, a.a.O., S. 70; Jacques D’Hondt, a.a.O., S. 289.
[9] Musto, a.a.O., Dokument 2 (= Karl Marx, Vorschläge für das Programm der Internationalen Arbeiterassoziation [IAA], in: MEW 16, S. 194).
[10] Jacques Freymond, Introduction, in: PI, I, S. XI.
[11] Report of the [French] General Council, 1 September 1869, in: PI, II, S. 24.
[12] Henri Collins, The International and the British Labour Movement: Origin of the International in England, in: Colloque International, La Première Internationale, a.a.O., S. 34.
[13] Marx setzte die Praxis, bei den Kongressen nicht persönlich anwesend zu sein, in der Folge fort. Eine Ausnahme bildete nur der wichtige Kongress von Den Haag (1872).
[14] Freymond, Introduction, in: PI, I, S. XIV.
[15] Musto, a.a.O., Dokument 3.
[16] Jacques Rougerie, in: Les sections françaises de l’Association Internationale des Travailleurs, in: Colloque International sur la premieère Internationale, a.a.O., S.111, sprach von “einigen zehntausend”.
[17] Musto, a.a.O., Dokument 54. (= Karl Marx, Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg, in: MEW 17, S. 7).
[18] Arthur Lehning, Introduction, in: Ders. (Hrg.), Bakunin-Archiv, Bd. VI: Michel Bakounine sur la Guerre Franco-Allemande et la Révolution Sociale en France (1870-1871), Leiden 1977, S. XVI.
[19] Dazu Georges Haupt, L’internazionale socialista dalla Comune a Lenin, Turin 1978, S. 28.
[20] Ebd., S. 93-95.
[21] Nello Rosselli, Mazzini e Bakunin, Turin 1927, S. 323-324.
[22] Giuseppe Garibaldi an Giorgio Pallavicino, 14 November 1871, in: Enrico Emilio Ximenes, Epistolario di Giuseppe Garibaldi, Bd. I, Milano 1885, S. 350.
[23] Karl Marx, 15. August 1871, in: GC, Bd. IV, S. 259.
[24] Miklós Molnár, Le déclin de la première internationale, Genf 1963, S. 127.
[25] Musto, a.a.O., Dokument 74 (= Karl Marx/Friedrich Engels, Beschlüsse der Delegiertenkonferenz der Internationalen Arbeiterassoziation, abgehalten zu London, vom 17. bis 23. September 1871, in: MEW 17, S. 421).
[26] In den frühen 1870er Jahren war die Arbeiterklasse nur in Deutschland als Partei organisiert. Die Verwendung des Wortes „Partei“ war daher sowohl bei den Anhängern Bakunins als auch bei Marx sehr unklar. Selbst Marx benutzte es mehr als Synonym für Klasse. Die Debatten in der Internationale konzentrierten sich nicht auf die Frage nach der Gründung einer politischen Partei (ein Ausdruck, der auf der Londoner Konferenz nur zweimal und auf dem Den Haager Kongress nur fünfmal benutzt wurde), sondern drehten sich vielmehr um die Nutzung des Adjektivs „politisch“ (Haupt, a.a.O., S. 84).
[27] Jacques Freymond/Miklós Molnár, The Rise and Fall oft he First International, in: Milorad M. Drachkovitch, The Revolutionary Internationals , 1864-1943, Stanford 1966, S. 27.
[28] Verschiedene Autoren, Risoluzione, programma e regolamento della federazione italiana dell’ Associazione Internazionale dei Lavoratori, in: Gian Mario Bravo, La Prima Internazionale, Rom 1978, S. 787.
[29] Siehe Freymond/Molnár, a.a.O., S. 27-28.
[30] Siehe Karl Marx an Ludwig Kugelmann vom 29. Juli 1872, in: MEW Band 33, S. 505. Dort schrieb er: „Auf dem internationalen Kongreß … handelt es sich um Leben oder Tod der Internationalen; und bevor ich austrete, will ich sie wenigstens vor den auflösenden Elementen schützen.“
[31] Musto, a.a.O., Dokument 65.
[32] Freymond, Introduction, in: PI, I, S. X.
[33] Vgl. Haupt, a.a.O., S. 100.
[34] Friedrich Engels, 5. September 1872, in: PI, II, S. 355.
[35] Miklós Molnár, Quelques remarques à propos de la crise de l’Internationale en 1872, in: Colloque International, La Première Internationale, a.a.O., S. 439.
[36] Molnár, Le Déclin de la Première Internationale, a.a.O., S. 144.

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Reviews

Jan Hoff, Das Argument

Das 150-Jahre-Jubiläum der Marxschen Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie von 1857/58 hat in der internationalen Fachwelt – im Gegensatz zur breiteren Öffentlichkeit – erhebliche Resonanz hervorgerufen.

Die große Rezeptionswelle der späten 60er und der 70er Jahre, die nicht zuletzt durch Roman Rosdolskys umfangreichen Kommentar von 1968 inspiriert wurde, ist längst abgeklungen. Dennoch bilden die Grundrisse einen ständigen Bezugspunkt in der internationalen Debatte zur Kritik der politischen Ökonomie. In diesem Zusammenhang steht auch der vorliegende Sammelband.

Der erste Teil des Bandes ermöglicht einen Einblick in die thematische Vielfalt der gegenwärtigen Grundrisse-Diskussion. Dabei werden von einem internationalen Autorenkreis so unterschiedliche Themen wie die Marxsche Methode, die Grundrisse und Das Kapital, der Marxsche Wertbegriff, die Entfremdungsproblematik und Marx´ Gedanken zu einer postkapitalistischen Gesellschaft behandelt. Ellen Meiksins Wood stellt die Problematik des historischen Materialismus in den Mittelpunkt, wobei sie speziell auf den bekannten Grundrisse-Abschnitt eingeht, der von den „Formen, die der kapitalistischen Form vorhergehen“ handelt. Der Sozialismus sei nicht als telos eines universellen historischen Determinismus zu begreifen, sondern als Resultat der Überwindung einer historisch-spezifischen, der kapitalistischen Produktionsweise. Die Marxsche Geschichtsauffassung ist nach Wood stärker historisch und weniger deterministisch als der Fortschrittsglaube der Aufklärung. Statt die Geschichte als einen unilinearen und von transhistorischen Prinzipien regierten Fortschrittsprozess zu deuten, habe Marx die Spezifik jeder einzelnen historischen Produktionsweise in den Mittelpunkt gestellt.

Enrique Dussels Aufsatz zur Marxschen Entdeckung der Kategorie des Mehrwerts ist vor dem politisch-theoretischen Hintergrund des argentinischen Philosophen, seiner Vorreiterrolle innerhalb des auf die Dependenztheorie gestützten Diskurses der lateinamerikanischen Befreiungsphilosophie zu betrachten. Einen entscheidenden Verbindungspunkt mit der Dependenztheorie sieht Dussel in Marx´ These von der Notwendigkeit des Kapitals „to increase its own value by overcoming new limits that are constantly set at higher levels and ever more distant and difficult to reach“. (S. 73) John Bellamy Foster untersucht die ökologischen Widersprüche des Kapitalismus unter Bezugnahme auf die Grundrisse. In den Grundrissen sei eine Dialektik des Verhältnisses Natur-Gesellschaft enthalten. Diese Dialektik umfasst gemäß Foster mehrere Komponenten: die kritische Analyse der Produktion im allgemeinen sowie ihrer historisch-spezifischen Formen; eine Theorie der menschlichen Bedürfnisse in Bezug auf Gesellschaft und Natur; eine Analyse vorkapitalistischer Formationen; den Aspekt der „äußeren Schranken“ des Kapitals; schließlich eine Auseinandersetzung mit Malthus´ Theorie von Bevölkerung und Natur.

Im darauffolgenden Teil gewähren Texte von Marcello Musto und Michael Krätke einen Einblick in die Marxsche Lebenssituation zur Zeit der Arbeit an den Grundrissen, in Marx´ Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist und in seine Sammlung empirischen Materials zur internationalen Wirtschaftskrise von 1857/58. Die biographischen, theoretischen und weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, in denen die Marxsche Arbeit an den Grundrissen zu sehen ist, werden hier aufbereitet. Krätke hebt hervor, dass sowohl mit Blick auf die politische Theorie von Marx als auch bezüglich der Kritik der politischen Ökonomie die journalistische Tätigkeit von Marx von höchster Relevanz gewesen sei. Die während der Niederschrift der Grundrisse entstandenen Marxschen „Krisenhefte“ von 1857/58, in denen er die Dynamik und die internationale Dimension der Krise dokumentiert hat, werden demnächst im MEGA²-Band IV.14 veröffentlicht.

Der dritte Teil des Buchs enthält eine Übersicht über die weltweite Verbreitung und Rezeption der Grundrisse. Dabei werden sämtliche Länder unter die Lupe genommen, in denen dieses Marxsche Werk bisher erschienen ist. Für Kenner der Debatte dürfte dies der ergiebigste Teil des vorliegenden Sammelbands sein. Anhand der durchweg informativen Kapitel lässt sich nachvollziehen, wann die Grundrisse (oder einzelne Abschnitte daraus) erstmals in bestimmten Sprachen publiziert wurden und innerhalb welcher theoretischer Auseinandersetzungen sich die Rezeption entwickelte. Die Grundrisse liegen mittlerweile in über 20 Sprachen in vollständiger Fassung vor, Teilübersetzungen in weitere Sprachen kommen hinzu.

Es ist evident, dass die Angaben der 22 Fachleute aus aller Welt, die im dritten Teil des Buchs zu Wort kommen, durchaus noch weiter ergänzt werden können. Dies betrifft nicht zuletzt die Frühphase der internationalen Grundrisse-Rezeption. Dem Kapitel zu Frankreich (S. 223-228), verfasst von André Tosel, ist beispielsweise nicht zu entnehmen, dass der bekannte „Marxologe“ Maximilien Rubel bereits 1950 einen Aufsatz veröffentlichte, in dem er ausführlich auf die damals außerhalb der Sowjetunion fast unbekannten Grundrisse einging (siehe Maximilien Rubel, Contribution a l´Histoire de la Genèse du Capital. Les Manuscrits économico-politiques de Karl Marx [1857-58], in: Revue d´Histoire économique et sociale 28 [1950], S. 169-185.) Dies ist auch deshalb bemerkenswert, da die Grundrisse erst durch die Ostberliner Ausgabe von 1953 einem größeren Publikum in den westlichen Ländern bekannt wurden. Das Kapitel zu Japan (S. 213-218) ist von Hiroshi Ushida verfasst. Eine japanische Übersetzung der Grundrisse erschien bereits 1958-65, früher als alle anderen Übersetzungen. Uchida unterlässt es aber, auf die Grundrisse-Lektüre durch den Marx-Interpreten Kinzaburo Sato in den 50er Jahren hinzuweisen. Sato vertrat in einer Arbeit von 1954, in der er sich bereits viele Jahre vor der großen Grundrisse-Lektürewelle im Westen auf dieses Marxsche Werk bezog, eine neue Auffassung zum Marxschen Planänderungsproblem. Sato zufolge entspricht Das Kapital keineswegs dem Gliederungspunkt „Kapital im allgemeinen“ des ursprünglichen Aufbauplans, womit er von der „klassischen“ Sichtweise Samezo Kurumas aus dem Jahr 1930 abwich.

Kritisierenswert ist, dass Pedro Ribas und Rafael Pla León, die die Editions- und Rezeptionsgeschichte in Kuba, Argentinien, Spanien und Mexiko nachzeichnen (S. 236-239), viel zu kurz auf den für die lateinamerikanische Grundrisse-Rezeption wirklich zentralen Textkommentar von Enrique Dussel aus dem Jahr 1985 eingehen. Das Kapitel über die deutschsprachigen Länder (S. 189-201) ist von Ernst Theodor Mohl verfasst. Hier hätte man sich einen Hinweis auf den Briefwechsel zwischen Karl Korsch und Roman Rosdolsky (der 1967 verstarb, nicht 1965, wie Mohl schreibt) aus den frühen 50er Jahren gewünscht, der einen Bestandteil der Frühgeschichte der deutschsprachigen Grundrisse-Rezeption bildet. Doch dies mindert den Wert von Mohls gründlicher Übersicht nicht. Hervorzuheben sind außerdem die Kapitel von Lyudmila Vasina über die Verbreitung und Rezeption der Grundrisse in der Sowjetunion (S. 202-212) und Christopher Arthurs Überblick über die angelsächsischen Länder (S. 249-256).

Insgesamt handelt es sich um einen vom Herausgeber mit großem Aufwand und beeindruckender Sorgfalt konzipierten Band, dem zu wünschen ist, dass er sich (trotz des Preises) in der internationalen Marx-Debatte schnell als ein Standardwerk etablieren wird.

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Verbreitung und Rezeption der‚ Grundrisse’ in der Welt

I. Die Finanzkrise von 1857 und die‚ Grundrisse’
1857 brachen die wirtschaftlichen Turbulenzen, anders als in den vorangegangenen Krisen, nicht in Europa sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika aus.

In den ersten Monaten des Jahres dehnten die New Yorker Banken den Umfang ihrer Kredite weiter aus, trotz des Rückgangs der Einlagen. Die daraus resultierende Steigerung der spekulativen Aktivitäten belastete zusätzlich das allgemeine wirtschaftliche Umfeld, so dass die nach der Insolvenz der New Yorker Niederlassung der Ohio Versicherungsgesellschaft ausgebrochene Panik zu zahlreichen Bankrotten führte. Der Verlust des Vertrauens in das Bankensystem löste eine allgemeine Kreditverknappung aus, führte zum Rückzug von Bankeinlagen und der Unterbrechung von Bargeldzahlungen.

Im Bewusstsein der außerordentlichen Bedeutung dieser Ereignisse machte sich Karl Marx sofort an die Arbeit. Am 23. August 1857 – dem Tag vor dem Zusammenbruch von Ohio-Leben, der die Öffentlichkeit in Panik versetzte – begann er mit seiner ‚Einführung’ in die Ökonomie; der explosionsartige Ausbruch der Krise hatte ihm jenen zusätzlichen Anstoß gegeben, der in den vorangegangen Jahren gefehlt hatte. Nach der Niederlage von 1848 hatte Marx ein ganzes Jahrzehnt politischer Rückschläge und tiefer persönlicher Isolierung erlebt. Im Ausbruch der Krise sah er die Möglichkeit, an einer neuen Runde sozialer Unruhen beteiligt zu sein. Dabei betrachtete die Analyse der wirtschaftlichen Erscheinungen als seine vordringlichste Aufgabe; diese Arbeit würde am Beginn einer Revolution außerordentlich wichtig sein. Das bedeutete, dass er die so lange geplante Arbeit so schnell wie möglich schreiben und veröffentlichen musste.

Von New York aus erfasste die Krise rasch den Rest der Vereinigten Staaten von Amerika und, innerhalb weniger Wochen, alle Weltmarktzentren Europas, Südamerikas und des Ostens. Sie war damit die erste internationale Finanzkrise der Geschichte. Die Berichte über diese Ereignisse versetzten Marx geradezu in euphorische Stimmung und lösten eine enorme intellektuelle Produktivität aus. Die Zeit zwischen Sommer 1857 und Frühjahr 1858 waren eine der fruchtbarsten Perioden seines Lebens: In wenigen Monaten produzierte er mehr als in den vorangegangenen Jahren. Im Dezember 1857 schrieb er an Engels: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im klaren habe bevor dem deluge.“ Bei dieser Gelegenheit wies er auch darauf hin, dass seine Vorhersage einer unvermeidlichen Krise doch nicht so unbegründet gewesen sei, da „der ‚Economist’ vom letzten Sonnabend erklärt, die Endmonate von 1853, durch ganz 1854, Herbst 1855 und ‚the sudden changes of 1856’ habe Europa immer nur hair-breadth escape vom impending crash gehabt.“ [2]

Marx’ Arbeit war bemerkenswert und weit reichend. Zwischen August 1857 bis Mai 1858 schrieb er acht Notizhefte voll, bekannt als ‚Grundrisse’, während er gleichzeitig als Korrespondent der ‚New-York Tribune’ Dutzende von Artikeln verfasste, unter anderem über den Verlauf der Krise in Europa. Getrieben durch die Notwendigkeit, seine wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern, entschloss er sich, eine Anzahl von Einträgen für ‚The New American Cyclopädia’ zu verfassen. Außerdem schrieb er zwischen Oktober 1857 und Februar 1858 drei Bücher mit Exzerpten, die „Krisen Notizbüchern“ genannt werden.[3] Anders als die früheren Exzerpte handelte es sich nicht um Zusammenfassungen aus Arbeiten von Ökonomen; sie bestanden vielmehr aus einer großen Menge von Tageszeitungen entnommenen Notizen über wichtige Entwicklungen der Krise, über Trends an den Aktienbörsen, Schwankungen des Außenhandels und wichtige Unternehmenszusammenbrüche in Europa, in den USA und in anderen Teilen der Welt. Ein Brief an Engels vom Dezember zeigt, wie intensiv er arbeitete:

„Ich arbeite ganz kolossal, meist bis 4 Uhr morgens. Die Arbeit ist nämliche eine doppelte: 1. Ausarbeitung der Grundzüge der Ökonomie. (Es ist durchaus nötig, für das Publikum au fond der Sache zu gehen und für mich, individually, to get rid of this nightmare);

2. Die jetzige Krisis. Darüber – außer den Artikeln an die ‚Tribune’ – führe ich bloß Buch, was aber bedeutend Zeit wegnimmt. Ich denke, dass wir about Frühling zusammen ei n Pamphlet über die Geschichte machen, als Wiederankündigung beim deutschen Publico – dass wir wieder und noch da sind, always the same.“[4]

Was die ‚Grundrisse’ betrifft so skizzierte Marx in der letzten Augustwoche ein Notizheft ‚M’, das als Einleitung dienen sollte; dann, Mitte Oktober, fuhr er mit weiteren sieben Notizheften fort (I-VII). Das erste und Teile des zweiten enthalten das so genannte Kapitel über das Geld, welches Geld und Wert behandelt; in den verbleibenden Notizheften schrieb er das so genannte Kapitel über das Kapital. Darin widmet er hunderte von Seiten dem Prozess der Produktion und Zirkulation des Kapitals und behandelt einige der wichtigsten Themen des ganzen Manuskripts, so das Konzept des Mehrwerts und jene ökonomischen Formationen die der kapitalistischen Produktionsweise vorangingen. Gegen Ende Februar 1858 schrieb er an Lassalle:

„Ich habe in fact die finale Ausarbeitung seit einigen Monaten unter der Hand. Die Sache geht aber sehr langsam voran, weil Gegenstände, die man seit vielen Jahren zum Hauptobjekt seiner Studien gemacht, sobald schließlich mit ihnen abgerechnet werden soll, immer wieder neue Seiten zeigen und neue Bedenken sollizitieren. … Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben. Ich bin keineswegs klar, wie viel Druckbogen das ganze machen wird. … After all, schwant es mir, dass jetzt, wo ich nach 15jährigen Studien so weit, Hand an die Sache legen zu können, stürmische Bewegungen von außen wahrscheinlich intefere werden.“[5]

Tatsächlich gab es jedoch keinerlei Anzeichen für die lange erwartete revolutionäre Bewegung die zusammen mit der Krise entstehen sollte; ein anderer Grund für Marx’ Unfähigkeit, das Manuskript abzuschließen, war die Erkenntnis, dass er immer noch weit davon entfernt war, das Material voll zu beherrschen. Die ‚Grundrisse’ blieben daher nur ein grober Entwurf. Nachdem er das Kapitel über das Geld sorgfältig in ein Manuskript Originaltext des zweiten und Anfang des dritten Kapitels des Beitrags zur Kritik der politischen Ökonomie umgearbeitet hatte, veröffentlichte er 1859 ein kleines Buch das keine öffentliche Resonanz fand: Ein Beitrag zur Kritik der politischen Ökonomie. Weitere acht Jahre fieberhafter Studien und enormer intellektueller Anstrengungen würden vergehen, bevor der erste Band des Kapital veröffentlicht wurde.

II. 1858-1953: 100 Jahre Einsamkeit
Nachdem er die Arbeit an den ‚Grundrissen’ zugunsten von ‚Ein Beitrag zur Kritik der politischen Ökonomie’ aufgegeben hatte, nutze er Teile um letzteren Text zusammenzustellen; dann aber bezog sich praktisch niemals mehr auf ihn. Obwohl er durchaus gewohnt war, frühere Arbeiten zu erwähnen, ja sogar ganze Passagen aus ihnen zu übertragen, enthält keine der Vorarbeiten zum ‚Kapital’, mit Ausnahme derjenigen von 1861-63, irgendeinen Bezug auf die ‚Grundrisse’. Das Manuskript ruhte zusammen mit allen anderen Entwürfen die zu nutzen er nicht beabsichtigte, als er durch spezifischerer Probleme in Anspruch genommen wurde.

Obwohl das natürlich nicht sicher ist, so ist doch wahrscheinlich, dass selbst Friedrich Engels die ‚Grundrisse’ nicht gelesen hat. Wie bekannt konnte Marx vor seinem Tod nur den ersten Band des ‚Kapital’ fertig stellen; die unfertigen Manuskripte für den zweiten und dritten Band wurden von Engels ausgewählt und für die Veröffentlichung zusammengestellt. Dabei muss er Dutzende von Notizheften mit vorläufigen Entwürfen des ‚Kapital’ durchgesehen haben und es ist daher zu vermuten, dass er bei der Ordnung der Papierberge auch die ‚Grundrisse’ durchgeblättert hat und zu dem Schluss gekommen war, dass es sich dabei um eine sehr frühe Fassung der Arbeit seines Freundes handelte – geschrieben sogar noch vor ‚Ein Beitrag zu Kritik der Politischen Ökonomie’ von 1859 – die daher für seine Zwecke nicht zu gebrauchen war. Im Übrigen erwähnte Engels die ‚Grundrisse’ an keiner Stelle, weder in seinen Vorworten zu den beiden Bänden des ‚Kapital’ die er für den Druck durchsah noch in einem von seinen zahlreichen Briefen.

Nach Engels Tod wurde ein großer Teil von Marx’ Originalmanuskripten im Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) in Berlin archiviert, wo man sie mit äußerster Nachlässigkeit behandelte. Politische Konflikte innerhalb der Partei verhinderten die Veröffentlichung von umfangreichem und wichtigem Material, das Marx hinterlassen hatte; diese führten vielmehr zu einer Zerstreuung der Manuskripte und machten die Herausgabe einer vollständigen Ausgabe seiner Werke für lange Zeit unmöglich. Ebenso wenig übernahm jemand die Verantwortung für ein vollständiges Verzeichnis von Marx’ Nachlass, so dass die ‚Grundrisse’ in den übrigen Papieren vergraben blieben.

Der einzige Teil, der in dieser Periode das Licht erblickte, war die ‚Einleitung’, die Karl Kautsky 1903 in ‚Die Neue Zeit’ veröffentlichte, zusammen mit einer Notiz, die den Text als ‚fragmentarischen Entwurf’ vom 23.August 1857 vorstellte. Indem er ihn als Einleitung zu Marx’ opus magnum vorstellte, betitelte Kautsky den Text mit „Einleitung zu einer Kritik der Politischen Ökonomie“ und behauptete, dass dieser „trotz des fragmentarischen Charakters“ eine ganze Reihe neuer Gesichtspunkte eröffne (Marx 1903: 710). Tatsächlich gab es viel Interesse an dem Text: Übersetzungen ins Französische (1903) und ins Englische (1904) folgten. Er erregte breite Aufmerksamkeit nachdem Kautsky ihn 1907 als Anhang zu ‚Ein Beitrag zur Kritik der Politischen Ökonomie’ veröffentlicht hatte. Mehrere Übersetzungen folgten – darunter ins Russische (1922), ins Japanische (1926), ins Griechische (1972) und ins Chinesische (1930) – und er wurde einer der am meisten kommentierten Texte von Marx’ theoretischen Arbeiten.

Während der ‚Einleitung’ das Glück lächelte blieben die ‚Grundrisse’ selbst für lange Zeit unbekannt. Man kann kaum glauben dass Kautsky zusammen mit der ‚Einleitung’ nicht auch das ganze Manuskript entdeckt hatte, aber er erwähnte es niemals. Und als er etwas später, zwischen 1905 und 1910, beschloss, einige der bislang unbekannten Schriften von Marx zu veröffentlichen, konzentrierte er sich auf Material aus den Jahren 1861-63, das er mit ‚Theorien über den Mehrwert’ betitelte.

Die ‚Grundrisse’ wurden erst 1923 von David Ryazanov entdeckt, dem Direktor des Marx-Engels Instituts (MEI) in Moskau und Organisator der Marx-Engels Gesamtausgabe (MEGA), den vollständigen Arbeiten von Marx und Engels. Nach Durchsicht des ‚Nachlasses’ in Berlin verfasste er einen Bericht für die Sozialistische Akademie in Moskau über den schriftlichen Nachlass von Marx und Engels und machte in diesem Zusammenhang die ‚Grundrisse’ bekannt: „Ich fand unter Marx’ Papieren acht weitere Notizhefte mit ökonomischen Studien … Das Manuskript kann auf Mitte der 1850er Jahre datiert werden und enthält den ersten Entwurf von Marx’ Arbeit (Das Kapital), dessen Titel er zu dieser Zeit aber noch nicht festgelegt hatte; es enthält auch die erste Version seines ‚Ein Beitrag zur Kritik der Politischen Ökonomie.“ [6] (Ryazanov 1925: 393-4)

„In einem dieser Notizhefte“, fährt Ryazanov fort, „fand Kautsky die ‚Einleitung’ zu ‚Ein Beitrag zur Kritik der Politischen Ökonomie’„. Diese vorbereitenden Manuskripte für das ‚Kapital’ seien „außergewöhnlich interessant, da sie uns über die Geschichte von Marx’ intellektueller Entwicklung und seine Arbeits- und Forschungsmethoden informieren.“ (Ryazanov 1925: 394)

Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen dem MEI, dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (die immer noch die Treuhandschaft über den Marx-Engels ‚Nachlass’ hatte) die Veröffentlichung der MEGA betreffend wurden die ‚Grundrisse’ zusammen mit vielen anderen unveröffentlichten Schriften abgelichtet und von Spezialisten in Moskau analysiert. Zwischen 1925 und 1927 katalogisierte Pavel Veller vom MEI alles vorbereitende Material für das ‚Kapital’, wobei die ‚Grundrisse’ an erster Stelle standen. 1931 war das Manuskript vollständig entziffert und abgeschrieben. 1933 wurde ein Teil als ‚Kapitel über das Geld’ auf Russisch veröffentlicht; zwei Jahre später folgte ein deutsche Ausgabe. Schließlich erwarb das Marx-Engels-Lenin Institut (MELI, Nachfolger des MEI) sechs der acht Notizhefte, so dass die verbliebenen editorischen Probleme gelöst werden konnten.

1939 erschien schließlich Marx’ letztes wichtiges Manuskript in Moskau – eine große Arbeit aus einer seiner fruchtbarsten Perioden – mit dem von Veller formulierten Titel ‚Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857-1858’. Zwei Jahre später folgte ein ‚Anhang’, der Marx’ Kommentare zu Ricardos ‚Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung’, seine Notizen zu Bastiat und Carey, sein Inhaltsverzeichnis der ‚Grundrisse’ und vorbereitende Arbeiten (‚Urtext’) zum ‚Beitrag zur Kritik der politischen Ökonomie’ von 1859 enthielt. Das Vorwort des MELI zur Ausgabe von 1939 hob dessen außerordentliche Bedeutung hervor: „Das Manuskript von 1857-1858, das hiermit erstmals in voller Länge veröffentlicht wird, stellt eine entscheidende Phase in Marx’ ökonomischen Arbeiten dar.“ (Marx-Engels-Lenin-Institut 1939, VII)

Obwohl editorische Prinzipien und die Form der Veröffentlichung ähnlich waren, wurden die ‚Grundrisse’ nicht in die MEGA aufgenommen sondern erschienen als gesonderte Publikation. Die zeitliche Nähe zum Zweiten Weltkrieg führte aber dazu, dass die Arbeit praktisch unbekannt blieb: Die dreitausend Exemplare wurden selten und nur wenige gelangten über die Grenze der Sowjetunion. Die ‚Grundrisse’ gehörten auch nicht zur ‚Sochinenya’ von 1928-1947, der ersten Ausgabe der Werke von Marx und Engels; erst 1953 kam es zu einer Wieder-Veröffentlichung auf Deutsch. Obwohl es erstaunlich ist, dass ein Text wie die ‚Grundrisse’ in der Stalin-Zeit überhaupt erscheinen konnte, da er in Bezug auf den Grundkanon des ‚Diamat’, der sowjetischen Fassung des ‚Dialektischen Materialismus’ sicherlich als häretisch gelten konnte, muss man sich vergegenwärtigen, dass es damals die wichtigste von Marx’ Schriften war, die nicht in Deutschland verfügbar war. Seine Veröffentlichung in Ostberlin mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren war Teil der Feierlichkeiten zum Karl Marx Jahr, d.h. dem siebzigsten Todesjahr und dem 135. Geburtsjahr.

Geschrieben 1857-58 waren die ‚Grundrisse’ also erst ab 1953 weltweit verfügbar, nach hundert Jahren Einsamkeit.

III. Fünfhunderttausend Exemplare auf der Welt verfügbar
Trotz der großen Resonanz auf dieses neue Vormanuskript zum ‚Kapital’ und obwohl ihm ein großer theoretischer Wert zugemessen wurde, erschienen Ausgaben in anderen Sprachen nur allmählich.

Zunächst war es ein weiterer Abschnitt aus den ‚Grundrissen’, nach der ‚Einleitung’, der einige Aufmerksamkeit auf sich zog: die „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn“. Er wurde 1939 ins Russische übersetzt, und dann 1947-48 vom Russischen ins Japanische. In der Folge sicherte die gesonderte Herausgabe dieses Abschnitts auf Deutsch und eine Übersetzung ins Englische eine breite Leserschaft: Die Deutsche Fassung, die 1952 als Teil der ‚Kleine Bücherei des Marxismus-Leninismus’ erschien, war die Grundlage für Ungarische und Italienische Übersetzungen (1953 bzw. 1954); die Englische Version, veröffentlich 1964, trug zur Verbreitung in anglophonen Ländern und, durch Übersetzungen in Argentinien (1966) und Spanien (1967), in der spanischsprachigen Welt bei. Der Herausgeber der englischen Ausgabe, Eric Hobsbawn, verfasste ein Vorwort, das die Bedeutung des Textes hervorhob: Die ‚vorkapitalistischen Formationen’, schrieb er, waren Marx’ „systematischster Versuch, das Problem der geschichtlichen Entwicklung zu erfassen“, und „es kann ohne Zögern festgestellt werden, dass jede Marxistische Geschichtsdiskussion, die diesen nicht in Betracht zieht … erneut in ihrem Licht überprüft werden muss.“ (Hobsbawn 1964: 10) Tatsächlich befassten sich weltweit immer mehr Forscher mit diesem Text, der in vielen Ländern veröffentlicht wurde und überall weitreichende historische und theoretische Debatten hervorrief.

Vollständige Übersetzungen der ‚Grundrisse’ begannen in den späten 1950er Jahren zu erscheinen. Ihre Verbreitung war ein langsamer aber unaufhaltsamer Prozess, der schließlich eine gründlichere und in gewissem Sinne veränderte Einschätzung von Marx’ Werk erlaubte. Die besten Interpreten der ‚Grundrisse’ gingen vom deutschen Original aus; eine breitere Aufnahme des Textes – von Forschern, die kein Deutsch konnten, aber vor allem durch politisch Engagierte und Studenten – war aber erst nach der Übersetzung in verschiedene Nationalsprachen zu registrieren.

Die ersten erschienen im Fernen Osten: in Japan (1958-65) und China (1962-78). Eine Russische Ausgabe kam erst 1968/69 in der Sowjetunion heraus, als zweite, erweiterte Ausgabe der ‚Sochineniya’ (1955-66). Dass die ‚Grundrisse’ nicht Teil der vorangegangenen Ausgabe gewesen waren ist folgenreich, denn dies führte dazu, dass sie nicht in die Marx-Engels Werke (MEW) von 1956-68 aufgenommen wurden, die die sowjetische Auswahl der Texte nachvollzog. In den MEW – der am meisten benutzten Ausgabe der Werke von Marx und Engels und gleichzeitig Quelle der meisten Übersetzungen in andere Sprachen – fehlten die ‚Grundrisse’ bis zur Veröffentlichung als Ergänzungsband im Jahre 1983.

Die ‚Grundrisse’ begannen sich in Westeuropa erst in den späten 1960ern zu verbreiten. Die erste Übersetzung erschien in Frankreich (1967/68), war aber von minderer Qualität und musste 1980 durch eine originalgetreuere Version ersetzt werden. Eine Italienische Ausgabe folgte zwischen 1968 und 1970, wobei die Initiative, wie in Frankreich, von einem Verlag ausging, der von der Kommunistischen Partei unabhängig war.

Die nächste Übersetzung erfolgte in den 1970er Jahren ins Spanische. Klammert man die 1970/71 in Kuba veröffentliche Fassung aus, die von geringerer Bedeutung war, weil sie aus dem Französischen übersetzt war und nur auf der Insel zirkulierte, so wurde die erste ordentliche Spanische Version in Argentinien zwischen 1971 und 1976 vollendet. Es folgten weitere drei Übersetzungen, die gemeinsam in Spanien, Argentinien und Mexiko durchgeführt wurden, womit das Spanische die Sprache war, in der es die meisten Übersetzungen der ‚Grundrisse’ gab.

Der Englischen Fassung ging 1971 eine Sammlung von Auszügen voran, deren Herausgeber, David McLellan, große Erwartungen beim Leser erweckte: „Die ‚Grundrisse’ sind viel mehr als eine Rohfassung des ‚Kapital’ (McLellan 1971: 2); tatsächlich enthalten sie, mehr als alle anderen Arbeiten, eine „Zusammenfassung verschiedener von Marx’ Gedankensträngen … In gewissem Sinne ist keines von Marx’ Werken vollständig, aber die vollständigste unter ihnen sind die ‚Grundrisse’“(Mc Lellan 1971: 14/15). Die Übersetzung des Gesamttextes erschien schließlich 1973, zwanzig Jahre nach dem deutschen Original. Der Übersetzer, Martin Nicolaus, schrieb im Vorwort: „Außer ihrem großen biographischen und historischen Wert erschließen sie (die ‚Grundrisse’) zusätzliches Material und stellen die einzige vollständige Skizze von Marx’ polit-ökonomischem Projekt dar …Die ‚Grundrisse’ fordern heraus und sind ein Test für jede bisher versuchte ernsthafte Interpretation von Marx (Nicolaus 1973: 7).

Die 1970er Jahre waren auch das kritische Jahrzehnt für Übersetzungen in Osteuropa. Nachdem die Sowjetunion grünes Licht gegeben hatte, gab es kein Hindernis mehr für die Veröffentlichung in den abhängigen Ländern: Ungarn (1972), Tschechoslowakei (1971-77 in Tschechisch, 1974-75 in Slowakisch), Rumänien (1972-74), ebenso Jugoslawien (1979). Im gleichen Zeitraum wurden zwei konkurrierende Dänische Editionen mehr oder weniger gleichzeitig auf den Markt gebracht: eine von einem mit der Kommunistischen Partei verbundenen Verlag (1975-78), die andere durch ein der Neuen Linken nahe stehendes Haus (1975-77).

In den 1980er Jahren wurden die ‚Grundrisse’ auch im Iran übersetzt (1985-87), wo es die erste wirklich originalgetreue Herausgabe einer Marx’schen Arbeit darstellte. Außerdem erschienen sie in einer Reihe weiterer Europäischer Länder. Die Slowenische Ausgabe kam 1985 heraus, die Polnische und Finnische 1986 (letztere mit sowjetischer Unterstützung).

Mit der Auflösung der Sowjetunion und dem Ende dessen was als ‚real existierender Sozialismus’ bekannt war und was in Wirklichkeit eine offensichtliche Negation des Marxschen Denkens war, ging die Veröffentlichung von Marx’ Schriften deutlich zurück. Trotzdem wurden die ‚Grundrisse’ weiter in andere Sprachen übersetzt, selbst in den Jahren, als lediglich jene Leute ihren Autor erwähnten, die ihn mit absoluter Sicherheit für tot und vergessen erklärten. Ausgaben in Griechenland (1989-92), der Türkei (1999-2003), Südkorea (2000) und Brasilien (geplant für 2008) machten es zu dem Marxschen Werk mit den meisten Übersetzungen der letzten zwei Jahrzehnte.

Alles in allem wurde der vollständige Text der ‚Grundrisse’ in 22 Sprachen [7] übersetzt, bei insgesamt 32 unterschiedlichen Fassungen. Ohne die Auswahltexte wurden mehr als 500.000 Exemplare gedruckt[8] – eine Zahl, die den Autor wohl überrascht haben würde, hatte er den Text doch nur in größter Eile verfasst um seine bisherigen ökonomischen Studien zusammen zu fassen.

IV. Leser und Interpreten
Die Geschichte der Rezeption und der Verbreitung der ‚Grundrisse’ hat spät begonnen. Der Grund dafür ist, außer den Windungen und Wendungen der Wiederentdeckung, sicherlich die Komplexität des fragmentarischen und grob skizzierten Manuskripts selbst, das so schwer zu interpretieren und in andere Sprachen zu übertragen ist. Diesbezüglich hat der maßgebliche Forscher bemerkt: „Als der Verfasser dieser Arbeit im Jahre 1948 das Glück hatte, eines der damals sehr seltenen Exemplare des Marxschen ‚Rohentwurfs’ zu sichten … wurde ihm bald klar, dass es sich um ein für die marxistische Theorie grundlegendes Werke handelt, das aber wegen seiner eigentümlichen Form und seiner teilweise schwerverständlichen Ausdrucksweise kaum geeignet ist, in breite Leserkreise einzudringen.“ (Rosdolsky 1968: 7)

Daher verfaßte Rosdolsky eine erklärende Darstellung und eine kritische Analyse des Textes. Das Ergebnis war „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapital’. Der Rohentwurf des ‚Kapital’ 1857-58“, die 1968 auf deutsch erschien. Dies ist die erste und immer noch wichtigste Monographie zu den ‚Grundrissen’. Durch Übersetzungen in viele Sprachen regte es die Veröffentlichung und Verbreitung von Marx’ Werk an und beeinflusste erheblich die ihm folgenden Interpreten.

1968 war überhaupt ein bedeutsames Jahr für die ‚Grundrisse’. Zusätzlich zu Rosdolskys Buch erschien der erste Aufsatz in Englisch in der März/April-Ausgabe der ‚New Left Review’: Martin Nicolaus’ „Der unbekannte Marx“ hatte das Verdienst, die ‚Grundrisse’ besser bekannt zu machen und die Notwendigkeit einer vollständigen Übersetzung aufzuzeigen. In der Zwischenzeit beeinflussten die ‚Grundrisse’ einige der Akteure der Studentenrevolten in Deutschland und Italien, die, indem sie sich durch die Text arbeiteten, von seinem radikalen und explosiven Inhalt beeindruckt waren. Die Faszination war unwiderstehlich insbesondere für jene Anhänger der Neuen Linken, die die Auslegung von Marx durch den offiziellen Marxismus-Leninismus überwinden wollten.

Auf der anderen Seite änderten sich die Zeiten auch im Osten. Nach einer Anfangszeit, in der die ‚Grundrisse’ fast vollständig ignoriert oder mit Zurückhaltung behandelt worden waren, erschien 1965 in der Sowjetunion und 1976 in der DDR Wygodski’s einführende Studie „Istoriya odnogo velikogo otkrytiya Karla Marxa“ (Die Geschichte einer großen Entdeckung. Über die Entstehung des Werkes ‚Das Kapital’ von Karl Marx), der eine völlig andere Richtung einschlug. Er bezeichnete es als das „Werk eines Genies“, das den Leser „in Marx’ schöpferisches Laboratorium“ führt und so die Gelegenheit gebe, „Schritt für Schritt den Prozeß zu verfolgen, in dem Marx seine ökonomische Theorie ausarbeitete“ und dem daher die höchste Aufmerksamkeit zu widmen sei (Wygodski 1967: 50).

Innerhalb weniger Jahre wurden die ‚Grundrisse’ ein Schlüsseltext für viele einflussreiche Marxisten. Neben den bereits erwähnten befassten sich folgende Forscher in besonderem Maße mit dem Text: Walter Tuchscheerer in der DDR, Alfred Schmidt in der BRD, Mitglieder der Budapester Schule in Ungarn, Lucien Sève in Frankreich, Kiyoaki Hirata in Japan, Gajo Petrovic in Jugoslawien, Antonio Negri in Italien, Adam Schaff in Polen und Allen Oakley in Australien. Überall wurde es ein Werk mit dem sich jeder ernsthafte Student von Marx auseinandersetzen musste. Mit verschiedenen Nuancen lassen sich die Interpreten der ‚Grundrisse’ doch in zwei große Gruppen unterscheiden: Die einen betrachteten sie als eine eigenständige, konzeptionell abgeschlossene Arbeit; die anderen sahen es als ein frühes Manuskript an, welches lediglich den Weg für das ‚Kapital’ bereitete. Der ideologische Hintergrund dieser Debatten über die ‚Grundrisse’ – im Mittelpunkt des Streites stand die Frage der Legitimität oder Illegitimität der jeweiligen Annäherungen an Marx, mit den entsprechenden wichtigen politischen Auswirkungen – begünstigte die Herausbildung von unangemessenen und vom heutigen Standpunkt aus gesehen grotesken Interpretationen. Einige der am meisten eifernden Kommentatoren der ‚Grundrisse’ hielten diese sogar für dem ‚Kapital’ überlegen, trotz der weiteren zehn Jahre intensiver Forschung, die in letzteres eingegangen waren. Unter den wichtigsten Kritikern der ‚Grundrisse’ gab es andererseits auch Personen die behaupteten, dass diese nichts enthielten, was nicht bereits über Marx bekannt war, trotz der wichtigen Abschnitte zum Verständnis von Marx’ Verhältnis zu Hegel und trotz der bedeutsamen Passagen über Entfremdung.

Es gab aber nicht nur gegensätzliche Lesarten der ‚Grundrisse’, es gab auch Nicht-Lesarten – ein besonders typisches und repräsentatives Beispiel dafür ist Louis Althusser. Selbst als er versuchte, das Marx’ unterstellte Schweigen redend zu machen und das ‚Kapital’ auf eine neue Weise zu lesen „um das in ihm noch unsichtbar Gebliebene sichtbar zu machen“ (Althusser/Balibar 1972: 40) erlaubte er sich, die unübersehbaren hunderte von Seiten der ‚Grundrisse’ zu übersehen und eine (später heiß diskutierte) Trennung von Marx’ Denken in seinen Jugendwerken einerseits und seinen reifen Werke andererseits vorzunehmen, ohne Inhalt und Bedeutung des Manuskripts von 1857-58 auch nur zur Kenntnis zu nehmen. [9]

Ab Mitte der 1970er Jahre fanden die ‚Grundrisse’ eine noch größere Zahl von Lesern und Interpreten. Zwei große Kommentare erschienen, einer 1974 in Japanisch (Morita, Kiriro and Toshio Yamada 1974), der andere 1978 in Deutsch (Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems 1978), und viele weitere Autoren befassten sich mit dem Werk. Eine Reihe von Forschern maßen dem Text eine besondere Bedeutung zu für das Verständnis einer der am meisten diskutierten Fragen bezüglich des Marx’schen Denkens: seine intellektuellen Beziehungen zu Hegel. Andere waren fasziniert durch seine fast prophetischen Bemerkungen in den Fragmenten zu Maschinenwesen und Automation; in Japan wurde die Arbeit als hoch bedeutsamer Text für das Verständnis von Modernität gelesen. Anfang der 1980er Jahre erschienen erste detaillierte Studien in China, wo die Arbeit genutzt wurde, um die Entstehungsgeschichte des ‚Kapital’ besser zu verstehen. In der Sowjetunion wurde ein ganzer Sammelband über die ‚Grundrisse’ veröffentlicht (Vv.Aa., 1987).

In den letzten Jahren hat die unveränderte Gültigkeit des Marx’schen Werks zur Erklärung (und gleichzeitig zur Kritik) der kapitalistischen Produktionsweise wieder verstärktes Interesse seitens vieler internationaler Forscher hervorgerufen (vgl. Musto 2007). Wenn dieses erneute Interesse anhält und wenn Marx gleichzeitig auch in politischer Hinsicht wieder gefragt wird, dann werden die ‚Grundrisse’ sicherlich wieder eine jener Schriften sein, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Chronologie der Übersetzungen der ‘Grundrisse’

1939-41 Erste Deutsche Ausgabe
1953 Zweite Deutsche Ausgabe
1958-65 Japanische Übersetzung
1962-78 Chinesische Übersetzung
1967-8 Französische Übersetzung
1968-9 Russische Übersetzung
1968-70 Italienische Übersetzung
1970-1 Spanische Übersetzung
1971-7 Tschechische Übersetzung
1972 Ungarische Übersetzung
1972-4 Rumänische Übersetzung
1973 Englische Übersetzung
1974-5 Slovakische Übersetzung
1974-8 Dänische Übersetzung
1979 Serbische/Serbo-Kroatische Übersetzung
1985 Slovenische Übersetzung
1985-7 Persische Übersetzung
1986 Polnische Übersetzung
1986 Finnische Übersetzung
1989-92 Griechische Übersetzung
1999-2003 Türkische Übersetzung
2000 Koreanische Übersetzung
2011 Portugiesische Übersetzung

 

Übersetzung: Jörg Goldberg

 

Literatur
[1] Der Artikel ist die erweiterte Fassung des Kapitels „Dissemination and reception of Grundrisse in the world. Introduction“, erschienen im Sammelband „Karl Marx’s Grundrisse. Foundations of the Critique of Political Economy 150 Years Later”, herausgegeben von Marcello Musto, London/New York: Routledge 2008 (paperback 2010)

[2] Marx an Engels, 8. Dezember 1857, MEW 29, S. 225

[3] Diese Notizbücher sind noch nicht veröffentlicht.

[4] Marx an Engels, 18. Dezember 1857, MEW 29, S. 232

[5] Marx an Ferdinand Lassalle, 22. Februar 1858, MEW 29, S. 550/51

[6] Die russische Fassung des Berichts wurde 1923 veröffentlicht.

[7] Siehe die chronologische Aufstellung in Anhang. Zusätzlich zu den oben erwähnten vollständigen Fassungen sollten die Auswahltexte in Schwedisch (Karl Marx, Grunddragen i kritiken av den politiska ekonomin, Stockholm: Zenit/R&S, 1971) und Mazedonisch (Karl Marx, Osnovi na kritikata na politickata ekonomija (grub nafrlok): 1857-1858, Skopje: Komunist 1989) erwähnt werden, ebenso wie Übersetzungen der ‚Einleitung’ und der ‚Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn’ in eine große Anzahl von Sprachen wie das Vietnamesische, das Norwegische, das Arabische, das Niederländische, das Hebräische und das Bulgarische.

[8] Die Zahl wurde durch Addition der Druck-Auflagen in jenen Ländern ermittelt, in denen Forschungen durchgeführt wurden.

[9] Lucien Sève, Penser avec Marx aujourd’hui, Paris: La Dispute, 2004, erinnert, dass Althusser „mit Ausnahme solcher Texte wie der ‚Einleitung’ (…) die ‚Grundrisse’ niemals im wirklichen Sinne des Wortes gelesen hatte“ (p.29). In Anlehnung an Gaston Bachelard’s Terminus vom ‚erkenntnistheoretischen Bruch’ (coupure épistémologique), den Althusser selbst benutzt, spricht Sève von einem „künstlichen bibliographischen Bruch“ (coupure bibliographique), der ihn zu höchst irrtümlichen Meinungen über ihre Entstehung und damit ihre Konsistenz mit dem Denken des reifen Marx führt (p.30).

Bibliography
Althusser, Louis/Balibar, Étienne (1972): Das Kapital lesen, Hamburg

Hobsbawm, Eric J. (1964): ‘Introduction’, in: Karl Marx, Pre-Capitalist Economic Formations, London, pp. 9-65

Marx, Karl (1903) ‘Einleitung zu einer Kritik der politischen Ökonomie’, Die Neue Zeit, 21. Jahrgang, Bd. 1: 710–18, 741–5, und 772–81

Marx-Engels-Lenin-Institut (1939): ‘Vorwort’, in: Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857–1858, Moskau, S.. VII-XVI

McLellan, David (1971): Marx’s Grundrisse, London

Morita, Kiriro and Toshio, Yamada, (1974): Komentaru keizaigakuhihan’yoko (Commentaries on the Grundrisse), Tokyo

Musto, Marcello (2007): ‘The Rediscovery of Karl Marx’, International Review of Social History, 52/3: 477-98

Nicolaus, Martin (1973): ‘Foreword’, in: Karl Marx, Grundrisse, Harmondsworth, S. 7-63

Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems (1978): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf). Kommentar, Hamburg

Rosdolsky, Roman (1968): Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‘Kapital’, Frankfurt/Wien

Ryazanov, David (1925) ‘Neueste Mitteilungen über den literarischen Nachlaß von Karl Marx und Friedrich Engels’, Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 11. Jahrgang: 385-400.

Sève, Lucien (2004): Penser avec Marx aujourd’hui, Paris

Vv. Aa. (1987): Pervonachal’ny variant ‘Kapitala’. Ekonomicheskie rukopisi K. Marksa 1857–1858 godov (Die erste Fassung des Kapital, K. Marx’s Ökonomische Manuskripte von 1857–1858), Moskau

Wygodski, Witali (1967): Die Geschichte einer großen Entdeckung. Über die Entstehung des Werkes „Das Kapital“ von Karl Marx, Berlin

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Die Verbreitung und Rezeption des Manifests der kommunistischen Partei in Italien (1889-1945)

I. VORWORT
Aufgrund theoretischer Konflikte wie politischer Ereignisse war das Interesse an Marxens Werk nie konstant und hat seit seinen frühen Äußerungen unbestreitbare Einbrüche erlebt. Von der „Krise des Marxismus“ bis zur Auflösung der „Zweiten Internationale“, von den Diskussionen über die Grenzen der Mehrwerttheorie bis zu den Tragödien des sowjetischen Kommunismus schien der marxsche Begriffshorizont durch die Kritik seiner Ideen jedes Mal endgültig überwunden. Und doch gab es stets eine „Rückkehr zu Marx“. Immer wieder entstand ein neues Bedürfnis, auf sein Werk Bezug zu nehmen, das mit der Kritik der politischen Ökonomie, den Formulierungen zur Entfremdung und den brillanten Seiten der politischen Streitschriften weiterhin eine unwiderstehliche Faszination auf Anhänger und Gegner ausübte.
Obwohl Ende des letzten Jahrhunderts einstimmig sein Untergang verfügt wurde, hat Marx seit einigen Jahren völlig unerwartet erneut die geschichtliche Bühne betreten. Tatsächlich ist derzeit ein wahrer Aufschwung des Interesses im Gang und immer häufiger werden seine Schriften wieder aus den Regalen der Bibliotheken Europas, der Vereinigten Staaten und Japans hervorgeholt.
Die Wiederentdeckung von Marx erklärt sich aus seiner anhaltenden Fähigkeit zur Erklärung der Gegenwart, für deren Verständnis und Transformation er ein unverzichtbares Werkzeug bleibt. Angesichts der Krise der kapitalistischen Gesellschaft und der tiefen Wiedersprüche, die sie durchziehen, befragt man diesen nach 1989 allzu eilig beiseite geschobenen Autor erneut. So wird Jacques Derridas Behauptung – „es wird immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, wiederzulesen und zu diskutieren“ –, die noch vor wenigen Jahren wie eine vereinzelte Provokation klang, heute immer mehr geteilt. Seit Ende der Neunzigerjahre wird in Zeitungen und Zeitschriften, Fernseh- und Radiosendungen ständig über den aktuellsten Denker für unsere Zeit diskutiert: über Karl Marx. Der erste Artikel, der in diesem Sinn ein gewisses Echo hervorrief, war The return of Karl Marx, erschienen in der amerikanischen Zeitschrift „The New Yorker“. Dann war die BBC an der Reihe, die Marx 1999 den Titel des größten Denkers des Jahrtausends verlieh. Einige Jahre darauf widmete die Zweimonatsschrift „Nouvel Observateur“ dem Thema Karl Marx – le penseur du troisième millénaire? eine ganze Nummer und wenig später zollte auch Deutschland demjenigen, den es zu einem vierzig Jahre langen Exil gezwungen hatte, Tribut. Über 500.000 Fernsehzuschauer des öffentlich-rechtlichen Senders ZDF wählten Marx im Jahr 2004 zur drittwichtigsten deutschen Persönlichkeit aller Zeiten (zur wichtigsten überhaupt in der Kategorie „Aktualität“), und während der letzten Bundestagswahlen bildete die bekannte Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ ihn auf der Titelseite, unter der Überschrift Ein Gespenst kehrt zurück, mit zum Siegeszeichen erhobenen Fingern ab. Zur Abrundung dieses kuriosen Überblicks sei die 2005 von dem Radiosender BBC 4 durchgeführte Umfrage erwähnt, bei der Marx zum beliebtesten Philosophen der englischen Hörer gekrönt wurde.
Auch die Literatur über Marx, die vor fünfzehn Jahren fast völlig aussetzte, zeigt deutliche Zeichen der Erholung und neben der Blüte neuer bedeutender Studien kommen in verschiedenen Sprachen Bändchen mit dem Titel Why read Marx today? heraus. Ähnlichen Anklang finden die internationalen Zeitschriften, die für Beiträge zu Marx und den Marxismen offen sind, wie auch Tagungen, Universitätsvorlesungen und Seminare zum Thema wieder in Mode gekommen sind. Schließlich ertönt auch von politischer Seite, wenngleich verhalten und in eher verworrener Form, von Lateinamerika bis zur Bewegung für eine andere Welt ein neuer Ruf nach Marx.
Der Text, der wiederum mehr als jeder andere die Aufmerksamkeit von Lesern und Wissenschaftlern auf sich gezogen hat, ist das Manifest der kommunistischen Partei. So wurde das Manifest von Marx und Engels 1998, anlässlich des hundertfünfzigsten Jahrestags seines Erscheinens, in dutzenden neuer Ausgaben in allen Teilen der Welt gedruckt und nicht nur als großartigste Voraussicht der Entwicklung des weltweiten Kapitalismus gefeiert, sondern auch als meistgelesener politischer Text in der Geschichte der Menschheit. Aus diesem Grund mag es von Interesse sein, die Geschichte seiner ersten Verbreitung in unserem Land nachzuzeichnen.

II. KARL MARX: DIE ITALIENISCHE VERKENNUNG
In Italien erfreuten sich die Marxschen Theorien außerordentlicher Popularität. Sie inspirierten politische Parteien, Gewerkschaftsorganisationen und soziale Bewegungen und trugen wie keine andere zur Verwandlung des nationalen politischen Lebens bei. Durch ihre Verbreitung in jedem Bereich der Wissenschaft und Kultur veränderten sie in nicht umkehrbarer Weise deren Richtung und selbst den Wortschatz. Indem sie dazu beitrugen, dass sich die subalternen Klassen ihrer Lage bewusst wurden, avancierten sie zum theoretischen Hauptwerkzeug im Emanzipationsprozess von Millionen Männern und Frauen.
Der hier erreichte Verbreitungsgrad ist mit dem in wenigen anderen Ländern zu vergleichen. Man muss sich also fragen, was der Ursprung dieser Bekanntheit ist. Besser gesagt, wann sprach man das erste Mal von „Carlo Marx“? Wann erschien sein Name das erste Mal in den Zeitungen unter den ersten übersetzten Schriften? Wann verbreitete sich sein Ruf in der kollektiven Vorstellung von Arbeitern und militanten Sozialisten? Und vor allem, wie und unter welchen Umständen begann sich sein Gedanke zu behaupten?
Die allerersten Übersetzungen der Schriften Marx`, der während den ersten revolutionären Unruhen von 1848 fast völlig unbekannt war, erschienen erst in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre. Sie waren allerdings wenig zahlreich und bezogen sich nur auf die Inauguraladresse und die Statuten der „International Working Men’s Association“. Zu dieser Verspätung trug sicherlich die Isolierung Marx’ und Engels von Italien bei, die trotz der Faszination, die seine Geschichte und Kultur auf sie ausübten und der Anteilnahme, die sie für seine Realität zeigten, erst im Jahr 1860 mit Italien in Briefverkehr traten und allein ab 1870 tatsächliche politische Beziehungen mit diesem Land aufnahmen.
Ein erstes Interesse an der Figur Marx’ kam erst im Zuge der revolutionären Vorgänge um die Kommune von Paris auf. Die nationale Presse, wie auch eine Reihe von Arbeiterblättern, widmeten dem „Gründer und Führer der Internationale“ innerhalb von wenigen Wochen, biografische Skizzen und Veröffentlichungen von Auszügen aus Briefen und politischen Beschlüssen (darunter Der Bürgerkrieg in Frankreich). Auch bei dieser Gelegenheit betrafen die abgedruckten Schriften – die einschließlich jener Engels allein in den Jahren 1871-1872 85 an der Zahl waren – ausschließlich Dokumente der «Internationale», zum Zeichen einer anfänglich rein politischen und erst später auch theoretischen Aufmerksamkeit. Weiters erschienen in einigen Zeitungen fantasievolle Beschreibungen, die dazu beitrugen, seinem Bild einen legendären Heiligenschein zu verleihen: «Karl Marx ist ein schlauer und bewiesenermaßen mutiger Mann. Schnelle Reisen von einem Land ins andere und ständige Verkleidungen erlauben ihm, seine Überwacher, die Polizeispitzel ganz Europas, ständig zu täuschen».
Das Ansehen, das seinem Namen anzuhaften begann, war gleichermaßen groß und ungefähr. Während dieser Zeit verbreiteten, nämlich, Propagandahandbücher die Marx’schen Auffassungen – wenigstens die als solche angesehen wurden – gleichzeitig mit jenen Darwins und Spencers. Sein Gedanke wurde als ein Synonym für Legaritarismus und Positivismus betrachtet. Seine Theorien wurden in einer sehr unwahrscheinlichen Kombination mit den genau entgegen gesetzten Auffassungen Fouriers, Mazzinis und Bastiats zusammengebracht. Seine Figur wurde – auf einem Missverständnis beruhend – mit jener von Garibaldi und Schäffle verglichen.
Das Interesse an Marx blieb nicht nur unbestimmt, sondern brachte auch keine Zustimmung für seine politischen Positionen. Unter den italienischen Anhängern der Internationale, die bei der Auseinandersetzung zwischen Marx und Bakunin fast einheitlich die Partei des letzteren ergriffen, blieb seine Abhandlung beinahe unbekannt und der Konflikt innerhalb der «Internationale» wurde mehr als persönlicher Zusammenstoß zwischen den beiden, anstatt als ein politischer Streit betrachtet .
Trotzdem fassten Marx´ theoretische Elemente während des folgenden Jahrzehnts, das von der Hegemonie des anarchischen Gedankenguts beherrscht wurde – welches in der italienischen Gesellschaft, die vom Nichtvorhandensein eines modernen industriellen Kapitalismus, von der folglich noch begrenzter Arbeiterwelt, sowie von der lebendigen Verschwörertradition, entliehen aus der jüngsten Revolution im Land, geprägt war, leichtes Spiel hatte – langsam in den Reihen der Arbeiterbewegung Fuß. Eine erste Verbreitung erfuhren diese Elemente paradoxerweise gerade durch die Anarchisten, die den Gedanken der der Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst und des Klassenkampfes, der in den Statuten und Inauguraladressen der «Internationale» enthalten war, vollständig teilten . Sie veröffentlichten weiterhin Marx, oft in offener Polemik mit dem Sozialismus, der wortgewaltig revolutionär, in der Praxis hingegen legalitär und revisionistisch war. Die wichtigste Initiative war sicherlich die Veröffentlichung des Kompendiums des ersten Buchs von Das Kapital herausgegeben von Carlo Cafiero im Jahr 1879. Dies war die erste Gelegenheit, bei der sich, wenn auch in eher popularisierter Form, die wichtigsten Marx’schen Konzepte in Italien zu verbreiten begannen.

III. DIE ACHTZIGERJAHRE UND DER «MARXISMUS» OHNE MARX
Die Marxschen Schriften wurden auch in den Achtzigerjahren nicht übersetzt. Mit Ausnahme einiger weniger Artikel, die in der sozialistischen Presse erschienen, waren die einzigen übersetzten Werke die von Engels (Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft 1883 und Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates 1885), die auch nur – in sehr geringer Auflage – dank der eigensinnigen und gleichzeitig virtuosen Initiative des Sozialisten aus Benevento Pasquale Martignetti das Licht erblickten. Unerwarteterweise begannen sich wichtige Kreise des offiziellen Kulturwesens mit Marx zu beschäftigen, die ihm gegenüber weniger Vorbehalte zeigten, als jene, die in deutschen Kreisen bekundet wurden. Und so veröffentlichte, auf Betreiben der höchsten akademischen und verlegerischen Ebenen, die bedeutende «Biblioteca dell’economista» (Bibliothek des Ökonomen), die gleiche, die auch schon Marx mehrmals bei seinen Nachforschungen am British Museum konsultiert hatte, zwischen 1882 und 1884 in einzelnen Heften und 1886 in einem einzigen Band, das erste Buch von Das Kapital. Die geringe Bedeutung der italienischen Bewegung wird durch die Tatsache belegt, dass Marx, von der Veröffentlichung der einzigen Übersetzung seines Werks in Italien bis nach dem Zweiten Weltkrieg ganz zufällig und nur zwei Monate vor seinem Tod erfuhr. Engels hingegen erst 1893!
Wenn auch in einer Realität voller Beschränkungen wie jene, die zu schildern hier kurz versucht wurde, kann man doch die erste Verbreitung des Marxismus in diese Zeit datieren. Allerdings geschah diese Verbreitung auf Grund der äußerst geringen Anzahl an Übersetzungen der Marx´schen Schriften und deren so schwierigen Auffindbarkeit fast nie durch Originalquellen , sondern durch indirekte Anführungen, Zitate aus zweiter Hand, Kurzfassungen durch die vielen Epigonen oder angeblichen Fortsetzer, die in kurzer Zeit auftauchten.
Während dieser Jahre entwickelte sich ein wahrer Kulturosmoseprozess, der nicht nur die verschiedenen sozialistischen Auffassungen in Italien, sondern auch andere Ideologien betraf, die mit dem Sozialismus nichts zu tun hatten. Gelehrte, politische Agitatoren und Journalisten bildeten sich ihre Ideen durch Hybridisierung des Sozialismus mit allen anderen ihnen zur Verfügung stehenden theoretischen Mitteln . Und wenn sich der «Marxismus» so rasch gegenüber allen anderen Doktrinen durchsetzen konnte, so geschah das, weil es keinen autochthonen italienischen Sozialismus gab. Das Ergebnis dieser kulturellen Homogenisierung war ein verarmter und verfälschter «Marxismus». Ein «Marxismus» passe-partout. Vor allem ein Marxismus ohne die Kenntnis Marx’, da man die italienischen Sozialisten, die seine Originaltexte gelesen hatten, immer noch an den Fingern einer Hand abzählen konnte.
Wenn auch einfach und unrein, deterministisch und nur auf politische Nebensächlichkeiten ausgerichtet, so war dieser «Marxismus» doch imstande, der Arbeiterbewegung eine Identität zu geben, sich in der 1892 gegründeten «Partito dei Lavoratori Italiani» (Italienischen Arbeiterpartei) zu behaupten und sogar seine Hegemonie in der italienischen Kultur und Wissenschaft zu entfalten.
Vom Manifest der kommunistischen Partei, bis zum Ende der Achtzigerjahre gab es dann von ihm keine Spur. Trotzdem spielte er zusammen mit seinem Hauptinterpreten, Antonio Labriola, eine wichtige Rolle beim Bruch jenes verfälschten Marxismus, der, bis dahin, die italienische Realität gekennzeichnet hatte. Zuvor jedoch, ist es nötig, einen Schritt zurück zu machen.

IV. DIE ERSTEN VERÖFFENTLICHUNGEN DES MANIFESTS IN ITALIEN
Im Vorwort zur ersten Ausgabe des Manifests der kommunistischen Partei wurde die Veröffentlichung des Werks in «englischer, französischer, italienischer, flämischer und dänischer Sprache» angekündigt. In Wirklichkeit wurde dieses Vorhaben nicht durchgeführt oder besser gesagt, Das Manifest wurde eine der meist verbreiteten Schriften in der Geschichte der Menschheit, aber nicht nach den Plänen seiner Autoren.
Der erste Übersetzungsversuch des Manifests in Italienisch und Spanisch wurde in Paris von Hermann Ewerbeck unternommen, einem führenden Mitglied des kommunistischen Bundes in der französischen Hauptstadt. Jedoch, obgleich Marx nach Jahren in seinem Werk Herr Vogt, fälschlich von der Existenz einer italienischen Übersetzung sprach , wurde diese doch nie verfasst. Vom ursprünglichen Vorhaben entstand nur die englische Übersetzung im Jahr 1850 und zuvor, 1848 die schwedische. Danach geriet das Manifest infolge der Niederlage der Revolution der Jahre 1848-49, in Vergessenheit. Die einzigen Nachdrucke, zwei in den Fünfzigerjahren und drei in den Sechzigerjahren, erschienen in deutscher Sprache. Für das Erscheinen neuer Übersetzungen musste man die nächsten beiden Jahrzehnte abwarten. 1869 ging die russische Übersetzung in Druck und 1871 die serbokroatische. Im gleichen Zeitraum erblickten, in New York, auch die erste in den USA veröffentlichte englische Version (1871) und die erste französische (1872) das Licht. 1872 kam in Madrid auch die erste spanische Übersetzung heraus, gefolgt, im Jahr darauf, von der portugiesischen, die anhand ersterer erfolgte.
Zu dieser Zeit war Das Manifest in Italien noch unbekannt. Die erste kurze Darstellung, bestehend aus Zusammenfassungen und Textauszügen erschien erst 1875 im Werk von Vito Cusumano, Le scuole economiche della Germania in rapporto alla questione sociale (Die Wirtschaftsschulen in Deutschland und ihr Verhältnis zur sozialen Frage). Dort war zu lesen, dass: „aus der Sicht des Proletariats dieses Werk an Wichtigkeit mit der Déclaration des droits des hommes (Erklärung der Menscherechte) für die Bourgeoisie vergleichbar ist. Es ist eines der wichtigsten Ereignisse des 19. Jahrhunderts, eine jener Erscheinungen, die ein Jahrhundert kennzeichnen, ihm einen Namen und eine Richtung geben“. Danach waren die Bezugnahmen auf das Manifest wieder weniger häufig. Trotzdem wurde das Werk 1883 in den Artikeln zitiert, die die Nachricht vom Ableben Marx’ brachten. Das sozialistische Blatt «La Plebe» (Das Volk) sprach davon als eines der „grundlegenden Dokumente des zeitgenössischen Sozialismus (…) Symbol für die Mehrheit des westlichen sozialistischen Proletariats des Westens und Nordamerikas“. Die bürgerliche Zeitung «Gazzetta Piemontese» (Piemonteser Zeitung), hingegen präsentierte Marx als den Autor des „berühmten Manifesto dei Comunisti (Manifests der Kommunisten), das zur Fahne des militanten Sozialismus, zum Katechismus der entrechteten Klassen, zum Evangelium, nach dem die deutschen und ein Großteil der englischen Arbeiter widmen, auf das sie wählen, schwören und für das sie kämpfen, wurde“. Trotz dieser positiven Urteile musste der Druck immer noch warten.
1885, nachdem er eine Kopie des Manifests von Engels bekommen hatte, verfasste Martignetti dessen Übersetzung. Die Ausgabe wurde jedoch wegen Geldmangels niemals gedruckt. Die erste italienische Übersetzung erschien mit mehr als vierzig Jahren Verspätung, 1889. Bis einschließlich zu diesem Jahr waren bereits 21 Ausgaben auf Deutsch, 12 auf Russisch, 11 auf Französisch, 8 auf Englisch, 4 auf Spanisch, 3 auf Dänisch (die erste 1884), 2 auf Schwedisch, 1 jeweils auf Portugiesisch, Tschechisch (1882), Polnisch (1883), Norwegisch (1886) und Yiddisch (1889) erschienen. Der italienische Text ging in der demokratischen Zeitung von Cremona «L’Eco del popolo» (Das Volksecho) unter dem Titel Manifesto dei socialisti redatto da Marx e Engels (Manifest der Sozialisten erstellt von Marx und Engels), in zehn Folgen zwischen August und November in Druck. Diese Version zeichnete sich aber durch eine überaus schlechte Qualität aus, es fehlten das Vorwort von Marx und Engels, der dritte Abschnitt («Sozialistische und kommunistische Literatur») und verschiedene andere Teile, die entweder ausgelassen oder zusammengefasst waren. Weiters waren in der Übersetzung aus dem Deutschen aus dem Jahr 1883 von Leonida Bissolati, verglichen mit der französischen aus dem Jahr 1885 von Laura Lafargue, die komplizierteren Ausdrücke stark vereinfacht. Mehr als eine Übersetzung, handelte es sich dabei also um eine Popolarisierung der Schrift, mit einigen wörtlich übersetzten Passagen.
Die zweite italienische Ausgabe, die erste allerdings in Heftform, kam 1891 heraus. Die, anhand der französischen Ausgabe der Pariser Zeitung «Le Socialiste» von 1885 durchgeführte Übersetzung, sowie die Einleitung waren Werk des Anarchisten Pietro Gori. Bei diesem Text fehlte die Präambel, außerdem waren diverse Fehler darin zu finden. Der Verleger Flaminio Fantuzzi, der ebenfalls mit den anarchistischen Positionen sympathisierte, verständigte Engels erst nach vollendeter Tat und dieser drückte seine besondere Verärgerung über die „Vorrede von unbekannten Leuten à la Gori“ in einem Brief an Martignetti aus.
Die dritte italienische Übersetzung erschien 1892 als Feuilleton in der mailänder Zeitschrift «Lotta di classe» (Klassenkampf). Diese Version, die Anspruch erhob, „die erste und einzige italienische Übersetzung des Manifests zu sein, die kein Verrat war“ , wurde von Pompeo Bettini anhand der deutschen Ausgabe von 1883 durchgeführt. Auch wenn diese ebenfalls Fehler und Vereinfachungen einiger Passagen aufwies, setzte sie sich doch gegenüber den anderen durch und erfuhr bis 1926 zahlreiche Neuauflagen. Sie war ausschlaggebend für die Bildung der marxistischen Terminologie in Italien. Im folgenden Jahr erschien diese Übersetzung mit einigen Korrekturen und Stilverbesserungen und dem Hinweis, dass „die Gesamtversion anhand der 5. deutschen Auflage (Berlin 1891) entstanden war“ , in Heften in einer Auflage von tausend Stück. 1896 erfolgte der Neudruck in zweitausend Auflagen. Das Werk enthielt die Vorworte von 1872, 1883 und 1890, übersetzt von Filippo Turati, dem Chefredakteur von «Critica Sociale» (Sozialkritik) damals führende Zeitschrift des italienischen Sozialismus, und das Proemium Al lettore italiano (An den italienischen Leser), das dieser von Engels zu dem Zweck erhalten hatte, die neue Version von den Vorgängerversionen zu unterscheiden. Das italienische Vorwort war das letzte, das für das Manifest von einem seiner Autoren verfasst wurde.
In den folgenden Jahren wurden weitere zwei Ausgaben veröffentlicht, die, wenn auch ohne Angabe des Übersetzers, entschieden die Version Bettinis wiedergaben. Die erste, bei der das Vorwort und der dritte Abschnitt fehlten, wurde verfasst, um dem Manifest eine populäre und billige Ausgabe zu geben. Angeregt wurde diese von der Zeitschrift «Era Nuova» (Neue Epoche) anlässlich des 1. Mai 1897 und erschien daraufhin in Diano Marina (Ligurien) in achttausend Auflagen. Die zweite, ohne Vorwort, in Florenz beim Nerbini Verlag 1901.

V. DAS MANIFEST ZWISCHEN ENDE 19. JAHRHUNDERTS UND FASCHISMUS
In den Neunzigerjahren machte die Verbreitung der Schriften Marx’ und Engels’ große Fortschritte. Die Festigung der Verlagsstrukturen der damaligen «Sozialistischen Partei Italiens» (Partito Socialista Italiano), die Arbeit der zahlreichen Zeitungen und kleineren Verleger und die Mitarbeit Engels` bei der «Critica Sociale» (Sozialkritik), trugen allesamt zu einem besseren Bekanntheitsgrad der Marxschen Werke bei. Dies reichte allerdings nicht aus, um den Verfälschungsprozess, der die Popularisierung begleitete, aufzuhalten. Die Verknüpfung der Marxschen Konzepte mit verschiedensten anderen Theorien war ebenso das Werk jenes Phänomens, das man «Kathedersozialismus» nannte, wie das der Arbeiterbewegung, deren theoretische Beiträge, wenn auch sehr umfangreich gewordenen, sich immer noch durch eine geringe Kenntnis der Marxschen Werke auszeichneten.
Marx hatte inzwischen unbestrittene Berühmtheit erlangt, wurde aber immer noch als ein primus inter pares in der großen Zahl der Sozialisten betrachtet. Ausschlaggebend dafür waren auch die schlechten Ausleger seiner Lehre. Als Beispiel für alle, sei einer genannt, der als der „sozialistischste und marxistischste (…) aller italienischen Ökonomen“ galt. Ich beziehe mich dabei auf einen Namen, der Ihnen allen bekannt ist: Achille Loria, Verbesserer und Vervollständiger jenes Marx, den niemand ausreichend kannte, um zu sagen, was verbessert oder vervollständigt wurde. Da Sie alle seine Beschreibung von Engels im Vorwort zum Dritten Buch von Das Kapital kennen – „unbegrenzete Keckheit, gepaart mit aal glattem Durchschlüpfen durch unmögliche Situationen, heroische Verachtung gegen erhaltene Fußtritte, rasch zugreifende Aneignung fremder Leistungen“ –, werde ich mich, um die von Marx erlittene Verfälschung besser zu beschreiben, einer Anekdote bedienen, die 1896 von Benedetto Croce, lange bedeutendster italienischer Philosoph, erzählt wurde. 1867, in Neapel, bei der Gründung der ersten italienischen Abteilung der «Internationale», trat ein ausländisch anmutender Unbekannter „sehr groß und sehr blond ,mit verschwörerischem Gehaben und mysteriöser Sprache“ auf, um die Geburt des neuen Zirkels zu sanktionieren. Noch nach vielen Jahren war ein neapolitanischer Rechtsanwalt, der bei diesem Treffen dabei war, überzeugt, dass „dieser Große und Blonde Karl Marx war“ und es brauchte große Mühe, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Da in Italien viele Marxsche Konzepte vom „illustren Loria“ eingeführt worden waren, kann man daraus schließen, dass das, was anfänglich verbreitet wurde, ein entstellter Marx war, auch dieser „groß und blond!“
Dieser Zustand änderte sich nur dank des Werks von Labriola, der als erster in Italien das authentische Marxsche Denken einführte. Er interpretierte, aktualisierte oder vervollständigte Marx nicht durch andere Autoren, sondern enthüllte ihn zum ersten Mal. Dies geschah durch die Veröffentlichung von Saggi sulla concezione materialistica della storia (Essays über die materialistische Auffassung der Geschichte) durch Labriola zwischen 1895 und 1897. Das erste dieser Essays, In memoria del Manifesto dei comunisti (Zur Erinnerung an das Manifest der Kommunisten), war eine Studie über die Entstehung des Manifests, die nach der Zustimmung Engels`, die dieser kurz vor seinem Tod gab , dessen bedeutendste Erläuterung und offizielle Auslegung von «marxistischer» Seite wurde.
Vielen Beschränkungen der italienischen Realität konnte somit entgegengetreten werden. Nach Labriola, kann „eine Revolution nicht mit dem Aufstand unter der Führung Weniger vollzogen werden, sondern muss von den Proletariern selbst kommen“. „Der kritische Kommunismus – was für den neapolitanischen Philosophen die angebrachteste Bezeichnung für die Theorien von Marx und Engels war – fabriziert keine Revolutionen, er bereitet keine Insurrektion vor, er bewaffnet keine Revolten (…), er ist mit einem Worte kein Seminar, worin man den Generalstab der proletarischen Revolution schult; er ist einzig das Bewußtsein dieser Revolution“. Das Manifest ist also nicht „das Vademecum der proletarischen Revolution“ , sondern das Instrument, um die Naivität des Sozialismus zu entlarven, der sich „ohne Revolution, das heißt ohne gründliche Umwandlung in dem allgemeinen und elementaren Bau der Gesellschaft selbst“ , möglich glaubt.
Mit Labriola hatte die italienische Arbeiterbewegung endlich einen Theoretiker, der fähig war, gleichzeitig dem Sozialismus wissenschaftlichen Rang zu verleihen, die nationale Kultur zu durchdringen und zu stärken und sich mit den höchsten Ebenen der Philosophie und des europäischen «Marxismus» zu messen. Dennoch erwies sich die Schärfe seines «Marxismus», für die unmittelbaren politischen Umstände problematischen und gegen die theoretischen Kompromisse kritischen, als unzeitgemäß.
Zur Jahrhundertwende wehten dann, nach der Veröffentlichung von La filosofia di Marx (Die Marxsche Philosophie) von Giovanni Gentile (ein Buch dass später Lenin als „beachtenswert“ bezeichnete), der Werke von Croce, in denen der «Tod des Sozialismus» verkündet wurde und – auf militanter Seite – der Arbeiten von Francesco Saverio Merlino und Antonio Graziadei , auch in Italien die Winde der «Krise des Marxismus». In der Sozialistischen Partei Italiens gab es außerdem – im Gegensatz zu Deutschland – keinen orthodoxen «Marxismus» und tatsächlich wurde der Streit zwischen zwei «Revisionismen» ausgefochten, einem reformistischen und einem syndikalistisch-revolutionären.
Während dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902, mehrten sich die Übersetzungen von Marx und Engels, die dem italienischen Leser einen Gutteil der damals verfügbaren Werke vermittelten. In diesem Zusammenhang, nämlich 1902, erschien im Anhang an die dritte Ausgabe von Labriolas Werk In memoria del Manifesto dei comunisti (Zum Gedenken an das Manifest der Kommunisten) eine neue Übersetzung des Manifests, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die letzte in Italien bleiben sollte. Diese Version, deren Urheberschaft von einigen Labriola und von anderen seiner Frau Rosalia Carolina De Sprenger zugesprochen wurde, enthielt einige Ungenauigkeiten und Auslassungen und wurde deshalb auch in wenigen Neuauflagen des Werks wieder aufgegriffen.
Die am häufigsten verwendete Übersetzung bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs war also jene von Bettini, die wiederholt neu aufgelegt wurde. Auf eine erste 1910 folgten einige durch die Verlagsgesellschaft «Avanti», die zum Hauptpropagandaträger der Sozialistischen Partei wurde. Zwei davon wurden 1914 gedruckt, wobei die zweite auch Die Grundsätze des Kommunismus von Engels enthielt. Noch zwischen 1914 und 1916 (Neuauflage in den Jahren 1921-22) wurde die Version in den ersten Band der Auflage der Werke von Marx und Engels eingefügt, und – zum Beweis für die generelle Verwirrung, die sowohl in Italien als auch in Deutschland herrschte – mit denen von Lassalle zusammengestellt. Dann folgte eine im Jahr 1917, zwei 1918 mit im Anhang die 14 Punkte der Konferenz von Kienthal und das Manifest der Konferenz von Zimmerwald, daraufhin eine 1920 (mit zwei Neuauflagen 1922) in einer von Gustavo Sacerdote revidierten Übersetzung und schließlich eine 1925. Zu diesen «Avanti» (Vorwärts) Ausgaben kommen noch weitere sieben Neuauflagen zwischen 1920 und 1926 durch kleinere Verleger hinzu.
Während der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts wurde der «Marxismus» aus der täglichen politischen Praxis der Sozialistischen Partei verabschiedet. In einer berühmten Parlamentsdiskussion 1911 konnte der damalige Ministerpräsident Giovanni Giolitti behaupten: „die Sozialistische Partei hat ihr Programm sehr gemäßigt: Karl Marx wurde in den Dachboden geschickt“. Die Kommentare zu den Texten von Marx, die noch kurz zuvor den Büchermarkt überschwemmt hatten, kamen zum Stillstand. Sieht man von «Zurück zu Marx» aus den philosophischen Studien von Rodolfo Mondolfo und einigen anderen Ausnahmen ab, ereignete sich das gleiche auch in den Zehnerjahren. Was die Initiativen anderer Gesellschaftsbereiche und Institutionen betrifft, so hatte der Bürgerstand bereits vor langer Zeit die «Auflösung des Marxismus» gefeiert, während in der katholischen Kirche Vorurteile und Verurteilungen gegenüber den Analyseversuchen weit überwogen.
1922 brach die Barbarei des Faschismus herein. Ab 1923 wurden alle Exemplare des Manifests aus den öffentlichen Bibliotheken und Universitätsbibliotheken entfernt. 1924 wurden alle Publikationen von Marx und jene der Arbeiterbewegung verbrannt. Die faschistischen Gesetze von 1926 ordneten die Auflösung der Oppositionsparteien an und gaben damit den Ausschlag für den Beginn der tragischsten Periode der modernen italienischen Geschichte.
Abgesehen von einigen illegalen Maschinen geschriebenen oder vervielfältigten Ausgaben, erschienen die wenigen, in italienischer Sprache veröffentlichen Marxschen Schriften zwischen 1926 und 1943 im Ausland. (darunter zwei in Frankreich gedruckte Versionen des Manifests von 1931 und 1939 und eine neue, 1944 in Moskau veröffentlichte neue Übersetzung von Palmiro Togliatti). Die einzigen Ausnahmen in dieser Verschwörung des Schweigens bildeten drei verschiedene Ausgaben von Il Manifesto del partito comunista (Das Manifest der kommunistischen Partei). Zwei davon erschienen im Jahr 1934 «nur für Gelehrte» und mit der Auflage, vor Einsichtnahme eine Erlaubnis einzuholen. Die erste als Sammelband Politica ed economia (Politik und Wirtschaft), der neben den Texten von Marx auch jene von Labriola, Loria, Pareto, Weber und Rimmel enthielt; die Übersetzung war jene von Bettini, revidiert vom Herausgeber Robert Michels . Die zweite in Florenz, in der Übersetzung Labriolas als ein weiterer Sammelband, Le carte dei diritti (Die Rechtssatzungen), erster Band der Reihe «Classici del liberalismo e del socialismo» (Klassiker des Liberalismus und des Sozialismus). Dann die letzte, 1938, diesmal herausgegeben von Croce, im Anhang an die Essays von Labriola mit dem Titel La concezione materialistica della storia (Das materialistiche Konzept der Geschichte) in eigener Übersetzung. Der Band umfasste auch ein Essay von Croce, das später berühmt wurde, mit dem mehr als deutlichen Titel: Come nacque e come morì il marxismo teorico in Italia (1895-1900) (Wie begann und endete der theoretische Marxismus in Italien. 1895-1900). Der idealistische Philosoph irrte jedoch. Der italienische Marxismus war nicht tot, er war nur eingesperrt in den Quaderni del carcere (Gefängnishefte) von Antonio Gramsci , die bald darauf ihre ganze theoretische und politische Bedeutung entfalten würden.
Mit der Befreiung vom Faschismus begann das Manifest wieder in verschiedenen Ausgaben zu erscheinen. Provinzverbände der «Kommunistischen Partei Italiens», Initiativen einzelnen kleiner Verlage im Süden Italiens, der bereits befreit war, verhalfen dem Werk von Marx und Engels zu neuer Jugend. Drei Ausgaben erschienen 1943 und acht 1944. Und so ging es auch in den folgenden Jahren weiter. Von den neun Ausgaben am Ende des Krieges, 1945, bis zum Exploit 1948 anlässlich des hundertsten Jahrestags.

VI. SCHLUSSWORT
Beim abschließenden Rückblick über die Geschichte der italienischen Ausgabe des Manifests der kommunistischen Partei tritt klar die enorme Verspätung hervor, mit der dieses veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu Japan, wo, wie Sie wissen, das Manifest das erste Werk Marx` und Engels` war, das übersetzt wurde, erschien dieses in Italien erst nach anderen Werken. Auch sein politischer Einfluss war bescheiden und es hatte nie direkte Einwirkungen auf das Hauptdokument der Arbeiterbewegung gegeben. Umso weniger war es für die politische Bewusstseinsbildung der sozialistischen Parteiführer entscheidend. Allerdings war es für die Gelehrten (wie im Fall Labriola) von großer Bedeutung und über seine Ausgaben entfaltete es eine immer wichtigere Rolle bei den Militanten bis es schließlich zur bevorzugten theoretischen Referenzquelle wurde.
In den einhundertsechzig Jahren nach seiner ersten Veröffentlichung, während denen es von einer Unzahl von Exegeten, Gegnern und Anhängern von Marx geprüft wurde, hat das Manifest die unterschiedlichsten Zeiten durchlaufen und wurde auf die verschiedensten Weisen ausgelegt. Es war Meilenstein des «wissenschaftlichen Sozialismus» oder Plagiat des Manifeste de la démocratie (Manifest der Demokratie) von Victor Considerant; Zündstoff, der den Klassenhass in der Welt entflammte und schürte oder Symbol der Befreiung für die internationale Arbeiterbewegung; Klassiker der Vergangenheit oder vorwegnehmendes Werk der heutigen Welt der «kapitalistischen Globalisierung». Zu welcher Auffassung man auch immer neigt, eine Tatsache bleibt doch bestehen: ganz wenige andere Werke in der Geschichte können sich einer ähnlichen Lebendigkeit und Verbreitung rühmen. Auch heute wird das Manifest immer noch gedruckt und macht weiterhin von sich reden, in Lateinamerika, wie in China; in den USA, wie in Italien und ganz Europa.
Wenn die fortwährende Jugendlichkeit eines Werks in seiner Fähigkeit liegt, gekonnt zu altern und dabei immer neue Gedanken anzuregen, dann können wir zweifelsfrei behaupten, dass das Manifest diese Tugend besitzt.

 

References
[1] Vgl. Gian Mario Bravo, Marx e il marxismo nella prima sinistra italiana, in Marcello Musto (Hrsg.), Sulle tracce di un fantasma. L’opera di Karl Marx tra filologia e filosofia, Manifestolibri, Roma 2006 (2005), S. 97.
[2] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1995, S. 22.
[3] Vgl. John Cassidy, The return of Karl Marx, in „The New Yorker“, October 20/27 1997, S. 248-259.
[4] Vgl. „Le Nouvel Observateur“, Octobre/Novembre 2003.
[5] Vgl. „Der Spiegel“, 22/08/2005.
[6] Vgl. insbesondere Eric Hobsbawm, „Introduction“ zu Karl Marx-Friedrich Engels, The communist Manifesto, Verso, London 1998.
[7] Für ein vollständiges Verzeichnis der von 1848 bis 1926 in italienischer Sprache veröffentlichten Schriften von Marx und Engels siehe: Emilio Gianni, Diffusione, popolarizzazione e volgarizzazione del marxismo in Italia, Pantarei, Milano 2004. Für eine historiographische Rekonstruktion der ersten Verbreitung der Werke Marx’ in Italien wird auf die Abhandlungssammlung von Gian Mario Bravo, Marx ed Engels in Italia, Editori Riuniti, Roma 1992 verwiesen. In deutscher Sprache siehe: Gerhard Kuck (Hrsg.), Karl Marx, Friedrich Engels und Italien: Teil I, Herausgabe und Verbreitung der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels in Italien, und Teil II, Die Entwicklung des Marxismus in Italien: Wege, Verbreitung, Besonderheiten. Der erste der zwei Bände beinhaltet eine vollständige «Auswahlbibliographie zur italienischen Marx/Engels-Forschung», von den Siebzigerjahren des 19. Jh. bis 1943, S. 131–148.
[8] Siehe: Giuseppe Del Bo (Hrsg.), La corrispondenza di Marx e Engels con italiani (1848-1895), Feltrinelli, Milano 1964, S. IX–XXI.
[9] Carlo Marx capo supremo dell’Internazionale, in «Il proletario Italiano», Torino, 27-VII-1871.
[10] Siehe: Roberto Michels, Storia del marxismo in Italia, Luigi Mongini Editore, Roma 1909, S. 15, der hervorhebt, wie „anfangs der Politiker Marx die Italiener allmählich dazu brachte, sich auch mit dem Wissenschaftler Marx zu beschäftigen”.
[11] Carlo Marx capo supremo dell’Internazionale, (Anm. 9).
[12] Siehe: Renato Zangheri, Storia del socialismo italiano, Band I, Einaudi, Torino 1993, S. 338.
[13] Im Zusammenhang zu diesem Beispiel wird auf das Handbuch von Oddino Morgari, L’arte della propaganda socialista, Libr. Editr. Luigi Contigli, Firenze 1908 (2. Ausg.), S. 15 verwiesen. Es schlug den Propagandisten der Partei folgendes Lernverfahren vor: zunächst jede Zusammenfassung Darwins und Spencers zu lesen, die dem Studierenden eine allgemeine Richtung der modernen Lehre vorgibt; danach Marx zur Vervollständigung der „großartigen Triade“, der würdig das „Evangelium der zeitgenössischen Sozialisten“ einschließt.
Siehe dazu: Michels, Storia del marxismo in Italia, (Anm. 4), S. 102.
[14] Ebenda, S. 101.
[15] Siehe die weit verbreitete Schrift von Enrico Ferri, Socialismo e scienza positiva. Darwin, Spencer, Marx, Casa Editrice Italiana, Roma 1894. In seinem Vorwort bestätigt der italienische Autor: „Ich will beweisen, dass der Marxistische Sozialismus (…) nichts anderes ist, als die praktische und fruchtbare Vervollständigung der modernen wissenschaftlichen Revolution, im sozialen Leben, (…) bestimmt und geregelt von den Werken Charles Darwins und Herbert Spencers“.
[16] Siehe: Gnocchi Viani, Il socialismo moderno, Casa di pubblicità Luigi Pugni, Milano 1886. Siehe dazu die Kritik an Gnocchi Viani von Roberto Michels, Storia critica del movimento socialista italiano. Dagli inizi fino al 1911, Società An. Editrice “La voce”, Firenze 1926, S. 136.
[17] Siehe  beispielsweise den Brief der «Demokratischen Vereinigung von Macerata» an Marx vom 22-XII-1871. Diese Organisation schlug Marx als „Ehrentriumvir zusammen mit den Bürgern Giuseppe Garibaldi und Giuseppe Mazzini“ vor, in Del Bo (Hrsg.), (Anm. 2), S. 166. Im Wiedergeben der Nachricht an Wilhelm Liebknecht, am 2-I-1872, schrieb Engels: “eine Gesellschaft in Macerata in der Romagnahat zu ihren 3 Ehrenpräsidenten ernannt: Garibaldi, Marx und Mazzini. Diese Konfusion repräsentiert Dir genau den Zustand der öffentlichen Meinung unter den italienischen Arbeitern. Es fehlt nur noch Bakunin, um die Sache komplett zu machen”, MEW 33, Dietz Verlag, Berlin 1966, S. 368.
[18] Siehe: Michels, Storia del marxismo in Italia, (Anm. 4), S. 101, der  bestätigt, dass “in den Augen vieler Schäffle der echteste aller Marxisten war”.
[19] Siehe: Paolo Favilli, Storia del marxismo italiano. Dalle origini alla grande guerra, FrancoAngeli, Milano 2000 (1996), S. 50. zu den Kongressen der  italienischen «Internazionale» siehe: Gastone Manacorda, Il movimento operaio italiano attraverso i suoi congressi, Editori Riuniti, Roma 1992 (1963), im Besonderen S. 51–95.
[20] Siehe: Favilli, (Anm. 13), S. 45.
[21] Ebenda, S. 42.
[22] Ebenda, S. 59–61.
[23] Siehe: Tullio Martello an Karl Marx, 5-I-1883, in Corrispondenze con italiani, (Anm. 2), S. 294.
[24] Siehe: Filippo Turati an Friedrich Engels, 1-VI-1893, (Ebenda), S. 479–480.
[25] Siehe: Gian Mario Bravo, Marx e il marxismo nella prima sinistra italiana, in Marcello Musto (Hrgb.), Sulle tracce di un fantasma. L’opera di Karl Marx tra filologia e filosofia, Manifestolibri, Roma 2006 (2005), S. 101.
[26] Siehe: Michels, Storia critica del movimento socialista italiano. Dagli inizi fino al 1911, (Anm. 9), S. 135, der bestätigt, dass in Italien der Marxismus nicht aus „einer genauen Kenntnis der wissenschaftlichen Werke des Meisters fast aller seiner Anhänger hervorging, sondern aus Verbindungen, die einfach so mit etwas von ihm politisch Geschriebenen hergestellt wurden und mit einigen (nicht seiner) Wirtschaftszusammenfassungen, und oft, was noch schlimmer war, durch seine Nachahmer der deutschen Sozialdemokratie“.
[27] Siehe: Antonio Labriola, Über den historischen Materialismus, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1974, der bestätigte dass “viele von denen, die sich in Italien dem Sozialismus verschreiben, und zwar nicht einfach als Agitatoren, Redner und Parteikandidaten, spüren die Unmöglichkeit, aus ihm eine wissenschaftliche Überzeugung zu gewinnen, ohne ihm auf irgendwelchen Wegen mit der übrigen genetischen Auffassung von den Dingen, die mehr oder weniger hinter allen anderei Wissenschaften steht, in Verbindung zu bringen. Daher die Manie so vieler, in den Sozialismus die ganze übrige Wissenschaft, in der sie mehr oder weniger Bescheid wissen, hineinzustopfen. Daher die vielen Ungereimtheiten und Torheiten, die im Grunde ja durchaus verständlich sind”.
[28] Siehe: Bravo, Marx e il marxismo nella prima sinistra italiana, (Anm. 19), S. 103.
[29] Siehe: Michels, Storia del marxismo in Italia, (Anm. 4), S. 99.
[30] Siehe: Benedetto Croce, Storia d’Italia dal 1871 al 1915, Laterza, Bari 1967, S. 146 und 148.
[31] Friedrich Engels – Karl Marx, Manifest der kommunistische Partei, MEW 4, S. 461.
[32] Siehe: Friedrich Engels an Karl Marx, 25-IV-1848, MEGA² III/2, S. 153.
[33] Siehe: Karl Marx, Herr Vogt, MEGA² I/18, S. 107.
[34] Zur Bibliographie und Geschichte der Ausgaben des Manifests der Kommunistischen Partei siehe: Bert Andréas, Le Manifeste Communiste de Marx et Engels, Feltrinelli, Milano 1963.
[35] Vito Cusumano, Le scuole economiche della Germania in rapporto alla questione sociale, Giuseppe Marghieri Editore, Prato 1875, S. 278.
[36] In «La Plebe», Milano, April 1883, Nr. 4.
[37] Dall’Enza: Carlo Marx e il socialismo scientifico e razionale, in «Gazzetta Piemontese», Torino, 22-III-1883.
[38] Siehe: Bert Andréas, (Anm. 28), S. 145.
[39] Friedrich Engels an Pasquale Martignetti, 2 April 1891, in MEW 38, Dietz Verlag, Berlin 1964, p. 72.
[40] In «Lotta di classe», Milano, Jahrgang I, Nr. 8, 17/18-IX-1892.
[41] Siehe: Michele A. Cortellazzo, La diffusione del Manifesto in Italia alla fine dell’Ottocento e la traduzione di Labriola, in «Cultura Neolatina», 1981, Nr. 1-2, S. 98, der bestätigt: „1892 ist der Scheidepunkt, der die Übersetzungen des 19. Jh. in zwei sehr unterschiedliche Lager teilt: jenseits des Jahres gibt es ungenaue, lückenhafte und stark an ausländische Versionen angelehnte Übersetzungen, die eher wegen ihres Wertes als erste in Italien verbreitete Dokumente des Textes bedeutend sind, als für ihre Übersetzungen; diesseits von 1892 sind die Übersetzungen vollständig und genau und nahmen auch wegen ihrer Auflage unzweifelhaft auf die Verbreitung des Marxismus’ in Italien Einfluss“.
[42] Carlo Marx – Friedrich Engels, Il Manifesto del Partito Comunista, Uffici della Critica Sociale, Milano 1893, S. 2.
[43] Siehe: Gaetano Arfé, Storia del socialismo italiano (1892-1926), Mondadori, Milano 1977, S.70.
[44] Filippo Turati an Achille Loria, 26-XII-1890, in «Appendice» an Paolo Favilli, Il socialismo italiano e la teoria economica di Marx (1892-1902), Bibliopolis, Napoli 1980, S. 181–182.
[45] Friedrich Engels, Vorwort an Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band, MEGA II/15, S. 21.
[46] Benedetto Croce, Materialismo storico ed economia marxistica, Bibliopolis, Napoli 2001, S. 65.
[47] Engels, (Anm. 39), S. 21.
[48] Croce, (Anm. 40), S. 65.
[49] Siehe: Antonio Labriola an Benedetto Croce, 25-V-1895, in Croce, (Anm. 40), S. 269. Siehe dazu auch Mario Tronti, Tra materialismo dialettico e filosofia della prassi – Gramsci e Labriola, in Alberto Caracciolo – Gianni Scalia (Hrsg.), La città futura. Saggi sulla figura e il pensiero di Antonio Gramsci, Feltrinelli, Milano 1959, S. 148.
[50] “Alles sehr gut, nur einige kleine tatsächliche Mißverständnisse und anfangs eine etwas zu gelehrte Schreibweise. Ich bin sehr begierig auf den Rest”, in Friedrich Engels an Antonio Labriola, 8-VII-1895, MEW 39, Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 498.
[51] Siehe: Labriola, Über den historischen Materialismus, (Anm. 21), S. 113 (geänderte Übers.).
[52] Ebenda, S. 109.
[53] Ebenda, S. 99.
[54] Ebenda, S. 132.
[55] Siehe: Eugenio Garin, Antonio Labriola e i saggi sul materialismo storico, in Antonio Labriola, La concezione materialistica della storia, Laterza, Bari 1965, S. XLVI.
[56] Vladimir Illich Lenin, Karl Marx, in Opere, Band XXI, p. 76.
[57] Siehe dazu die Abhandlung von Benedetto Croce, Come nacque e come morì il marxismo teorico in Italia (1895-1900), in Croce, (Anm. 40), S. 265–305.
[58] Siehe: Francesco Saverio Merlino, L’utopia collettivista e la crisi del socialismo scientifico, Treves, Milano 1897; Francesco Saverio Merlino, Pro e contro il socialismo. Esposizione critica dei principi e dei sistemi socialisti, Treves, Milano 1897.
[59] Siehe: Antonio Graziadei, La produzione capitalistica, Bocca, Torino 1899.
[60] Siehe, Michels, Storia del marxismo in Italia, (Anm. 4), S. 120.
[61] Der Satz wurde von Giolitti am 8. April 1911 im Parlament verkündet. Siehe die Atti parlamentari, Camera dei Deputati, Sessione 1909-1913, Vol. XI, p. 13717. Siehe dazu Enzo Santarelli, La revisione del marxismo in Italia. Studi di critica storica, Feltrinelli, Milano 1964, S. 131–132.
[62] Zu den wichtigsten Schriften dieses Autors wird verwiesen auf Rodolfo Mondolfo, Umanismo di Marx. Studi filosofici 1908-1966, Einaudi, Torino 1968.
[63] Siehe: Antonio Gramsci, La costruzione del partito comunista (1923-1926), Einaudi, Torino, 1978, pp. 475–476.
[64] Die Änderungen an der Version Bettinis, die in dieser neuen Ausgabe enthalten sind, waren ein regelrechter Versuch der Deformation und des Auslassens einiger Abschnitte des Textes, damit dieser weniger gefährlich und der faschistischen Ideologie angepasster war. Siehe dazu: Franco Cagnetta, Le traduzioni italiane del «Manifesto del partito comunista», in «Quaderni di Rinascita», N. 1, Il 1848, Rinascita, Roma 1949, S. 28–29.
[65] Siehe: Santarelli, La revisione del marxismo in Italia, (Anm. 55), S. 23.
[66] Die chronologische Aufstellung der Ausgaben der wichtigsten Schriften von Marx und Engels bis zur Veröffentlichung des Manifestes der kommunistischen Partei ist folgende: 1871. Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich; 1873. Friedrich Engels, Von der Autorität; 1873. Karl Marx, Der politische Indifferentismus; 1879. Carlo Cafiero, Das Kapital von Karl Marx, kurz zusammengefasst von Carlo Cafiero; 1882-84. Karl Marx, Das Kapital; 1883. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft; 1885. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates; 1889. Karl Marx-Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei (Übersetzung Bissolati); 1891. Karl Marx-Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (Übersetzung Gori); 1892. Karl Marx-Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei (Übersetzung Bettini).

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Leitfaden zum Verständnis der Welt

Eric Hobsbawm (1917-2012) galt als einer der größten lebenden Historiker.

Zu seinen zahlreichen Arbeiten zählen die Trilogie über «das lange 19. Jahrhundert»: «Europäische Revolutionen. 1789–1848» (dt. 1962), «Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1874 (dt. 1975), «Das imperiale Zeitalter. 1875–1914» (dt. 1989) sowie «Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts» (dt. 1995)

Zwei Jahrzehnte nach 1989, als er zu eilig dem Vergessen übergeben wurde, ist Karl Marx ins Rampenlicht zurückgekehrt. So widmete das französische Magazin Nouvel Observateur 2003 eine Spezialausgabe dem Thema «Karl Marx – der Denker des dritten Jahrtausends?». Ein Jahr später stimmten in einer Meinungsumfrage des Fernsehsenders ZDF nach den wichtigsten Deutschen aller Zeiten mehr als 500.000 Zuschauer für Marx; er wurde Dritter in der allgemeinen Eingruppierung und erster in der Kategorie «gegenwärtige Bedeutung». Dann porträtierte ihn 2005 das Wochenmagazin Der Spiegel auf seinem Deckblatt unter dem Titel «Ein Gespenst kehrt zurück», während Hörer des Programms «Zu unserer Zeit» auf BBC 4 für Marx als den größten Philosophen stimmten. In einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit Jacques Attali sagten Sie paradox «es sind mehr die Kapitalisten als andere, die Marx wiederentdeckt haben», und Sie sprachen von Ihrem Erstaunen, als der Geschäftsmann und liberale Politiker George Soros zu Ihnen sagte: «Ich habe gerade Marx gelesen, und es gibt schrecklich viel Wahres in dem, was er sagt.» Was sind die Gründe für diese Wiederbelebung? Ist sein Werk nur für Spezialisten und Intellektuelle von Interesse, sollte es in Universitätskursen als große Klassik des modernen Denkens vorgestellt werden, das nie vergessen werden sollte? Oder könnte eine neue «Nachfrage nach Marx» zukünftig auch von politischer Seite kommen?

Es gibt eine unbezweifelbare Wiederbelebung des öffentlichen Interesses an Marx in der kapitalistischen Welt, wenn auch wahrscheinlich noch nicht in den neuen osteuropäischen Mitgliedsländern der Europäischen Union. Diese Wiederbelebung wurde vermutlich durch die Tatsache beschleunigt, daß das 150jährige Jubiläum der Veröffentlichung des «Manifests der Kommunistischen Partei» 1998 mit einer besonders dramatischen wirtschaftlichen Krise mitten in einer Periode der ultra-schnellen Globalisierung freier Märkte zusammentraf.

Marx hat die Natur der Wirtschaft des frühen 21. Jahrhunderts 150 Jahre zuvor vorhergesagt – auf der Basis seiner Analyse der «bürgerlichen Gesellschaft». Es ist nicht überraschend, daß intelligente Kapitalisten – besonders im globalisierten Finanzsektor – von Marx beeindruckt wurden, da sie sich notwendigerweise der Natur und der Instabilitäten der kapitalistischen Wirtschaft, in der sie operieren, bewußter sind als andere. Die meisten in der intellektuellen Linken wußten nicht mehr, was sie mit Marx anfangen sollten. Sie waren durch den Zusammenbruch des sozialdemokratischen Projekts in den meisten nordatlantischen Staaten während der 80er Jahre und durch den massenhaften Gesinnungswandel nationaler Regierungen zur Freien-Markt-Ideologie demoralisiert, ebenso wie durch den Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Systems, das behauptet hatte, durch Marx und Lenin inspiriert zu sein.

Natürlich bedeutet das nicht, daß man aufhören wird, Marx als großen und klassischen Denker zu betrachten. Jedoch gab es – besonders in Ländern wie Frankreich und Italien mit einst mächtigen kommunistischen Parteien – eine leidenschaftliche intellektuelle Offensive gegen Marx und gegen marxistische Analysen, die ihre Höhepunkte wahrscheinlich in den 80er und 90er Jahren hatte. Es gibt Anzeichen dafür, daß sie jetzt an ein Ende gelangt ist.

Sein gesamtes Leben lang war Marx ein kluger und unermüdlicher Forscher, der besser als irgend jemand sonst zu seiner Zeit die Entwicklung des Kapitalismus im Weltmaßstab erspürte und analysierte. Er verstand, daß die Geburt einer globalisierten internationalen Wirtschaft der kapitalistischen Produktionsweise inhärent war, und sagte voraus, daß dieser Prozeß nicht nur Wachstum und Wohlstand, auf den liberale Theoretiker und Politiker stolz verwiesen, hervorbringen würde, sondern auch gewaltsame Konflikte, Wirtschaftskrisen und umfassende soziale Ungerechtigkeit. Im vergangenen Jahrzehnt erlebten wir die ostasiatische Finanzkrise, die im Sommer 1997 begann, die argentinische Wirtschaftskrise von 1999 bis 2002 und vor allem die «Subprime«-Krise, die 2006 in den Vereinigten Staaten begann und jetzt die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit geworden ist. Ist es deswegen richtig zu sagen, daß die Wiederkehr des Interesses an Marx auch auf der Krise der kapitalistischen Gesellschaft beruht, und darauf, daß gestützt auf ihn die grundlegenden Widersprüche der heutigen Welt erklärt werden können?

Ob die zukünftige Politik der Linken einmal erneut von Marx’ Analyse angeregt wird wie die alten sozialistischen und kommunistischen Bewegungen, wird davon abhängen, was mit dem Weltkapitalismus passiert. Aber das bezieht sich nicht nur auf Marx, sondern auf die Linke als kohärenter politischer Ideologie und als Projekt. Da – wie Sie richtig sagen – die Wiederkehr des Interesses an Marx weitgehend – ich würde sagen hauptsächlich – auf der gegenwärtigen Krise der kapitalistischen Gesellschaft basiert, ist die Aussicht vielversprechender als in den 1990er Jahren.

Die derzeitige Finanzkrise, die in den USA zu einer großen ökonomischen Depression werden kann, bedeutet ein dramatisches Versagen der Theologie des unkontrollierten freien Marktes und zwingt sogar die US-Regierung, staatliche Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, die man seit den 1930ern vergessen hatte. Politische Zwänge schwächen bereits das Engagement von wirtschaftspolitisch neoliberalen Regierungen für unkontrollierte, unbegrenzte und unregulierte Globalisierung. In einigen Fällen wie in China rufen die enormen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die durch einen En-gros-Übergang zur Wirtschaft eines freien Marktes verursacht werden, gewaltige Probleme für die soziale Stabilität hervor und lassen selbst auf den höheren Ebenen der Regierung Zweifel aufkommen.

Es ist klar, daß jede «Rückkehr zu Marx» wesentlich eine Rückkehr zu Marx’ Analyse des Kapitalismus und zu deren Platz in der historischen Evolution der Menschheit ist – eingeschlossen vor allem seine Analyse der zentralen Instabilität der kapitalistischen Entwicklung, die durch von ihr selbst hervorgebrachte periodische Wirtschaftskrisen voranschreitet. Kein Marxist konnte auch nur für einen Moment wähnen, daß der liberale Kapitalismus sich selbst für immer etabliert hätte – wie neoliberale Ideologen 1989 behaupteten –, daß die Geschichte zu einem Ende gekommen sei, oder daß tatsächlich irgendein System menschlicher Verhältnisse jemals abschließend und endgültig sein könnte.

Wenn die politischen und intellektuellen Kräfte der internationalen Linken auf die Ideen von Marx verzichteten, würden sie dann einen grundlegenden Leitfaden für die Prüfung und Transformation der heutigen Realität verlieren?

Kein Sozialist kann auf die Ideen von Marx verzichten, da seine Überzeugung, daß auf den Kapitalismus eine andere Form der Gesellschaft folgen muß, nicht auf Hoffnung oder Willen beruht, sondern auf einer ernsthaften Analyse der historischen Entwicklung, besonders in der kapitalistischen Ära. Seine aktuelle Vorhersage, daß der Kapitalismus durch ein gesellschaftlich geleitetes und geplantes System ersetzt werden wird, erscheint immer noch begründet, auch wenn er sicherlich die Marktelemente unterschätzte, die in jedem nach-kapitalistischem System überleben würden. Da er sich sehr bewußt jeder Spekulation über die Zukunft enthielt, kann er nicht für die besonderen Methoden verantwortlich gemacht werden, mit denen «sozialistische» Wirtschaften im «real existierendem Sozialismus» organisiert wurden. Was die Ziele des Sozialismus angeht, war Marx nicht der einzige Denker, der eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Entfremdung wollte, in der alle menschlichen Wesen ihre Fähigkeiten entfalten können, aber er drückte dieses Bestreben kraftvoller aus als irgendein anderer, und seine Worte haben noch immer die Kraft zu begeistern.

Marx wird jedoch nicht als ein politischer Anreger der Linken zurückkehren, bevor nicht verstanden wird, daß seine Schriften nicht als autoritative oder anderweitige politische Programme behandelt werden sollten, auch nicht als Beschreibungen der aktuellen Situation des heutigen Weltkapitalismus, sondern eher als Leitfäden zu seiner Art, die Natur der kapitalistischen Entwicklung zu begreifen. Wir können und sollten auch nicht vergessen, daß er nicht dazu kam, eine zusammenhängende und völlig durchdachte Vorstellung seiner Ideen zu liefern – trotz der Versuche von Engels und anderen, einen Band II und III des «Kapital» aus den Manuskripten von Marx zu konstruieren. Wie die «Grundrisse» zeigen, hätte selbst ein vollständiges «Kapital» nur einen Teil von Marx’ eigenem, vielleicht ausufernd ehrgeizigem Plan dargestellt.

Auf der anderen Seite wird Marx für die Linke nicht an Bedeutung gewinnen, bevor nicht die gegenwärtige Tendenz bei radikalen Aktivisten, Antikapitalismus in Antiglobalismus zu wenden, zu einem Ende kommt. Die Globalisierung gibt es und sie ist – falls es nicht zu einem Kollaps der menschlichen Gesellschaft kommt – irreversibel. Marx erkannte sie in der Tat als Faktum an und – als Internationalist – begrüßte er sie im Prinzip. Was er kritisierte und was wir kritisieren müssen, war die Art der Globalisierung, die der Kapitalismus produzierte.

Im Vorwort zu dem von mir herausgegebenen Sammelband über die «Grundrisse» von 1857/1858 (siehe unten) halten Sie fest, daß diese «Analysen und Einsichten enthalten, z. B. über Technologie, die Marx’ Untersuchung des Kapitalismus weit über das 19. Jahrhundert hinausheben, in eine Gesellschaftsära, in der Produktion nicht länger Massenarbeit erfordert, einer Ära der Automation, des Potentials von Freizeit, und der Transformation von Entfremdung unter solchen Umständen. Es ist der einzige Text, der etwas über Marx’ eigene Bemerkungen zur kommunistischen Zukunft in der ›Deutschen Ideologie‹ hinausgeht. Kurz gesagt, er wurde richtig beschrieben als Marx’ Denken in seiner reichsten Form.» Daher: Was könnte das Ergebnis einer neuen Lektüre der «Grundrisse» heute sein?

Es gibt wahrscheinlich nicht mehr als eine Handvoll Herausgeber und Übersetzer, die komplette Kenntnis von dieser gewaltigen und offenkundig schwierigen Textmasse haben. Aber eine Wiederlektüre oder besser eine heutige Lektüre könnte uns helfen, Marx neu zu durchdenken: Zu unterscheiden, was das Allgemeine in Marx’ Analyse des Kapitalismus ist und was das Spezifische in der Situation einer «bürgerlichen Gesellschaft» Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir können nicht vorhersagen, welche Schlußfolgerungen aus dieser Untersuchung möglich und wahrscheinlich sind, nur, daß sie sicherlich nicht einmütige Zustimmung finden werden.

Warum ist es heute wichtig, Marx zu lesen?

Jedem, der an Ideen interessiert ist, ob Universitätsstudent oder nicht, ist offenkundig klar, daß Marx einer der größten philosophischen Köpfe und ökonomischen Analytiker des 19. Jahrhunderts war und es bleiben wird, sowie – in den besten Passagen – der Autor einer leidenschaftlichen Prosa. Es ist außerdem wichtig, Marx zu lesen, weil die Welt, in der wir heute leben, nicht verstanden werden kann ohne den Einfluß, den die Schriften dieses Mannes auf das 20. Jahrhundert hatten. Und schließlich sollte er gelesen werden, weil – wie er selbst schrieb, die Welt nicht verändert werden kann, wenn man sie nicht verstanden hat – und Marx’ Schriften bleiben ein überragender Leitfaden zum Verständnis der Welt und der Probleme, denen wir entgegentreten müssen.

Übersetzung aus dem Englischen: Arnold Schölzel